Rhein-Neckar Löwen - im Zweifel Schmid

Andy Schmid jubelt

Handball

Rhein-Neckar Löwen - im Zweifel Schmid

Von Robin Tillenburg

Wäre "Dreh- und Angelpunkt" nicht schon ein gängiger Ausdruck im Sport, hätte er für Andy Schmid erfunden werden müssen. Der Schweizer ist auch im fortgeschritteneren Handballeralter die Lebensversicherung der Rhein-Neckar Löwen.

Beim 32:29 (25:25, 24:24, 13:11) nach Verlängerung der Löwen im DHB-Pokal beim starken Bergischen HC am Dienstagabend (16.10.2018) waren es elf Treffer, die der Spielmacher des Meisters von 2016 und 2017 und Pokal-Titelverteidigers erzielte. Von den sieben Toren seiner Mannschaft in der Verlängerung warf er drei und war somit auch hier ein entscheidender Faktor zugunsten der Löwen.

Das ist der Mann mit der Nummer 2 auf dem Rücken ohnehin schon seit Jahren bei den Mannheimern. Seit 2010 spielt Schmid nun schon dort und ist spätestens seit der Spielzeit 2013/14 unumstrittener Führungsspieler und das "Gehirn" des Angriffs seiner Mannschaft. Seit dem Abgang von Uwe Gensheimer im Jahr 2016 nach Paris steht kein aktiver Löwen-Spieler so sehr für den Klub wie Schmid - abgesehen von Patrick Groetzki.

Bis 2022 "Leitlöwe"

Dementsprechend glücklich war man im Umfeld, als man jüngst in einem der inzwischen üblich gewordenen Videos über die verschiedenen Social-Media-Kanäle die Vertragsverlängerung des zuletzt fünfmal in Serie zum wertvollsten Spieler der Liga gewählten Rückraumspielers bekannt geben konnte. Bis 2022 wird Schmid weiter der "Leitlöwe" sein.

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2022 - somit wird er zum Ende seiner Laufbahn voraussichtlich 38 Jahre alt sein. Ein mehr als rüstiges Alter für einen Rückraumspieler, der so viel auf der Platte steht wie der Schweizer. Dessen Verletzungshistorie ist allerdings für einen Spieler auf diesem Niveau so überschaubar, dass die Verantwortlichen dieses Risiko gerne eingingen. Schmid ist Perfektionist, trainiert und ernährt sich verantwortungsbewusst und kann zumindest in der Deckungsarbeit, die bei allen Offensivqualitäten nicht zu den größten Stärken des Handball-Feingeistes gehört, immer wieder geschont werden.

Abhängig von Schmid

Außerdem sind in Gudjon Valur Sigurdsson (39 Jahre) und Alexander Petersson (38) aktuell schon zwei Spieler im Löwen-Aufgebot, die tagtäglich beweisen, dass sie auch in diesem Alter noch zu absoluten Höchstleistungen in der Lage ist. Bei den Löwen, deren gesamte Trainingssteuerung und Spielvorbereitung über ein Analyse-Tool abgewickelt wird, funktioniert die Belastungssteuerung offenbar gut.

Wie sehr das Löwen-Spiel gegen eine stehende Deckung von Schmid abhängt, zeigte die Ligapartie gegen das aktuelle Kellerkind SC DHfK Leipzig. Der Löwen-Spielmacher ging erkrankt und geschwächt in die Begegnung und stand ziemlich neben sich. Der neuntbeste Feldtorschütze und achtbeste Vorlagengeber der aktuellen Saison (allerdings auch mit weniger absolvierten Spielen als ein Großteil der Konkurrenz) traf das Tor nicht ein einziges Mal und lieferte auch sonst kaum überraschende Aktionen. Sein Team rettete beim 24:24 immerhin noch einen Zähler, verzettelte sich aber vorn in Einzelaktionen und machte ungewöhnlich viele Fehler.

Andy Schmid beim Siebenmeter

Normalerweise treffsicher: Andy Schmid

Eine echte Alternative auf der Spielmacherposition gibt es bei den Löwen (noch) nicht - durch die Vertragsverlängerung mit Schmid und dank dessen ansonsten hervorragender Gesundheit und Fitness hat man hier allerdings noch ein wenig Zeit, den richtigen Nachfolger zu finden.

Socken und Basketball

Für die Zeit nach der Karriere hat sich der Schweizer übrigens längst ein zusätzliches Standbein aufgebaut: Mit der Sockenfirma "UANDWOO", die er mit seinem Landsmann Marko Vukelic und Gensheimer gegründet hat, ist Schmid längst Unternehmer. Der 1,90-Meter-Mann hätte sich anstelle des Handballs übrigens auch gern in seiner zweiten Leidenschaft, dem Basketball versucht. Ein bisschen erkennt man das an seiner Spielweise: Schmid ist keiner, der sich durchtankt, der den Kopf senkt und durchbricht, sondern jemand, der sich den Gegner - gerne auch während des "Dribblings" mit dem Ball - ausguckt und dann explosiv eine Entscheidung trifft. Pass, Wurf, Körpertäuschung. Meist erwischt das Ergebnis den Gegner auf dem falschen Fuß und es kommt nicht einmal zu einem echten körperlichen Zweikampf.

Mitspieler profitieren

Starkes Duo: Jannik Kohlbacher (hinten) und Andy Schmid

Starkes Duo: Jannik Kohlbacher (hinten) und Andy Schmid

Vom Zusammenspiel mit Schmid profitiert in dieser Saison Neuzugang Jannik Kohlbacher am Kreis wohl am meisten. Bei der HSG Wetzlar gelangen einem der größten Talente auf dieser Position in der vergangenen Saison gute 3,3 Treffer pro Ligapartie, bei den Löwen sind es in dieser Saison bisher hervorragende 5,8. Die Achse Schmid/Kohlbacher funktioniert schon jetzt nahezu blind - genau wie bei Kohlbachers Vorgänger Hendrik Pekeler (jetzt THW Kiel).

Schmid ist einer, der seine Mitspieler besser macht. An seiner Seite machten Akteure wie Pekeler, Kim Ekdahl Du Rietz oder aktuell Mads Mensah und Kohlbacher den nächsten Entwicklungsschritt und wurden von wirklich guten Handballern zu Weltklassespielern. Und dass Schmid bisher (noch) nicht zum Welthandballer gewählt wurde, obwohl er fünfmal in Folge der MVP der Bundesliga war, liegt möglicherweise daran, dass die Wahl für das Jahr 2017 zuletzt aufgrund zu geringer Beteiligung ausgesetzt wurde.

Notfalls eben im Tor

Schmid dürfte das herzlich egal sein. Er tut ohnehin nur alles für den Teamerfolg. Wenn es nötig wird, steht er sogar im Tor seinen Mann: Im Jahr 2015 eilte er mit dem Leibchen für den zusätzlichen Feldspieler ausgestattet in den eigenen Wurfkreis zurück und parierte im Spitzenspiel gegen die SG Flensburg-Handewitt einen völlig freien Wurf von Lasse Svan. Ein Jahr zuvor war ihm Ähnliches gegen Balingen gelungen. Schmid macht bei den Löwen eben (fast) alles.

Stand: 17.10.2018, 13:32

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