Deutsche Handballerinnen: Raus aus Deutschland, rein in die internationale Spitze

picture alliance / Tobias Baur, imago images/wolf-sportfoto/Sipple Eibner/Roland Sippel/Marco Wolf/Tobias Baur

Wechsel nach Ungarn und Rumänien

Deutsche Handballerinnen: Raus aus Deutschland, rein in die internationale Spitze

Von Maike Elger

Gleich sechs deutsche Handballerinnen stehen seit diesem Sommer im Ausland unter Vertrag - das hat es lange nicht gegeben. Die Sportschau sprach mit Bundestrainer Henk Groener sowie den Nationalspielerinnen Emily Bölk und Julia Behnke über die Gründe.

Deutsche Handballerinnen, die bei ausländischen Vereinen anheuern, zählten in den vergangenen Jahren eher zur Ausnahme. In diesem Sommer aber starteten gleich sechs Spielerinnen bei ausländischen Klubs in die neue Saison.

Für Bundestrainer Henk Groener gibt es gute Gründe für den Wechsel in Ausland. "Die Handball-Welt ist größer als die Bundesliga und die Weltspitze im Vereinsleben ist nicht unbedingt in Deutschland vorhanden", erklärt Groener. In die Weltspitze wollen auch Emily Bölk und Julia Behnke. Behnke verließ bereits vor einem Jahr die Bundesliga, spielte im russischen Rostov am Don. In diesem Sommer haben sich beide dem ungarischen Top-Klub FTC Budapest angeschlossen. "Wenn man sich weiterentwickeln will, dann müssen die nächsten Schritte her. Und das geht aktuell am besten im Ausland", erklärt Bölk ihren Wechsel.

Handball-Hochburg Ungarn

Insbesondere die ungarische Liga ist das Ziel. "Gerade Ungarn ist ein sehr handballverrücktes Land und Frauenhandball steht hoch im Kurs", sagt Behnke. Neben ihr und Bölk zog es auch Alicia Stolle zu FTC Budapest, Torhüterin Dinah Eckerle zu Siofok KC und Ann-Cathrin Giegerich nach Debrecen. Shenia Minevskaja schloss sich im Sommer SCM Ramnicu Valcea aus Rumänien an.

Julia Behnke: "Es ist ein enormer Unterschied" Sportschau 10.08.2020 01:19 Min. Verfügbar bis 10.08.2021 Das Erste

Hohes Grundniveau

Ungarns Liga ist stark in der Breite und in der Spitze. "Das Grundniveau ist schon sehr hoch. Es gibt wenige bis keine Spiele zu denen man fährt und sagt, die schießen wir heute mal so richtig aus der Halle'", so Behnke. Ein Beleg für die Stärke der ungarischen Liga sind auch die internationalen Auftritte von Top-Klub Györ, der zuletzt drei Mal in Folge die Champions League gewann.

Im Gegensatz dazu: Noch nie gelang es einem deutschen Verein seit Gründung der Frauen-Champions-League 1993, den Titel zu gewinnen. Selten schafften es Teams in den vergangen Jahren, die Gruppenphase der Champions League zu überstehen. "Man sieht, dass Mannschaften, die in der deutschen Liga oben sind, international noch nicht die Topklasse erreicht haben", sagt Bölk.

Emily Bölk: "Die deutsche Liga ist nicht das Nonplusultra" Sportschau 10.08.2020 02:30 Min. Verfügbar bis 10.08.2021 Das Erste

Die Erfahrung, auf international höchstem Niveau mithalten zu können, sei ausschlaggebend, ergänzt Behnke: "Die Härte und Aggressivität - das ist irgendwie in Deutschland noch nicht so zur Gewohnheit geworden. Das ist ein enormer Unterschied, sowohl in Rostov, als auch jetzt hier in Budapest. Das merkt man auch in den Trainingseinheiten. Und das ist da, wo wir den nächsten Schritt machen wollen."

Ungarische Klubs vom Staat gefördert

Das hohe Niveau in Ungarn hat auch wirtschaftliche Gründe. Die Sportvereine werden vom Staat gefördert. Das macht es einfacher, optimale Rahmenbedingungen zu schaffen. Moderne Trainingskomplexe vereinen Halle, Kraft- und Athletikräume. Sauna, Eisbäder, Physiotherapeuten und Masseure stehen dauerhaft zur Verfügung. "Das klingt für einige vielleicht nach Normalität, aber das ist im deutschen Frauenhandball nicht der Fall. Da sind wir abhängig von Schulhallen, in denen trainiert wird", so Bölk.

"Deutsche Liga nicht das Nonplusultra"

Zu den Gründen, warum jetzt gleich mehrere deutsche Spielerinnen ins Ausland gewechselt sind, meint Bölk: "Ich glaube, im Großen und Ganzen wächst das Bewusstsein bei deutschen Spielerinnen, dass die deutsche Liga nicht das Nonplusultra ist." Das wachsende Bewusstsein könnte auch an Bundestrainer Henk Groener, seit 2018 im Amt, liegen. Ihm wird die neue Welle an Auslandswechseln zugeschrieben.

Henk Groener: "Wenn wir in die Weltspitze wollen, müssen wir uns auch so verhalten" Sportschau 12.08.2020 01:49 Min. Verfügbar bis 11.08.2021 Das Erste

"Ich weiß, dass mir das immer nachgesagt wird. Aber das stimmt so nicht", erklärt er, "aber es ist von mir schon angesprochen worden, dass ich möchte, dass sich die Spielerinnen ernsthaft Gedanken um ihre professionelle Handballkarriere machen und Entscheidungen treffen, um ihre Spitze zu erreichen." Das könne, müsse aber nicht im Ausland sein.

Bedeutung für die Nationalmannschaft

Wie sehr die Vereine die Spielerinnen prägen können, das zeigt ein Blick auf die Nationalmannschaft. Die letzte Medaille der deutschen Frauen gab es bei der Weltmeisterschaft 2007. Bronze holten die deutschen Handballerinnen damals. Sieben Spielerinnen standen da bei ausländischen Top-Klubs unter Vertrag. Damals wie heute erfolgt die individuelle Weiterentwicklung in den Vereinen.

"Wir haben in einer regulären Saison vier oder fünf Mal, dass wir uns treffen. Das sind 50 bis 60 Tage im Jahr. Die restlichen 300 sind die Spielerinnen im Verein", so Groener, "und wenn wir uns als Ziel setzen, die Weltspitze anzugreifen, dann erwarte ich von Spielerinnen, dass sie sich Gedanken machen, wie sie ein Teil davon sein können."

Stand: 13.08.2020, 08:00

Darstellung: