Jon Rahm: Gefangen zwischen Jubel und Trauer

Der spanische Golfer Jon Rahm

Neue Nummer eins der Golfwelt

Jon Rahm: Gefangen zwischen Jubel und Trauer

Von Dorian Aust

Ein erst 25-jähriger Spanier mischt die Golfwelt auf und führt sie als Weltranglistenerster jetzt an. Auf dem Weg dahin ging es für Jon Rahm stets bergauf. Im Moment seines größten Erfolgs hatte er vieles im Kopf – nur kein Golf.

Es waren wenige Millimeter, die sich der Golfball im hohen Gras am 16. Loch beim Memorial Tournament auf dem Muirfield Village in Dublin (Ohio) bewegte. Wenige Millimeter, die aus einem Birdie einen Bogey machten.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

"Leider hinterlässt das ein bittersüßes Gefühl, dass es wohl einer der besten Schläge meiner Karriere war", kommentierte Jon Rahm die Konsequenz von zwei Strafschlägen im Nachhinein.

Rahm macht es Ballesteros nach

Im historischen Kontext erscheint dieses Ärgernis allerdings verschwindend klein. Denn auch dieser Schlag war Teil seiner souveränen Vorstellung bei widrigen Bedingungen mit Regen und Wind in Dublin.

Trotz einer 75er-Schlussrunde hatte Rahm schlussendlich drei Schläge Vorsprung, gewann das Memorial Tournament und hievte sich damit auf den internationalen Golfthron. Als erst zweiter Spanier seit dem legendären Severiano Ballesteros (1986 bis 1989) steht Rahm auf Platz eins der Golf-Weltrangliste.

"Ich weiß nicht, was ich sagen soll", sagte "Rahmbo" nach dem Sprung auf Platz eins. Er wusste aber schon, was es ihm bedeutet: "Dies war mein Ziel, seit ich 13 Jahre alt war. Seve ist ein sehr besonderer Spieler für uns alle und Zweiter nach ihm zu sein, ist eine wahre Ehre."

Vom Baskenland nach Arizona

Jon Rahm, der im November erst 26 Jahre alt wird, kommt aus dem beschaulichen Küstenort Barrika im Baskenland – rund 20 Kilometer nördlich von Bilbao. Und wie es sich für einen Basken gehört, hat auch Rahm einen gesunden Lokalpatriotismus. Er ist großer Fan von Athletic Bilbao und mit dem ehemaligen Stürmerstar Aritz Aduriz befreundet.

In Interviews würde man seine spanische Herkunft allerdings niemals erahnen. Er spricht flüssiges und lupenreines Englisch mit leichtem amerikanischen Einschlag. Der Grund dafür ist simpel. Nach der Schule zog es Rahm in die USA. Er studierte an der Arizona State University (ASU). Es wird erzählt, dass so viele Universitäten an ihm und seinen Golf-Fähigkeiten interessiert waren, dass die ASU ihm ein Stipendium anbot, ohne ihn ein einziges Mal Golf spielen zu sehen.

Vom besten Amateur zum besten Profi

Während seines Studiums gewann der Baske mehrere Turniere, mied aber bis zum Ende seines Studiums den Schritt ins große Rampenlicht. Zwar stand er insgesamt 60 Wochen auf Platz eins der Amateur-Weltrangliste, wurde aber erst nach seinem Abschluss 2016 zum Profi-Golfer.

Und seitdem ging es für Rahm praktisch nur noch bergauf. Der erste Sieg als Profi in San Diego 2017, der Sieg im Ryder Cup mit Team Europa 2018 und das stückweise Vorarbeiten in der Weltrangliste 2019. Im Schatten von Rory Mcllroy und Brooks Koepka spielte sich Rahm erst in die Top fünf der Welt und zum Jahresende sogar auf Rang drei. 2019 wurde er zu Europas Golfer des Jahres gekürt.

Schmerzhafte Verluste in der Pandemie

Der Einschnitt durch die Corona-Pandemie im Frühjahr traf Jon Rahm Rodriguez, wie er mit vollem Namen heißt, dann besonders hart: Lockdown, Quarantäne und die Sorge um die Verwandtschaft daheim in Spanien.

Zwar nicht an Corona selbst, aber an den Folgen der Beschränkungen starb seine Oma Ende Juni. Ein herber Verlust. "Sie hat mich mit meinen Eltern großgezogen", sagte Rahm, der über die genauen Umstände ihres Ablebens nichts verriet. Dann folgte auch noch der Tod einer Tante.

"Man ordnet Dinge anders ein"

Die familiären Verluste und die Pandemie haben auch Rahm - den besten Golfer der Welt - verändert: "Man bekommt dadurch eine andere Perspektive, man ordnet die Dinge anders ein."

Er selbst hatte sich nach dem Ausbruch der Pandemie in Arizona, wo er gemeinsam mit seiner Frau Kelley lebt, in häusliche Quarantäne begeben. Sie hielten sich körperlich fit und puzzelten für die mentale Fitness. Erst im vergangenen Dezember hatte das Paar geheiratet. In jener katholischen Kirche in Bilbao übrigens, in die Jon als Kind regelmäßig mit seiner Oma gegangen war.

Appelle der Verantwortung auf Social Media

Rahm präsentiert sich dementsprechend auch auf seinen Social-Media-Kanälen. Er rief zum Social Distancing auf, erklärt gemeinsam mit anderen Golfgrößen, wer die eigentlichen Helden der Gesellschaft sind: Ärzte, Pflegepersonal und Lebensmittelhändler, die trotz Lockdown gearbeitet haben – und eben keine Golfspieler.

Dieses Element beinhaltet Daten von Instagram. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Aber auch die Rassismus-Proteste in den USA haben ihn beschäftigt. Er ruft seine Kollegen dazu auf, Initiativen zu unterstützen, die Hass, Rassismus und Fanatismus bekämpfen. Der Golfsport biete eine tolle Plattform, einen Unterschied zu machen.

Viele Dinge im Kopf, die nichts mit Golf zu tun haben

Im Leben des Jon Rahm ist in den vergangenen Wochen vieles passiert: "Es ist gerade schwer, das alles zu verarbeiten", erklärte er. "Es gehen mir so viele Dinge durch den Kopf, die nichts mit Golf zu tun zu haben." 

Nur einen Tag vor dem größten Triumph seiner Karriere ist die Asche seiner geliebten Großmutter nach Madrid zu seiner Familie gebracht worden. Das sind Momente, in denen auch ein Golfball, der sich wenige Millimeter bewegt, schlichtweg egal ist.

Stand: 20.07.2020, 12:27

Darstellung: