Nach Aján-Rücktritt: Aufbruchstimmung in der Heber-Welt

Nach ARD-Doku - IWF-Präsident Aján tritt zurück Morgenmagazin 16.04.2020 01:28 Min. Verfügbar bis 16.04.2021 Das Erste

Gewichtheben

Nach Aján-Rücktritt: Aufbruchstimmung in der Heber-Welt

Von Nick Butler, Grit Hartmann, Hajo Seppelt und Jörg Mebus

Der erzwungene Rücktritt des allmächtigen Präsidenten Tamás Aján lässt das internationale Gewichtheben durchatmen. Nun wollen die Verantwortlichen im Weltverband die richtigen Weichen stellen.

Christian Baumgartner gab sich keine Mühe, seine Freude und Erleichterung zu verbergen. "Endlich, es ist vollbracht!", sagte der Präsident des deutschen Gewichtheber-Verbandes (BDVG) zum Rücktritt von Tamás Aján. Baumgartner gehört seit Jahren zu den größten Kritikern des greisen Weltverbands-Präsidenten, der am Mittwoch infolge der Enthüllungen der ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping - Der Herr der Heber" zurückgetreten ist. "Das war die Grundvoraussetzung, um mit dem Gewichtheben auf den grünen Zweig zu kommen", ergänzte Baumgartner im Gespräch mit der ARD-Dopingredaktion. Der Abgang Ajáns bedeute eine "enorme Stärkung" der Sportart, weil man nun "auf einer sachlichen Basis ohne Altlasten" agieren könne.

Letzte Patrone verschossen

Es waren wilde Tage im Weltverband IWF bis zum erzwungenen Rücktritt Ajáns. Der 81 Jahre alte Ungar hatte am vergangenen Freitag (10.04.2020) im Kampf um den Machterhalt seine letzte Patrone verschossen. Aján setzte über Ostern hinter den Kulissen noch mal alle Hebel in Bewegung, um eine von Interimspräsidentin Ursula Papandrea (USA) angestoßene Abstimmung innerhalb der IWF-Exekutive über seinen Ausschluss zu verhindern - vergeblich. Der Vorstand des Weltverbandes sprach sich mehrheitlich für eine endgültige Demission des Patrons aus, Aján blieb nichts anderes als der Rücktritt.

Aján über Papendrea: "Eine bösartige Frau"

Er ging auf seine Weise: In einem Interview mit der ungarischen Zeitung "Nemzeti Sport" bezeichnete Aján seine Widersacherin Papandrea, die nach eigener Darstellung zuletzt von dem langjährigen Alleinherrscher massiv unter Druck gesetzt und sogar bedroht worden war, als "eine bösartige Frau", die vor drei Jahren "noch niemand kannte".

Papandrea, eine ehemalige Gewichtheberin, zwang sich im offiziellen Verbandsstatement zu wachsweichen Abschiedsworten im Sinne der Sportart. Die US-Amerikanerin dankte Aján für dessen Arbeit "in den letzten Jahren, in denen er sich für ein Anti-Doping-Programm eingesetzt hat, das den Standards des IOC und der WADA entspricht". Die Ermittlungen der Kommission des kanadischen Rechtsprofessors Richard McLaren, die die in der ARD-Doku nachgezeichneten Verdachtsmomente untersucht, dauern noch an.

Spieß: "Alles ist besser als Aján"

"Das war ein guter Tag für das Gewichtheben", sagte Jürgen Spieß, dreimaliger Olympiateilnehmer und Sprecher der deutschen Heber der ARD mit Blick auf den sporthistorischen Mittwoch. Eine derartige Entmachtung eines Weltverbandspräsidenten hat es in der Geschichte olympischer Sportarten noch nicht gegeben. "Wir haben seit Januar mehr denn je gehofft, dass es dazu kommt - denn alles ist besser als Aján", sagte Spieß: "Jetzt können in aller Ruhe und mit der nötigen Sorgfalt die Vorwürfe aufgearbeitet und vor allem die Weichen für eine bessere Zukunft gestellt werden."

ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt über den Rücktritt von Tamás Aján Morgenmagazin 16.04.2020 02:14 Min. Verfügbar bis 16.04.2021 Das Erste

Unterstützer sprechen von "unserem Paten"

Aján hinterlässt trotz aller Verfehlungen der vergangenen Jahre - die Verdachtsmomente reichen von Dopingvertuschung über Vetternwirtschaft bis hin zu Korruption im großen Stil - ein Vakuum. Die IWF war 47 Jahre lang Ajáns Spielwiese, fast alles in ihr trägt seine Handschrift. Bis zuletzt hatte er Unterstützer, die ihn in internen Sitzungen als "Vater" oder "unseren Paten" bezeichneten und für den im Sport üblichen "Schutz der Familie" plädierten.

In der Verbandszentrale in Budapest arbeiten ausschließlich ungarische Aján-Vertraute, sie wird geleitet von seinem Schwiegersohn Attila Adamfi. Ein vollständiger Umzug der IWF in die bereits bestehende Zweigstelle in die olympische Hauptstadt Lausanne ist nicht unwahrscheinlich.

Rolle als "Ehrenbotschafter" gefordert

Wie die Dopingredaktion erfuhr, will Aján sich seinen Rückzug allerdings versüßen lassen. Im Interview mit "Nemzeti Sport" forderte er schon mal für sich eine Rolle als eine Art "Ehrenbotschafter" des Gewichthebens. Dazu: den Erhalt "seines" Büros in Budapest für ein Jahr und großzügige Geldzuwendungen. Die IWF-Exekutive, so war zu hören, beauftragte Papandrea und IWF-Generalsekretär Mohamed Jaloud (Irak), darüber in den nächsten Tagen zu verhandeln. Die beiden dürften gute Karten haben, denn schließlich ist Aján bereits zurückgetreten.

Erzwungene Reformen

Aján allein hielt für die IWF über Jahrzehnte den Kontakt in das Internationale Olympische Komitee, zum wichtigsten Geldgeber des Verbandes. Nach unzähligen Dopingskandalen haben erzwungene Reformen - die IOC-nahe International Testing Agency (ITA) hat beispielsweise das Anti-Doping-Management der IWF übernommen - dem Sport die olympische Zukunft gesichert. Vorerst. Doch wie geht es weiter? Diese Sorge treibt die Heber nach dem erzwungenen Abschied von Aján, lange Mitglied und dann Ehrenmitglied im IOC - dem Vernehmen nach um. Über die wegen der Corona-Krise verschobenen Olympischen Spiele in Tokio 2021 hinaus ist alles offen.

Baumgartner: Start "in eine neue, saubere Ära"

"Wir blicken nun nach vorn, das Gewichtheben startet in eine neue, saubere Ära. Das ist die beste Chance, die unser Sport seit langem hatte", meint der deutsche Heber-Präsident Baumgartner. Die endgültigen Weichen müssen beim nächsten IWF-Kongress gestellt werden, der wegen Corona wohl erst nach den Spielen in Japan stattfinden wird. Papandrea, die sich mit ihrem harten Kurs gegen Aján in den vergangenen Tagen Respekt verschafft hat, gilt als Kandidatin für eine Dauerlösung an der Spitze.

Baumgartner, einst ebenfalls in der Exekutive, steht der IWF allenfalls noch für kleinere Aufgaben in Teilbereichen zur Verfügung, aber nicht mehr in entscheidender Position für den Neuaufbau: "Das Kapitel ist für mich abgeschlossen."

Gewichtheben - Machtkampf im Weltverband Sportschau 11.04.2020 07:00 Min. Verfügbar bis 11.04.2021 Das Erste Von Hajo Seppelt, Grit Hartmann und Nick Butler

Stand: 16.04.2020, 13:31

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