Handball-Klubs drohen mit Länderspiel-Boykott

Ein Handball liegt auf dem Hallenboden

Debatte um Abstellung von Spielern

Handball-Klubs drohen mit Länderspiel-Boykott

Im Handball ist angesichts der Angst vor neuen Coronafällen eine Debatte um die Abstellungen von Nationalspielern entfacht. Die Klubs drohen mit einem Boykott der kommenden Länderspiele.

EM-Quali in Estland und Kapitän Uwe Gensheimer darf nicht mitspielen? Was kurios klingt, könnte im November Realität werden, sollte neben der Region Jogeva demnächst auch das ganze Land zum Risikogebiet erklärt werden. Im zähen Ringen um Freigaben und Fristen in Zeiten von Corona erwägen die Rhein-Neckar Löwen, ihre Spieler nicht zu den jeweiligen Nationalmannschaften reisen zu lassen. Die Mannheimer stehen mit ihrer Haltung in der Bundesliga nicht alleine da.

Stand jetzt verweigere zwar niemand die Freigabe und man akzeptiere die Abstellungspflicht für Nationalspieler, sagte Löwen-Geschäftsführerin Jennifer Kettemann dem Mannheimer Morgen. Und ergänzte: "Wir befinden uns aber aktuell in einer weltweiten Ausnahmesituation und haben neben der wirtschaftlichen Verantwortung für unseren Klub auch eine gesundheitliche Verantwortung für unsere Spieler."

Spiele in Risikogebieten in Diskussion

Der Spiegel hatte berichtet, dass die Bundesligisten vom Deutschen Handballbund (DHB) wie auch von den anderen Nationalverbänden eine Garantie fordern, dass die Nationalspieler nicht in Quarantäne müssen, wenn sie zu den Vereinen zurückkehren. Ein entsprechendes Schreiben läge dem Magazin vor, hieß es. "Das ist alles andere als ein Affront gegenüber den Verbänden", sagte Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball Bundesliga (HBL), dem Spiegel: "Wir wollen einfach eine Woche Zeit gewinnen und dann die Lage neu bewerten."

In der Diskussion stehen vor allem Länderspiele in Corona-Risikogebieten. Die Quarantäne-Bestimmungen der Bundesländer für Rückkehrer sind unterschiedlich, Spieler könnten für Liga-Spiele womöglich nicht zur Verfügung stehen, ganze Spieltage stünden somit auf der Kippe. Es sei klar, "dass wir niemand zu seiner Nationalmannschaft in ein Risikogebiet schicken können, der nach seiner Rückkehr nach Deutschland in Quarantäne müsste", sagte Kettemann.

Muster-Quarantäneverordnung sieht Ausnahmen vor

Helfen kann wohl nur die Politik, denn der europäische Dachverband EHF als Veranstalter der Anfang November startenden EM-Qualifikation hält am Spielplan fest. "Wir arbeiten an Lösungen. Es gibt einen vorgezeigten Weg, der hoffentlich bis zum Länderspielfenster im November von allen Bundesländern umgesetzt wird", sagte DHB-Vorstandschef Mark Schober dem SID am Freitag und verwies auf eine neue Muster-Quarantäneverordnung, die eine Ausnahme von Berufssportlern vorsieht, in den Ländern aber noch einzeln ratifiziert werden muss.

Bob Hanning kennt als Manager der Füchse Berlin und DHB-Vizepräsident die Argumente beider Seiten. Er wirbt in dem schwelenden Streit für eine einvernehmliche Lösung. "Das System, nur an sich selbst zu denken, wird auf Dauer nicht funktionieren. Wir müssen alles dafür tun, unsere Spieler für die bevorstehenden Lehrgänge abzustellen, natürlich ohne dabei die Gesundheit der Spieler aufs Spiel zu setzen", sagte Hanning dem SID am Freitag: "Wir tragen nicht nur die Verantwortung für unsere Vereine, sondern auch für die nationalen Verbände."

Hanning: "Risiken für die Spieler müssen maximal minimiert werden"

Der Top-Funktionär nimmt aber auch ausdrücklich die Verbände in die Pflicht und appelliert an ihre Fürsorgepflicht. "Jedem Nationalverband muss bewusst sein: Wenn das in die Hose geht, fügt das dem Handball einen schweren Schaden zu. Wenn die Ligen aussetzen müssen, wird es keine Zukunft geben", sagte Hanning: "Die Risiken für die Spieler müssen maximal minimiert werden. Wir brauchen gut durchdachte Hygienekonzepte und Regeln, an die sich alle halten."

Die deutsche Nationalmannschaft bestreitet am 5. (in Düsseldorf gegen Bosnien-Herzegowina) und 8. November (in Estland) zwei EM-Qualifikationsspiele. In diesem Zeitraum sind zudem die Spieler anderer Nationalteams in ganz Europa im Einsatz - zahlreiche von ihnen sind bei Bundesligisten unter Vertrag.

sid | Stand: 23.10.2020, 14:48

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