US Open

Verrückter Professor deklassiert die Golf-Elite

Jan Wochner

Bryson DeChambeau hat in beeindruckender Manier die US Open im Golf gewonnen und erstmals bei einem Major-Turnier triumphiert. Der Muskelprotz aber ist in der Szene umstritten. Nicht wenige fürchten, dass er die Grundsätze des stolzen Sports aus den Angeln hebt.

Auf einem großen Flachbildschirm winkte die Familie aus dem heimischen Wohnzimmer und gratulierte stolz. Bryson DeChambeau hatte wenige Sekunden zuvor den Ball am 18. Grün gelocht und seinen überlegenen Sieg bei den US Open perfekt gemacht. Kurze Zeit später stand er gerührt vor dem Bildschirm und war fast sprachlos. Die Hände in die Hüften gestützt, brachte er nicht viel hervor: "Ich habe es geschafft", hauchte er seiner Familie in der Videoschalte entgegen. Tränen liefen über seine Wangen.

Bryson DeChambeau ist ganz oben angekommen. Sein Sieg auf dem extrem herausfordernden Winged Foot-Golfkurs nahe New York war ein beeindruckendes Statement. Sein Vorsprung von sechs Schlägen auf die Konkurrenz ist eine echte Ansage. "Ich wusste, dass ich alle hinter mir lassen kann, wenn ich anfangen würde, jeden Tag an meinem Körper zu arbeiten", sagte DeChambeau, der mit dem gewohnten Erscheinungsbild eines Golfers kaum mehr etwas gemein hat.

Shirtgröße XL statt M

Als im Frühjahr fast alle Golfturniere weltweit wegen der Corona-Pandemie abgesagt worden waren, startete der 27 Jahre junge US-Amerikaner die Transformation seines Körpers. Aus dem fast schmächtig wirkenden Golfer wurde ein Muskelprotz. Täglich quälte sich DeChambeau im Kraftraum mit Hantel-Training, dazu spülte er literweise Protein-Shakes herunter. Binnen weniger Wochen legte er rund 20 Kilogramm Muskelmasse zu. Er wechselte von Shirtgröße M zu XL.

DeChambeau als einziger unter Par und mit Titel-Gewinn Sportschau 21.09.2020 00:50 Min. Verfügbar bis 21.09.2021 ARD Von Katrin Brand

Die Folge: ein neuer Spitzname. Bryson DeChambeau wird von Kollegen "Bulk" genannt. Das heißt wörtlich übersetzt so viel wie "Masse" oder "massig sein". Es ist natürlich aber auch eine Anspielung auf den Comic-Helden Hulk, ein gigantisches Muskelwesen, das durch Gamma-Bestrahlung übermäßige Kräfte entwickelt. "Ich legte meine Hand auf seine Schulter, einfach, weil er wie eine andere Person aussieht", sagte Kollege Webb Simpson, als er DeChambeau nach der Wettkampfpause erstmals wieder traf. "Mein ultimatives Ziel ist, so stark zu werden, wie ich kann, um weitere Kraft und Geschwindigkeit zu haben", erklärte DeChambeau jüngst.

Abschläge mehr als 350 Meter weit

Die Folgen seines in Golfkreisen ungewöhnlichen Trainings sind erstaunlich. Kein Profigolfer in der Weltspitze schlägt den Ball so weit wie DeChambeau. Mit seinem Driver, den er "Kraken" nennt, haut er die kleinen, weißen Kugeln teilweise mehr als 350 Meter weit. Er beschleunigt die Bälle dabei auf mehr als 300 Stundenkilometer. Seine Taktik bei den US Open teilte er schon vor Turnierbeginn offen mit: so weit wie möglich abschlagen, koste es, was es wolle.

Als einziger Spieler blieb DeChambeau im Verlauf der vier Turniertage unter Par. Seine Taktik ging voll auf. Allerdings: Nie zuvor hat in der Geschichte der US Open der Sieger so selten das Fairway bei seinen Abschlägen getroffen. Den Bereich der Bahn also, der perfekt gemäht ist und einen problemlosen zweiten Schlag ermöglicht. DeChambeau erreichte nur bei 23 von 56 Versuchen das Fairway. Weil DeChambeau aber mit seinen gewaltigen Abschlägen schon viel näher am Loch lag, störte es ihn auch nicht, aus den in Winged Foot berüchtigten und gefürchteten tiefen Gräsern weiterspielen zu müssen.

DeChambeau auf den Spuren von Tiger Woods

DeChambeau nennt Tiger Woods sein großes Vorbild. Und ähnlich wie Woods, der den Golfsport um die Jahrtausendwende mit einer bis dahin nicht für möglich gehaltenen Athletik revolutionierte, hebt jetzt auch DeChambeau den Sport aus den Angeln. Denn die meisten Hindernisse auf Golfbahnen stellen für ihn kein Problem mehr dar. Ganz gleich, ob es sich um natürliche Hindernisse wie Bäume oder ganze Waldstücke handelt oder um künstliche Hindernisse wie Sandbunker. DeChambeau schlägt mit seiner Urgewalt einfach über sie hinweg. Dass er weniger Feingefühl als die anderen Golfer in der Weltspitze besitzt, spielt dann keine Rolle mehr. 

Traditionalisten aber stören sich an der Richtung, in die sich der Sport bewegt. Viele fordern bereits Regeländerungen, die bewirken sollen, das Geschick und nicht Muskelkraft über den Sieg entscheidet. Mit Blick auf DeChambeaus Puttingspiel rümpfen sie die Nase. Denn es wirkt fast wie das eines Roboters. So steif und ungelenk stellt sich DeChambeau dabei an. Die Resultate jedoch können sich sehen lassen.

DeChambeau unterschreibt mit links und rückwärts

Das liegt auch daran, dass DeChambeau nicht nur Muckis hat. Er gilt als der verrückte Professor des Golfsports, wird in den USA auch "mad scientist" genannt. DeChambeau hat Physik studiert. In seiner Schulzeit schrieb er ein 180-seitiges Physikbuch händisch ab. Seine Eltern hatten ihm das Buch nicht kaufen wollen, weil es mit 200 Dollar zu teuer gewesen war. Ähnlich akribisch wie damals geht DeChambeau auch sein Golfspiel an.

Seine Bälle markiert er mit zwei und nicht wie üblich mit einer Linie. Damit schätzt er beim Putten nicht nur die horizontale, sondern auch die vertikale Drehung des Balles ein. Um den Gravitationsschwerpunkt genauer bestimmen zu können, legt er seine Bälle vor Turnierbeginn angeblich in eine Salzwasserlösung ein. Bei seinem Driver, mit dem er abschlägt, veränderte er nach eigenen Berechnungen die Schlagfläche und passte sie auf eine extrem steile Neigung von nur fünf Prozent an. Die Konkurrenz schlägt mit mehr als zehn Prozent Neigungsfläche ab. Autogramme gibt DeChambeau mit links, dabei schreibt er rückwärts - als Gehirnjogging, wenn man so will.

Sechs Schläge Vorsprung bei den US Open

"Ich liebe die Wissenschaft, ich liebe Golf. Ich liebe es zu lernen, ich liebe das Leben. Ich liebe es zu versuchen, überall der Beste zu sein", verriet DeChambeau einmal "Golf Digest". Bei den US Open ist er diesem Ziel sehr nahe gekommen. Auf der Schlussrunde nahm er dem als Führenden in den Tag gestarteten Matthew Wolf allein acht Schläge ab. "Für mich geht es um diese Reise, ob ich jeden Schlag besser wiederholen kann als jeder andere", sagte DeChambeau. "Ich war dazu in der Lage diese Woche. Deswegen habe ich mit sechs Schlägen Vorsprung gewonnen."