Trainerbeben und eiskalter THW - der sportliche Rückblick

Patrick Wiencek durchbricht die Abwehr der Rhein Neckar Löwen

Handball-Bundesliga der Männer

Trainerbeben und eiskalter THW - der sportliche Rückblick

Von Robin Tillenburg

Auch wenn die Teams eigentlich noch sieben oder acht Spiele gehabt hätten, um ihre Platzierung zu verändern, ist die Handball-Bundesligasaison der Männer beendet. Ein sportlicher Rückblick.

Der THW Kiel ist Meister - bei einem ausgetragenen Spiel weniger haben die "Zebras" zum Zeitpunkt des Saisonabbruchs zwei Punkte Vorsprung auf Nord-Konkurrent SG Flensburg-Handewitt und die um fast 50 Tore bessere Tordifferenz.

Dass dieser Meistertitel nach 27, respektive 26, absolvierten Spielen und den Umständen des Saisonabbruchs auch in Kiel nicht die ganz großen Jubelstürme verursachen wird, ist klar. Dennoch nannte Kiels Geschäftsführer Viktor Szilagyi die Meisterschaft "verdient" und "eine Anerkennung für die grandiosen Leistungen der Mannschaft."

Kieler eiskalt und extrem stabil

Über die Definition von "verdient" kann man in der Theorie streiten, über die Leistung der Kieler in dieser Spielzeit nicht. Die war hervorragend. Gerade offensiv war die Truppe von Trainer Filip Jicha, der damit in seiner ersten Saison als Cheftrainer gleich eine Meisterschaft verbuchen kann, in dieser Saison das Maß aller Dinge. Im Schnitt traf der THW 30 mal pro Partie - Ligabestwert.

Die größte statistische Auffälligkeit ist aber die Fehlerquote im Spiel. Mit nur 114 technischen Fehlern (Schrittfehler, Stürmerfouls o.ä.) war das Team um Domagoj Duvnjak nahezu beängstigend ballsicher. Zweiter in dieser Wertung sind übrigens die Füchse Berlin mit ganzen 152.

THW Kiels Manager Szilagyi zum Titel: "Emotional nicht vergleichbar"

Sportschau 21.04.2020 00:13 Min. Verfügbar bis 21.04.2021 ARD

Flensburg: Kleine Ausrutscher

Flensburg, Titelträger der vergangenen Saison, hat sich eigentlich nicht viel vorzuwerfen - die Leistungen waren erneut gut. Lediglich die leichte Auswärtsschwäche der Mannschaft von Maik Machulla verhinderte den großen Wurf. Niederlagen in Göppingen und Ludwigshafen und das Unentschieden in Stuttgart waren am Ende wohl die Knackpunkte. Der THW leistete sich gegen kein Team aus der unteren Tabellenhälfte einen Punktverlust, Flensburg ließ dort eben die genannten fünf Zähler liegen.

Hannover-Burgdorf überrascht

Die größte Verbesserung in der Tabelle im Vergleich zur Vorsaison gelang der TSV Hannover-Burgdorf. Die Mannschaft um Shootingstar Timo Kastening und Spielmacher Morten Olsen war 2018/19 nur 13. geworden und landete kein ganzes Jahr später auf einem hervorragenden vierten Platz.

Hannovers Timo Kastening beim Wurf

Hannovers Timo Kastening beim Wurf

Zum Jahreswechsel war das Team von Trainer Carlos Ortega sogar noch Kiels größter Konkurrent gewesen, kam aber nach der EM nicht richtig in den Tritt. Bitter: Olsen wechselt in die Heimat und Kastening zieht es nach Melsungen. Hannovers Trainergespann aus Ortega und Iker Romero wird zwar international spielen, aber zwei Schlüsselspieler ersetzen müssen.

Melsungen wird den Ansprüchen nicht gerecht

Die MT Melsungen rutschte als Vorjahresfünfter in diesem Jahr auf Platz sieben aus den internationalen Rängen. Das ist auf den ersten Blick kein enormer Abstieg, passt aber nicht zu den Ansprüchen, die man bei der mit Nationalspielern gespickten MT hat. Trainer Heiko Grimm musste deshalb Ende Februar nach vier sieglosen Pflichtspielen nacheinander gehen. Nachfolger Gudmundur Gudmundsson erhielt zunächst einen Kontrakt bis zum Saisonende, der aber Anfang April um ein Jahr verlängert wurde.

Großes Pech für die Füchse - blaues Auge für die Löwen

Die Rhein-Neckar Löwen wären eigentlich wohl die größte Enttäuschung der Spielzeit gewesen. Spielerisch lief das Team um Spielmacher Andy Schmid jedenfalls nur selten zu der Hochform auf, zu der es auf dem Papier fähig sein müsste. 18 Minuspunkte nach nur 26 Spielen - ein aus Löwen-Sicht nicht akzeptables Ergebnis.

Kristjan Andresson, Cheftrainer der Rhein-Neckar Löwen

Kurze Amtszeit: Kristjan Andresson als Cheftrainer der Rhein-Neckar Löwen

Das Missverständnis mit Kristjan Andresson als Übungsleiter wurde Ende Februar nach nicht einmal einer Saison beendet, Martin Schwalb ist der neue starke Mann. Der darf unerwartet nun doch sogar mit den Löwen international spielen: Weil die Quotientenregelung zur Berechnung der Abschlusstabelle herangezogen wurde (Punkte durch Spiele mal 100) überholen die Mannheimer die Füchse Berlin noch und stehen somit auf Rang fünf.

Februar kein guter Monat für Trainer

Für die Berliner, die bereits ankündigten, das Ergebnis ohne Klagen zu akzeptieren, ist es das Ergebnis einer gebrauchten Saison, die auch von Verletzungssorgen geprägt war. Obwohl in Jaron Siewert der neue Trainer für 2020/21 bereits lange feststand, trennte man sich im "großen Trainerbeben" Ende Februar von Velimir Petkovic und installierte Michael Roth bis zum Saisonende. Zuvor hatten die Berliner nach ganz schwacher Leistung Tabellenschlusslicht Nordhorn den zweiten Saisonsieg beschert.

Nordhorn wacker, aber nur selten mit Punkten

Im Abstiegskampf, der ja am Ende keiner war, zeichnete sich früh ab, dass ebendieser Aufsteiger HSG Nordhorn-Lingen die Klasse nicht würde halten können. Nun bleibt das Team um den vor der Spielzeit verpflichteten Österreicher Robert Weber trotz nur vier geholter Punkte drin.

Stand: 22.04.2020, 08:30

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