Jenseits der Glaskugel - was bringt die neue Analyse-Technologie im Handball?

Linus Arnesson (l.) und Max Darj (r.) im Zweikampf mit Kiels Steffen Weinhold

Neue Analyse-Technologie in der HBL

Jenseits der Glaskugel - was bringt die neue Analyse-Technologie im Handball?

Von Jakob Halbfas

Seit dieser Saison werden in der Handball-Bundesliga Werte wie Laufdistanz oder Wurfhärte mithilfe einer neuen Analyse-Technologie erfasst. Welchen Mehrwert haben diese Informationen für Vereine und Zuschauer?

Sechs Spieltage sind bislang absolviert in der neuen Saison der Handball-Bundesliga, zwei Dinge sind bemerkenswert: Die TSV Hannover-Burgdorf führt überraschend die Tabelle vor den "Großen" aus Mannheim, Kiel und Flensburg an - und die technische Umsetzung der neuen Analyse-Technologie funktioniert bislang einwandfrei. "Das war gar nicht selbstverständlich bei so einem großen und komplexen Projekt", sagt HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann.

Geschwindigkeit, Laufdistanz, Wurfgenauigkeit, Rotation des Balles - seit dieser Spielzeit sind diese Werte in der Handball-Bundesliga öffentlich zugänglich. Die Bundesliga arbeitet mit einer Firma für Echtzeit-Datenerfassung zusammen. Seit August 2019 werden durch Chips in Trikot und Ball die Geodaten der Spieler in Echtzeit erfasst und analysiert.

Der Vertrag läuft bis 2023, etwa fünf Millionen Euro investiert die Handball-Bundesliga in die Technologie. Für HBL-Geschäftsführer Bohmann ist diese neue Form der Analyse die "Technologie der Zukunft, die sowohl im Medienprodukt als auch in der sportlichen Entwicklung sehr weiter helfen wird."

Unterschiede zwischen Chip in Trikot und Chip im Ball

Welchen Nutzen und welchen Mehrwert haben diese Informationen für den Zuschauer und die Vereine? Genau genommen gibt es zwei unterschiedliche Analysewerte: Daten durch die Chips in den Trikots auf der einen, Daten durch die Chips im Ball auf der anderen Seite.

Die Daten, die durch den Chip im Trikot erfasst werden, werden in jedem Spiel erhoben. Zu diesen Daten gehören unter anderem Geschwindigkeit und Laufdistanz eines Spielers. Beide Faktoren sind stark abhängig von Position und Spielzeit eines Spielers: Außenspieler haben meist die höchste Geschwindigkeit, die höchste Laufdistanz haben die Spieler mit der längsten Einsatzzeit. Der Mehrwert für Zuschauer und Vereine ist überschaubar.

HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann: "Technologie der Zukunft"

Sportschau 24.09.2019 Verfügbar bis 24.09.2020 ARD

Chips im Ball nicht bei jeder Partie

Daten, wie die Härte eines Wurfs und Wurfgenauigkeit werden hingegen durch einen Chip im Ball erfasst. Allerdings nicht in jedem Spiel: Der Chip wird nur in die Bälle eines von vier Herstellern eingebaut. Nur sechs Mannschaften benutzen bei ihren Heimspielen Bälle dieses Herstellers. "Gibt es einen härteren Wurf in einer Halle, wo ein anderer Ball eingesetzt wird, dann wird uns das nicht offenbar", sagt Frank Bohmann.

In diesen Bällen ist ein Chip integriert

In diesen Bällen ist ein Chip integriert.

Um repräsentative Daten erheben und Werte einzelner Spiele miteinander vergleichen zu können, sei es jedoch notwendig, den Chip in jeden Ball und somit in jedem Spiel einzusetzen. Das Ziel, erläutert Bohmann, sei es in Zukunft, alle Ballhersteller von der Technologie zu überzeugen.

Über Social Media neue Zielgruppen erschließen

Der Bergische HC ist neben den Rhein-Neckar Löwen eine der insgesamt sechs Mannschaften, die bei ihren Heimspielen die Werte des Chips im Ball nutzen. Pressesprecher Thorsten Hesse begrüßt vor allem die Datenerfassung durch den Chip in den Bällen: "Auf unseren Social-Media-Kanälen nutzen wir vor allem Daten vom Chip im Ball. Wir haben bisher die Erfahrung gemacht, dass diese Daten für den Zuschauer interessanter sind als die Daten, die durch den Chip im Trikot erfasst werden."

Der Zuschauer hat die Möglichkeit, die Echtzeit-Daten auf den Social-Media-Kanälen der Vereine sowie auf der Homepage der HBL zu verfolgen. Zudem soll es für den Fan in naher Zukunft möglich sein, über die App der Handball-Bundesliga direkten Zugriff auf ausgewählte Daten zu bekommen.

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"Mit der App wollen wir dem Fan das Spiel näher bringen, um besser verstehen zu können was auf dem Feld passiert", sagt Frank Leibmann, Leiter Digitale Medien der Handball-Bundesliga. "Wir glauben, dass es uns dadurch gelingt, den Handball auch für neue Zielgruppen attraktiver zu machen", ergänzt Bohmann.

Gezielte Auswertung der Daten essenziell

Dem Fan werden neue Einblicke gewährt. Er sieht live, wie schnell und wie hoch ein Spieler gerade gesprungen ist - verpasst aber vielleicht auch beim Nachschauen in der App das nächste Tor.

Für Frank Bohmann steht daher fest, dass die neuen Live-Daten ein Zusatz bleiben müssen, da "das eigentliche Produkt unten auf dem Spielfeld stattfinde. Ich sehe überhaupt nicht die Gefahr, dass die Fans vor Ort nur noch auf ihren Bildschirm schauen und das Spiel verpassen", findet Bohmann. Durch gezielte Auswertungen sei es enorm wichtig herauszufinden, welche Daten relevant sind, um den Zuschauer nicht mit den Daten "zu erschlagen", so der HBL-Geschäftsführer.

Neue Möglichkeiten in der Spielanalyse

 Andy Schmid (mitte) von den Rhein-Neckar Löwen in Aktion

Andy Schmid (mitte) von den Rhein-Neckar Löwen in Aktion

Dass durch die neue Analyse-Technologie neue Möglichkeiten für die Spielanalyse entstehen, zeigt sich bereits nach den ersten Spieltagen. "Bei der Analyse lässt sich mit Hilfe der Daten ein genaues Wurfbild entwickeln. Wo treffen unsere Spieler besonders gut, wo eher schlecht“, sagt Christopher Monz, Teammanager der Rhein-Neckar Löwen. Außerdem ist es laut Bohmann in Zukunft möglich, mit Hilfe der Geodaten Angriffs- und Abwehrformationen zu analysieren und sich so systematischer auf den Gegner vorzubereiten.

Ob daraus in Zukunft ein sportlicher Vorteil gegenüber der internationalen Konkurrenz entstehen kann, ist noch unklar. Um sportliche Vergleichswerte darzustellen, ist die Technologie noch zu jung - die Handball-Bundesliga und die Vereine befinden sich noch in einer Erprobungsphase. "Wir können auch nur in die Glaskugel gucken. Das ist ja kein Selbstläufer, dass eine solche Datenanalyse nachher auch die Mehrwerte bringt, die wir uns versprechen", erklärt Bohmann.

Stand: 26.09.2019, 10:39

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