Viele Sorgen trüben Vorfreude auf Handball-Saison

Die Handball-Bundesliga hat eine ungewisse Saison vor sich

Zahlungsnot, Termindichte, Verletzungen

Viele Sorgen trüben Vorfreude auf Handball-Saison

Von Maike Elger

Die Vorfreude auf den Start der Handball-Saison wird in diesem Jahr von jeder Menge Sorgen begleitet. Viele Vereine kämpfen ums Überleben. Aber auch sportlich könnte Corona die Saison ziemlich durchwirbeln.

Nach 207 Tagen fliegt der Ball wieder in der Handball-Bundesliga. Über sechs Monate pausierte der Handball coronabedingt. Doch so groß die Vorfreude darüber ist, wieder Handball spielen zu können, so groß sind auch die Sorgen - wirtschaftlich, sportlich und gesundheitlich.

"Die größte Herausforderung diese Saison ist, wirtschaftlich zu überleben“, erzählt Björn Seipp, Geschäftsführer der HSG Wetzlar im Sportschau-Interview, "so viele Faktoren, die wir kaum oder gar nicht beeinflussen können, entscheiden darüber, ob wir als Liga am 30. Juni 2021 ans Ziel kommen."  Das Ziel ist kein Titel, sondern das Abwenden von Insolvenzen.

Hoffnungen liegen auf Zuschauern

Mit der Zusage der Politik, 20 Prozent der Zuschauerauslastung zuzulassen, ist ein wichtiger Schritt getan. Ein Großteil des Budgets wird bei den Handballvereinen durch den Verkauf von Tickets erwirtschaftet - bei Topklubs wie Aufsteigern gleichermaßen. "Wir unterscheiden uns alle gar nicht so sehr. Die Etats und Zuschauerzahlen sind unterschiedlich, aber wenn man das prozentual sieht, haben wir höchstwahrscheinlich alle das gleiche Päckchen zu tragen“, sagt Seipp. 

Wenige Zuschauer dürfen die Spiele in der Handball-Bundesliga besuchen

Wenige Zuschauer dürfen die Spiele in der Handball-Bundesliga besuchen.

Auch Einkünfte aus Sponsorendeals fehlen, wenn Unternehmen durch die Krise in einen wirtschaftliche Schieflage geraten sind. Wie viel genau durch fehlende Ticketverkäufe und Sponsoreneinnahmen weggebrochen ist, möchte Seipp nicht beziffern. "Aber es ist ein richtig ordentlicher Betrag, der dieses Jahr fehlt. Aus der Kommunikation mit den anderen Klubs weiß ich, dass es im Verhältnis überall ähnlich ist.“

Zusätzliche Kosten

Doch es fehlen nicht nur Einkünfte. Es sind auch zusätzliche Ausgaben hinzugekommen. Die Umsetzung der Corona-Maßnahmen, Tests bei Spielern und Betreuern, der Mehraufwand bei Auswärts - und Heimspielen werden die HSG Wetzlar schätzungsweise einen sechsstelligen Betrag kosten.

Die Planungsunsicherheit kommt erschwerend hinzu. "Es kann sich natürlich leider alles tagtäglich ändern. Wenn die Zuschauer doch nicht mehr kommen dürfen oder wegen des Infektionsgeschehens nicht kommen wollen, ist die aktuelle Planung schnell überholt", so Seipp, "Fahren auf Sicht - mehr kann das zur Zeit nicht sein.“

Gehaltsverzicht könnten weitere Maßnahmen folgen

Eine der wichtigsten Stellschrauben, um liquide zu bleiben, sei gewesen, dass Spieler auf Teile ihres Gehalts verzichtet haben. "Wenn man überlegt, dass im Handball zwischen 60 und 75 Prozent der Kosten Personalkosten sind, dann weiß man, wo man gezwungen ist, anzusetzen“, erklärt der HSG-Geschäftsführer. Auf Gehalt verzichteten die Spieler bei allen Vereinen der Handball-Bundesliga.

Weniger Transfers, mehr Verletzungen?

Dementsprechend zurückhaltend waren die Vereine auf dem Transfermarkt. Geld, um Spieler zu kaufen, ist nicht da. "Wir können auf der einen Seite nicht aber Gehaltsverzichte reden und auf der anderen Seite neue Spieler verpflichten.“  Verletzungsbedingte Ausfälle müssen über das bestehende Team kompensiert werden.

Das eine bedingt jedoch das andere. Die körperliche Belastung im Handball ist hoch. Seit Jahren klagen Spieler - insbesondere solche, die mit dem Verein auch an einem internationalen Wettbewerb teilnehmen - über zu viele Spiele und zu wenige Ruhepausen. Schrumpft der Kader wegen der Krise, verteilt sich die Last auf immer weniger Schultern.

Überbelastete Spieler sind verletzungsanfälliger. Ist dann kein adäquater Ersatz da, besteht die Gefahr, dass Blessuren nicht vollständig auskuriert werden. "Die Verletzungswelle ist vorprogrammiert“, so ARD-Experte Dominik Klein, "es wird spannend, wie Vereine damit umgehen werden." Klein vermutet, dass zunehmend auf unerfahrene Nachwuchsspieler zurückgegriffen werden muss.

Handball-Experte Klein: "Verletzungen sind vorprogrammiert" Sportschau 30.09.2020 01:17 Min. Verfügbar bis 30.09.2021 Das Erste

Hohe Belastungen und Terminschwierigkeiten

Und gerade in dieser Saison platzt der Kalender aus allen Nähten. Durch die Aufstockung der Liga auf 20 Mannschaften sollen 380 Bundesliga-Partien angepfiffen werden. Hinzu kommen Spiele der Champions League, der Europa League, zwei DHB-Pokal-Final-Four- und zwei Champions-League-Final-Four-Turniere (jeweils Nachhol-Turnier 19/20 und aktuelle Saison), die Weltmeisterschaft im Januar in Ägypten und die Olympischen Spiele im Sommer 2021.

"Der Spielplan ist schon ohne Pandemie ein Kraftakt für alle Beteiligten", kritisiert Seipp, "Jetzt ist es eine Herkulesaufgabe, diese Liga Ende Juni komplett zu Ende gespielt zu bekommen. Für mich wäre es aber ein kleines organisatorisches Wunder.“ Denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass Teile oder gar komplette Mannschaften in Quarantäne und Spiele verschoben werden müssen.

Kuriose Ergebnisse zu erwarten

Und auch die Spiele, die stattfinden werden, könnten von Corona gezeichnet sein. Kiels Trainer Filip Jicha sagt: "Wenn wir die Pandemie nicht in den Griff bekommen, wird es komische Situationen und Resultate geben. Wenn zwei Torhüter in Quarantäne müssen, ist es vorprogrammiert, dass man vier Spiele in zwei Wochen verliert.“

THW-Trainer Jicha: "Ich erwarte seltsame Resultate" Sportschau 29.09.2020 02:16 Min. Verfügbar bis 29.09.2021 Das Erste

Auch ohne Ausfälle ist eine Standortbestimmung für die Teams gerade schwer. "Ohne Testspiele in der Vorbereitung weiß man weniger, wo man steht. Aber das ist schnell wieder da, wenn man wieder im Ligabetrieb ist“, meint Patrick Groetzki, Rechtsaußen bei den Rhein-Neckar Löwen gegenüber der Sportschau.

Neuer Alltag im Vereinsleben

An die Maßnahmen im Trainingsalltag habe man sich mittlerweile gewöhnt. "Wir sind in unterschiedlichen Kabinen untergebracht. Das ist schon komisch, weil eine Mannschaft ja auch vom Austausch in der Kabine lebt." Die Vorfreude auf richtige Spiele lasse die Einschränkungen aber in den Hintergrund rücken.

Für Wetzlars Geschäftsführer Seipp sind die Ansprüche daher in diesem Jahr andere: "Es ist in diesen Zeiten für mich nicht maßgeblich, welchen Tabellenplatz wir am Ende belegen. Vielmehr geht es darum, dass wir diese Pandemie unternehmerisch überstehen. Ob das nur diese Saison betrifft, wer weiß, vielleicht geht es ja noch länger." 

Stand: 01.10.2020, 07:00

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