Corona und die Gefahr für das Hallenhockey

Martin Häner (l.) bei der Hallenhockey-WM 2018

Hallenhockey

Corona und die Gefahr für das Hallenhockey

Von Dorian Aust

Die traditionelle Sportart Hallenhockey droht auch in Deutschland immer weiter an Bedeutung zu verlieren. Der Hockey-Weltverband treibt eine neue Hockey-Variante voran - und nun musste auch noch die Bundesligasaison abgesagt werden.

In den 1960er Jahren schien im Feldhandball noch alles in Ordnung zu sein. Man spielte unter freiem Himmel auf Rasen – elf gegen elf. Ein gutes Jahrzehnt später war die Sportart in Deutschland so gut wie unsichtbar geworden. Die Hallenversion wurde olympisch, der Siegeszug des Hallenhandballs wurde eingeläutet.

Das Schicksal des Feldhandballs könnte ein warnendes Beispiel für das deutsche Hallenhockey sein. Die Situation ist zwar noch nicht ganz so dramatisch, könnte es aber werden. Der Fokus liegt immer mehr auf der Outdoor-Sportart Feldhockey, seit 1928 durchgehend olympisch. Die Finanzierung des gesamten Hockeysports in Deutschland hängt maßgeblich an den sportlichen Erfolgen alle vier Jahre bei Olympia.

Ex-DHB-Präsident - "Stellenwert des Hallenhockeys gesunken"

Hallenhockey hingegen fristet mittlerweile ein Nischendasein. "Im absoluten Leistungsbereich ist der Stellenwert des Hallenhockeys gesunken. In jeder Hallensaison spüren wir die Einwirkungen des Feldhockeys", so der ehemalige Präsident des Deutschen Hockey-Bundes (DHB) Wolfgang Hillmann. Die Spielzeiten seien durch neue Feldhockey-Wettbewerbe wie die ProLeague zunehmend verkürzt worden. "Der Hallenkalender wird immer enger", pflichtet auch Henning Fastrich, Vizepräsident Bundesligen, bei.

Corona- und zeitbedingt musste deshalb am Donnerstag (26.11.2020) die gesamte Saison abgesagt werden. "Die Entscheidung war alternativlos auf Grund des engen Terminkalenders", sagt Fastrich gegenüber der Sportschau. Auch die Umsetzung von Hygienekonzepten – teils in öffentlichen Hallen – hätte wohl einigen Bundesligisten Schwierigkeiten bereitet. Die Nationalspieler hätten wegen der Olympischen Sommerspiele 2021 ohnehin nicht gespielt.

Bessere U21 gewinnt Heim-EM

Es ist nicht neu, dass Nationalspieler im Winter vor großen Turnieren auf eine Hallensaison verzichten. So war es auch im Januar 2020, als von einer Verschiebung der Olympischen Spiele noch nicht die Rede war. Während der A-Kader einen Lehrgang und Länderspiele in Spanien auf dem Feld austrug, schickte der DHB eine bessere U21-Mannschaft zur Hallen-EM nach Berlin.

Allein dieses Vorhaben hatte im Vorfeld bereits für Zoff gesorgt. Der eigentliche EM-Gastgeber Krefeld trat von der Ausrichtung zurück, weil eine EM ohne aktuelle A-Kaderspieler "keine erfolgreiche Vermarktung" zulasse. Die DHB-Herren triumphierten dennoch mit einem Perspektivteam (Altersdurchschnitt 22), zum 16. Mal beim 19. EM-Turnier. Deutschland gewinnt bei den Damen und Herren reihenweise Turniere und trägt auch die nächste EM aus – 2022 in Hamburg.

Elementarer Bestandteil der Jugendarbeit

Der geringe Stellenwert von Hallenhockey international lässt Deutschland den Sport dominieren, denn hierzulande ist der Sport elementarer Bestandteil der Nachwuchsarbeit. Das schnelle und enge Spiel wird vor allem für die technische Ausbildung wertgeschätzt.

