Handball - Leipzig fehlt die Selbstverständlichkeit

Leipzigs Trainer Andre Haber gestikuliert an der Seitenlinie

14. Spieltag der Bundesliga

Handball - Leipzig fehlt die Selbstverständlichkeit

Von Robin Tillenburg

Der SC DHfK Leipzig gibt in der Handball-Bundesliga aktuell Rätsel auf. Nach schwachem Saisonstart und Trainerwechsel schien sich das Team gefangen zu haben, verlor aber jüngst gegen das zuvor sieglose Schlusslicht.

Es war beinahe logisch, dass es nicht immer nur aufwärts gehen konnte. Nach dem Bundesliga-Aufstieg in der Saison 2014/15 hatten sich die Leipziger hervorragend in der neuen höheren Spielklasse behauptet, wurden in ihrer Premierensaison Elfter, schafften es in den zwei Spielzeiten danach jeweils auf den achten Rang. Für einen Aufsteiger war das mehr als beachtlich - fast immer spielen die meisten Neulinge in der Bundesliga in den ersten Jahren konstant nur gegen den Abstieg.

Nun steht der Sportclub auf Platz 13, einen Zähler vor dem ersten Abstiegsplatz, auf dem momentan die SG BBM Bietigheim rangiert, gefolgt von Tabellenschlusslicht Eulen Ludwigshafen, das dank seines Erfolgs über Leipzig am vergangenen Sonntag (18.11.2018) nun auch wieder voll im Rennen gegen den Abstieg ist.

Eigentlich schien es aufwärts zu gehen

Das 24:27 (14:10) aus Leipziger Sicht war besonders bitter, schließlich hatte der Trend zuletzt wieder nach oben gezeigt. Nachdem Trainer Michael Biegler, seit Januar 2018 im Amt, kurz nach dem Saisonstart wegen gesundheitlicher Probleme von seinem Amt zurücktreten musste und der bisherige Co-Coach André Haber wieder übernahm, fuhr die Mannschaft zwar zunächst auch zumeist weniger zufriedenstellende Ergebnisse ein. Doch seit Anfang Oktober wurde es langsam besser - schien es. Haber hatte übrigens auch zwischen Juli 2017 und Januar 2018 das Team interimsweise betreut, als es zwischen dem mittlerweile als Nationaltrainer tätigen Christian Prokop und dem Amtsantritt Bieglers einige Monate überbrücken musste.

Gegen die Rhein-Neckar Löwen gab es auswärts Mitte September ein Unentschieden, gegen den THW Kiel verlor man in letzter Sekunde extrem unglücklich mit einem Treffer. Auch gegen die SG Flensburg war man beim 20:21 nah an einem Punktgewinn, ehe es am 11. und 12. Spieltag gegen Göppingen und Minden dann die lang ersehnten Saisonsiege Nummer zwei und drei gab. Ein klarer Aufwärtstrend war zu erkennen. Dann aber eben die Partie gegen Ludwigshafen: Nach einer 7:1-Führung erlahmten die DHfK-Männer komplett und verpassten es, sich von der Abstiegszone zu distanzieren. Die nächsten Partien heute Abend gegen die TSV Hannover-Burgdorf, dann gegen den HC Erlangen und den TBV Lemgo müssen unbedingt erfolgreich gestaltet werden, wenn Leipzig die WM-Pause nicht im Tabellenkeller verbringen will.

Abwärtstrend seit der EM

Leipzigs Raul Santos beim Wurf

Linksaußen Raul Santos ist neu bei Leipzig

Neben einigem Verletzungspech - mit dem die Leipziger in dieser Saison aber bei weitem nicht alleine sind - sind die Gründe für den Leistungsabfall schwer auszumachen. Linksaußen Yves Kunkel hatte das Team im Sommer in Richtung Melsungen verlassen, in Raul Santos vom THW Kiel hatte man aber hochkarätigen Ersatz gefunden, auch sonst hat der Kern des Kaders seine Verträge größtenteils verlängert.

Schaut man sich die Bilanz des Vereins chronologisch an, findet man den Beginn des Abwärtstrends auch nicht mit dem Saisonstart der aktuell laufenden Saison, sondern schon früher. Er begann mit dem Ende der Europameisterschaft und mit dem Trainerwechsel zu Biegler.

Selbstvertrauen und Selbstverständlichkeit fehlen

Nun ist es nicht so, als hätte der erfahrene Coach in Leipzig alles auf links gedreht, große Fehler gemacht oder große Schwierigkeiten mit den Spielern offenbart - tatsächlich wirkt das Team seit Februar 2018 nicht mehr ganz so mentalitätsstark wie zuvor. Klare Führungen wurden nun immer mal wieder abgegeben, und vor allem auswärts lief nichts mehr zusammen. Vor der EM hatte das Team um Torjäger Philipp Weber 25 Punkte geholt, zehn davon auswärts. In den verbleibenden 15 Saisonpartien danach waren es in der Spielzeit 2017/18 nur noch zwölf Zähler, vier davon in fremden Hallen. Die Selbstverständlichkeit war weg.

In der aktuell laufenden Saison bringt man es auf sieben Punkte, nur einer davon wurde abseits der eigenen Spielstätte geholt - kurioserweise beim Spitzenteam Rhein-Neckar Löwen. Es liegt der Verdacht nahe, dass die EM die zuvor oft so erfrischend unbekümmert spielenden Leipziger irgendwie verunsichert hat. Kein Wunder: Weber spielte ein gebrauchtes Turnier, für die Nominierungen von Maximilian Janke und Bastian Roscheck, die ihr Ex-Trainer Prokop überraschend für das Turnier berufen hatte, wurde der Bundestrainer von Großteilen der deutschen Handballfans mehr als scharf kritisiert. Beide machten nach der enttäuschenden Euro und dem Hauptrundenaus übrigens kein Länderspiel mehr.

WM 2019 als neuerlicher Wendepunkt?

Dafür ist jetzt Franz Semper Teil des Teams, auch Europameister Niclas Pieczkowski stand zuletzt wieder im Aufgebot, Weber wurde für die Länderspiele gegen Kosovo und Israel etwas überraschend nicht berufen. Sollte es das Trio komplett zur Weltmeisterschaft 2019 schaffen, würde man sich in Leipzig sicherlich ein positiveres Ende für die Nationalmannschaft wünschen als zuletzt 2018. Möglicherweise bringt das ja auch die Selbstverständlichkeit zurück ins Leipziger Spiel. Auch ist es sicher förderlich, um das Team wieder in ruhiges Fahrwasser zu führen, dass man bis mindestens 2022 mit Haber auf der Cheftrainerposition plant und somit endlich wieder Konstanz auf diesem Posten einkehrt. Aktuell macht der SC jedenfalls nicht den Eindruck, als würde man in Panik verfallen - der einzig richtige Weg.

Stand: 21.11.2018, 11:39

Bundesliga | Tabelle

Team S P
1. SG Flensburg-H. 13 20:6
2. TSV Hannover-B. 13 20:6
3. THW Kiel 11 18:4
4. SC Magdeburg 13 18:8
5. Rhein-Neckar L. 13 18:8
  ...    
16. TBV Lemgo Lippe 13 6:20
17. Eulen Ludwigsh. 13 5:21
18. Nordhorn-L. 13 2:24
Darstellung: