Viggó Kristjánsson - erst Fußballprofi, jetzt Handball-Torjäger

Viggó Kristjánsson

Handball | TVB Stuttgart

Viggó Kristjánsson - erst Fußballprofi, jetzt Handball-Torjäger

Handball oder Fußball? Viele Kids müssen sich eines Tages entscheiden, bei welcher Sportart die Leidenschaft größer ist. Viggó Kristjánsson war schon Fußball-Profi, ehe er die Kickschuhe mit den quietschenden Handball-Schuhen tauschte. Seit dieser Saison spielt er beim TVB Stuttgart - und wie.

Er trifft und trifft und trifft. Viggó Kristjánsson ist gerade nicht zu stoppen. Zuerst von Hannover-Burgdorf nicht, wo er am er am 8. Spieltag zehn Treffer erzielte. Dann entwischte er auch des Öfteren der Flensburger-Abwehr im Topspiel am Sonntag. Elf Treffer standen nach Spielende auf Viggó Kristjánssons Arbeitsnachweis. Auch wenn die 30:34-Niederlage an der deutsch-dänischen Grenze ein kleiner Dämpfer war, besser könnte es für Kristjánsson und den TVB derzeit kaum laufen. Mit Tabellenplatz vier und elf Pluspunkten steht das Team von Trainer Jürgen Schweikardt mehr als gut da.

Isländer mit Weltklasse-Leistungen - Bester Werfer der Liga

Mehr als gut liest sich auch die Statistik von Kristjánsson: 71 Tore nach neun Spielen, eine Wurfeffektivtät von 66 Prozent, 18 Assists. Der isländische Linkshänder ist in der Form seines Lebens. Er ist nicht nur bester Werfer seines Teams, sondern auch der ganzen Liga. Im Schnitt wirft der Mann, der noch einen Vertrag bis 2022 besitzt, 7,8 Tore pro Spiel. Nur Rechtsaußen Robert Weber von der HSG Nordhorn-Lingen kann da mithalten. Auch er hat 71 Tore erzielt.

Fußballer-Herz zunächst größer

Dass Kristjánsson inzwischen haufenweise Tore wirft und nicht mehr schießt, war lange nicht klar. Von klein auf übte "Viggó" nicht nur mit der Harzkugel, sondern auch mit dem etwas größeren Leder - und wurde früh Fußball-Profi. In der 1. und 2. isländischen Liga kickte der vielseitige Sportler unter anderem für den isländischen Erstliga-Club Breidablik Kópavogur. Mit diesem Team gelang im Juli 2013 in der zweiten Runde der Europa-League Qualifikation der große Coup: Nach dem 0:0 im Hinspiel gewann Breidablik bei Sturm Graz mit 1:0. Der isländische Club erreichte die nächste Runde - eine Sensation. Kristjánsson spielte damals zwar nicht, war aber im Kader.

Insgesamt 66 Pflichtspiele absolvierte er für diverse Teams der 1. und 2. Liga und erzielte dabei drei Tore. Auch sieben Länderspiele für Islands Junioren-Team stehen in seiner außergewöhnlichen Vita.

Vom Fußball- zum Handball-Profi

Dennoch musste der Mittelfeldspieler erkennen, dass es für die große Karriere in Europas Top-Ligen nicht reicht. Aus mangelnder Perspektive hing er seine Stollen im Alter von nur 20 Jahren an den Nagel und schnürte sich die Handball-Schuhe. Von Island ging es über Dänemark nach Österreich. Sein Landsmann Hannes Jón Jónsson, heutiger Trainer der Bietigheimer Zweitligatruppe, holte ihn zur SG Handball West Wien. Nach zwei Jahren Wien und diversen Auszeichnungen für den besten Torschützen und besten Spieler der Saison zog es den Linkshänder in die Bundesliga.

Durchbruch erst in Stuttgart

Aller Anfang ist schwer. Diese Erfahrung machte auch Kristjánsson in der "stärksten Liga der Welt". Kaum angekommen beim SC DHfK Leipzig war er auch schon wieder weg. Nach nur 13 Spielen schloss sich der Handballer während der Saison der HSG Wetzlar an, wo er die vergangene Saison zu Ende spielte. Es folgte der Wechsel zum TVB Stuttgart, wo der Familienvater so richtig los legte.

Spielintelligenz zeichnet ihn aus

Doch was macht den 26-Jährigen derzeit so stark? Cleverness und Spielwitz zeichnen den flinken und technisch starken Rückraumspieler aus. Körperlich ist er auf seiner Position den meisten unterlegen und doch glänzt der Isländer durch Vielseitigkeit: Mal assistiert er seine Teamkollegen, mal wird er zum gnadenlosen Vollstrecker. Mal täuscht er rechts an, mal links. Er übernimmt Verantwortung als Siebenmeter-Schütze und steht seinen Mann auf der Hinten-Rechts-Position in der Abwehr. Zudem stellt Trainer Schweikardt den Isländer im Überzahlspiel 7 gegen 6 auf die Rückraum-Mitte. Dort soll er unter hohem Druck Entscheidungen treffen. Eine außergewöhnliche Idee, aber auch diese Rechnung geht auf.

TVB Stuttgart verliert bei der SG Flensburg-Handewitt 00:48 Min. Verfügbar bis 22.11.2021

Wahl zum "Kretzsche des Monats"

Viggó Kristjánsson sorgt für Furore in der Liga. Das beweist die Nominierung von Handball-Ikone Stefan Kretzschmar für den "Kretzsche des Monats". Eine Auszeichnung für den "besten" Bundesliga-Spieler. wenn es nach den Handball-Zuschauern geht. Nach dem Spitzenspiel in Flensburg wurde ihm diese Trophäe überreicht. Eine schöne Geschichte für den Ex-Fußballer auch deshalb, da Kristjánsson mit der 73 aufläuft und sein großes Vorbild Stefan Kretzschmar ist.

Große isländische Fußstapfen

So ist der Familienvater, der mit der Profi-Golferin Sunna Vidisdottir verheiratet ist, auf dem besten Weg in große isländische Fußstapfen zu treten. Denn in Island gab es schon immer gute Handballer - und gute Linkshänder. Mit Ólafur Stefánsson (Karriereende) und Alexander Petersson (Rhein-Neckar Löwen) haben zwei Landsmänner auf höchster internationaler Handball-Bühne um Medaillen und Titel gespielt. Für Kristjánsson ist die Nationalmannschaft bei den Leistungen nur eine Frage der Zeit. Die ursprünglich erhoffte internationale Karriere im Fußball könnte nun doch noch im Handball wahr werden.

SWR | Stand: 24.11.2020, 19:37

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