Die Kritik an der geringen internationalen Bedeutung ist da: "Der Weltverband nimmt überhaupt keine Rücksicht auf Hallenhockey. Irgendwo muss man dann als Spieler Abstriche machen. Der richtige A-Kader spielt eigentlich nie die Halle", weiß auch Martin Häner, Olympiasieger von London 2012 und Athletensprecher im DHB.

Der Generalsekretär des Hockey-Weltverbandes FIH, Thierry Weil, gibt das sogar zu: "Der Stellenwert beim Weltverband ist nicht genügend. Ehrlich gesagt, wir haben nicht genug aus dem Sport gemacht." Man wolle Indoor-Hockey in Zukunft mehr promoten. "Es reicht nicht, alle zwei Jahre eine Hallen-WM zu haben", so Weil.

Kannibalisiert sich der Hockeysport?

Weil geht davon aus, dass die beiden Sportarten nebeneinander existieren können, dabei geht vom Weltverband möglicherweise eine weitere kannibalistische Gefahr aus. Das 2013 eingeführte "Hockey5" ist eine Kleinfeldvariante des Feldhockeys, das mehr Action, mehr Tore und mehr Spektakel verspricht – sozusagen ein drittes Hockey.

Offiziell wurde Hockey5 eingeführt, um Ländern mit weniger Hockey-Infrastruktur den Zugang zur Sportart zu erleichtern. Und tatsächlich wird beispielsweise auf den ozeanischen Inseln Hockey5 gespielt – die anderen Versionen praktisch gar nicht.

Eine attraktive Alternative für Olympia bieten, das könnte ein Hintergedanke gewesen sein. Immerhin ist das Spiel übersichtlicher, somit TV-freundlicher und beansprucht weniger Athletenplätze. "Wir sind zu viele Leute für eine Medaille", sagt auch Martin Häner. "Auf lange Sicht kann ich mir schon vorstellen, dass Hockey5 eine Alternative ist". Bei den Olympischen Jugendspielen 2014 und 2018 hat sich das IOC bereits für Hockey5 entschieden. 2023 soll nun die erste WM ausgetragen werden.

Hockey5-WM ohne deutsche Beteiligung

Laut FIH-Generalsekretär Weil könnten sich Hockey5 und die deutsche Paradedisziplin langfristig annähern, sogar die Regeln könnten sich harmonisieren. Was passiert also, sollte Hockey5 weltweit mehr Menschen in seinen Bann ziehen als Hallenhockey? Ist es ein Verdrängungswettbewerb?

Fastrich sieht diese Gefahr nicht: "Hockey5 wird kommen, es soll aber als komplett neue Sportart aufgebaut werden." Deutschland ist, wie auch die anderen traditionellen Hockeynationen, bisher zurückhaltend. Der DHB schickt beispielsweise keine Mannschaft zur Premieren-WM. Ab nächstem Jahr sollen in Deutschland aber zumindest die Voraussetzungen für Hockey5 geschaffen werden, also auch der Bau von entsprechenden kleinen Kunstrasenplätzen in Angriff genommen werden.

Hallenhockey als reiner Bundesligasport?

Und auch die Absage der aktuellen Saison wird im Hockey nicht als Gefahr wahrgenommen. Die Halle sei die einzige Möglichkeit, Hockey in Deutschland als Ganzjahressportart zu betreiben, so Hillmann.

Das Hallenhockey muss sich zukünftig also gegen eine weitere Disziplin innerhalb des eigenen Sports behaupten. Der Feldhandball ging bereits durch eine konkurrierende Sportart in die Knie. "Ich kann mir vorstellen, dass es irgendwann ein reiner Bundesligasport ist. Aber, dass Hallenhockey komplett ausfällt, kann ich mir nicht vorstellen", ist Martin Häner dennoch optimistisch.

Stand: 26.11.2020, 15:30

Darstellung: