Russland erfüllt eigene Anti-Doping-Verpflichtungen nicht

Nationaler Anti-Doping-Plan

Doping

Russland erfüllt eigene Anti-Doping-Verpflichtungen nicht

Von Hajo Seppelt und Nick Butler

Vier Jahre nach Aufdeckung des russischen Staatsdopings werden die vielgelobten Reformvorschläge für eine Verbesserung der staatlichen Anti-Doping-Strukturen in dem Land nach wie vor nicht umgesetzt. Das belegen ARD-Recherchen.

"Russland erfüllt konsequent seine Verpflichtungen, auch im Kampf gegen Doping." Das sagte der russische Präsident Wladimir Putin im Oktober in Uljanowsk vor dem Forum "Russland: Land des Sports". Die Realität kann diese Behauptungen nicht stützen.

Untersuchungen des Murmansker Rechtsanwalts Andrey Sushko, die er der ARD präsentierte, zeigen: die allerwenigsten Regionalverwaltungen haben die im Dezember 2016 in Kraft getretenen Gesetze vollständig umgesetzt. Nach neuen Bestimmungen soll etwa jede Regierung einen Beamten beauftragen, der sich speziell mit Anti-Doping-Fragen befasst. Dieser Aufforderung haben nur zehn der 85 Regionen Folge geleistet.

Oft wird zwar auf die neuen Gesetze verwiesen, ohne jedoch Belege für tatsächliche Verbesserungen zu liefern. Und das, obwohl die neue Gesetzgebung den Weltsport davon überzeugen sollte, dass Russland seine Anti-Doping-Bestimmungen verschärft.

Verdienstorden trotz Dopings

Wladimir Putin

Staatspräsident Wladimir Putin behauptet, Russland habe im Kampf gegen Doping nachgebessert.

Ein Erlass des Kreml aus dem Jahr 2008 hatte zudem verfügt, dass staatliche Ehrentitel an Athleten und Trainer, die nachträglich wegen Dopingvergehen verurteilt wurden, entzogen werden müssen – was laut Prüfung des Juristen Sushko nur in wenigen Fällen geschah. Im vergangenen Jahr hob ein Erlass diese Regelung komplett auf.

Viele Olympiateilnehmer von London 2012 und Sotschi 2014 dürfen sich daher nach wie vor prestigeträchtiger Orden rühmen, etwa Bobfahrer Alexander Subkow, heutiger Sportfunktionär. Sushkos Untersuchungen ergaben außerdem, dass die Ausgezeichneten in einigen Regionen Anspruch auf Prämien haben.

Angesprochen auf die Recherchen antwortete der Kreml, diese Angelegenheit sei "außerhalb seiner Zuständigkeit". Überhaupt wollte sich kein russisches Regierungsorgan dazu äußern.

Das IOC entzog Bobfahrer Subkow zwei Sotschi-Olympiatitel, nachdem ein Einspruch nachweisen konnte, dass seine Urinproben ausgetauscht worden waren. Mittlerweile ist er Präsident des russischen Bob-Verbands. Im vergangenen Monat hat ihn ein Moskauer Gericht von allen Dopinganklagen in Russland freigesprochen. "Was soll der Vorwurf?", entgegnete Zubkov auf eine Frage der ARD bei seinem Auftritt beim Sportforum in Uljanowsk. "Manipulation der Dopingproben? Geht mich nichts an. Nur wenn Sie einen Athleten beim Dopen erwischen, ist er dafür verantwortlich."

Auch Dmitri Tschernischenko, Vorsitzender des Organisationskomitees der Winterspiele von Sotschi, war in Uljanowsk anwesend. Er bestritt, von Dopingfällen während der Olympischen Spiele gewusst zu haben und unterstellte den Medien, sie würden übertreiben. Der "Erfolg von Sotschi wird niemals von diesem Skandal überschattet werden", fügte er hinzu.

Als wahre Verräter gelten die Whistleblower

Die Informanten, die die Skandale aufgedeckt haben, leben derweil in Angst vor russischer Vergeltung. Die ehemalige Mittelstreckenläuferin Iulia Stepanova und ihr Mann Vitaly Stepanov, ehemaliger Anti-Doping-Funktionär, wohnen nun an einem geheimen Ort in den USA. Sie befürchten, dass sie nie wieder nach Hause zurückkehren können – es wäre zu gefährlich, sagen sie.

 "Es ist besser, wenn niemand weiß, wo wir sind und unsere Nachbarn nicht wissen, wer wir sind", erklärt Vitaly. Iulia hält inne, wenn sie gefragt wird, ob sie noch gefährdet sind. "Ich weiß nicht", antwortet sie schließlich. "Vielleicht wollen die Russen sich rächen."

Der ehemalige Chef der Russischen Anti-Doping Agentur (RUSADA), Nikita Kamaev, starb im Februar 2016 im Alter von 52 Jahren plötzlich an einem Herzinfarkt. Er hatte angekündigt, ein umfassendes Buch über Dopingkonsum im russischen Sport zu verfassen.

Grigori Rodchenkov enthüllte im Jahr 2016 den Austausch von Proben in Sotschi. Heute lebt der ehemalige Moskauer Laborleiter unter dem Schutz des FBI in den USA. Als Vorsichtsmaßnahme hat er sein Aussehen verändern lassen und führt Interviews nur noch verhüllt in eine Sturmmaske und mit dunkler Brille. Ein ehemaliger Präsident des russischen Olympischen Komitees hatte im vergangenen Jahr gefordert, dass er "wegen Lügen erschossen werden" müsse, während Putin ihn als "Idioten" bezeichnete.

Dass die Ängste der Whistleblower berechtigt sind, bestätigt der Historiker und Geheimdienst-Experte Juri Felschtinski der ARD bei einem Gespräch in New York: "Rodchenkov muss für den Rest seines Lebens Angst haben, denn aus Russlands Sicht ist er der Grund für die größten politischen Skandale". Und auch Rodchenkovs Familie ist aus Felshtinskys Sicht in Gefahr: "In einigen Fällen hasst das System dich so sehr, dass es nicht nur versucht, dich zu bestrafen, sondern auch deine Familie."

Stand: 02.12.2018, 17:05

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