WADA-Präsident Reedie: Seine zwielichtige Rolle im Russland-Skandal

Doping

WADA-Präsident Reedie: Seine zwielichtige Rolle im Russland-Skandal

Von Hajo Seppelt und Nick Butler

Im Profisport sprechen Führungskräfte gerne von "Null Toleranz" gegenüber Doping. Doch vier Jahre nach den ersten Enthüllungen der ARD über ein staatlich gefördertes Dopingprogramm in Russland fehlt es an weitreichenden Konsequenzen. Hajo Seppelt und Nick Butler untersuchen die Rolle des Präsidenten der Welt-Anti-Doping-Agentur, Craig Reedie.

"Ich habe immer versucht, der unabhängige Präsident der WADA zu sein", sagt Reedie. Stimmt das? Selbst nach seiner Ernennung zum Präsidenten der WADA im Jahr 2013 blieb er für mehr als zwei Jahre Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees. Auch heute ist er noch IOC-Mitglied. Der Schotte beharrt gegenüber der ARD darauf, zufrieden mit seinem Engagement für sauberen Sport und seinem Umgang mit der Russland-Affäre zu sein.

Nach der ARD-Dokumentation vom Dezember 2014 hat die WADA zwar einen Bericht über die russische Leichtathletik in Auftrag gegeben. Aber ein durchgesickerter E-Mail-Austausch zwischen Reedie und seiner ehemaligen Kollegin Natalya Zhelanova vom WADA-Finanzausschuss ließ an Reedies wahrem Engagement Zweifel aufkommen: Zhelanova arbeitete nebenbei für das russische Sportministerium. Ermittlungen der WADA zufolge war sie direkt am Dopingprogramm beteiligt.

In der E-Mail vom 30. April 2015, die kurze Zeit später an Journalisten geleakt worden war, sagte Reedie, die Ermittlung "sollte in keiner Weise eine Veränderung" der Beziehungen zu den Verantwortlichen bedeuten. Es gebe "keine Absicht seitens der WADA irgendetwas zu tun, das die Beziehung beeinträchtigt."

Zudem erklärte er, dass die WADA eine Untersuchung einleitete, nachdem sie "von einer Reihe nationaler Anti-Doping-Agenturen unter Druck gesetzt wurde".

Konfrontiert mit dieser Mail, beendeten Reedie und sein Pressesprecher ein Interview mit der ARD abrupt. Das sei lange her, rechtfertigte sich Reedie: "lange bevor jemand die Kenntnisse von heute hatte." Er beharrte darauf, die Untersuchungen rasch in Auftrag gegeben zu haben und dass keine zusätzlichen Vorwürfe über die Leichtathletik hinaus bekannt waren.

Jack Robertson bewertet die Dinge anders als Reedie. Er war Chefermittler der WADA, bevor er seinen Posten aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über den Umgang der WADA mit Russland räumen musste .

Ex-Wada-Chefermittler Jack Robertson

Der ehemalige WADA-Chefermittler Jack Robertson wirft Craig Reedie Untätigkeit im Fall Russland vor

Robertson berichtet, er sei damals vom Generaldirektor David Howman aufgefordert worden, "mit den Nationalen Anti-Doping-Organisationen Kontakt aufzunehmen", weil Reedie sonst nicht handeln würde. "Im Jahr 2015 hatten wir viele Informationen über andere Sportarten - nicht nur über die Leichtathletik", gibt Robertson gegenüber der ARD an. "Es hing von Reedie ab, ob weiter ermittelt wird. Er sagte, er würde sich das ansehen. Mir ist nicht bekannt, dass er irgendetwas unternahm, bevor im Mai 2016 der Dopingskandal bei Olympia in Sotschi publik wurde."

Robertson gibt seine Antworten im Interview schriftlich. Nach einer schweren Krankheit verlor er seine Stimme. Er notiert in Bezug auf die Enthüllungen: "Die WADA tat überrascht. Aber einige wichtige Teile der Veröffentlichung kannten wir bereits im Sommer 2015. Reedie hat nur mit den Ermittlungen begonnen, weil der Skandal öffentlich wurde."

Russland rehabilitiert – trotz fehlender Zusammenarbeit

Protokolle der WADA-Sitzungen zeigen, dass im November 2015 sehr wohl Forderungen laut wurden, die Untersuchungen auszuweiten. Der erste Bericht 2015 hatte bereits Bedenken hinsichtlich des Dopingkontrollverfahrens und der Anwesenheit von Sicherheitsoffizieren des russischen Geheimdienstes (FSB) im olympischen Sotschi-Labor geäußert.

Ab Mai 2016 drängte das Anti-Doping-Gremium auf strengere Sanktionen des IOC gegen Russland. Reedie sah sich sogar Angriffen des IOC ausgesetzt, weil man zu hart gegen Russland vorgegangen sei. Die WADA unterstützte auch die teilweise Suspendierung Russlands von den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang im Februar und stellte außerdem die Entscheidung des IOC in Frage, die Suspendierung Russlands nur drei Tage nach der Abschlusszeremonie aufzuheben.

Unter heftiger Kritik hob die WADA im September schließlich die Sperrung der russischen Anti-Doping-Agentur auf – obwohl zwei zentrale Kriterien zur Rehabilitierung Russlands noch nicht erfüllt waren: das Eingeständnis der Existenz eines staatlichen Dopingsystems sowie die Öffnung des Moskauer Labors für WADA-Inspektoren.

Von Seiten der WADA heißt es, die Aussetzung werde erneut verhängt, falls Russland sein Versprechen, die Daten bis zum 31. Dezember zugänglich zu machen, nicht erfüllt. Darüber wird derzeit zwischen WADA und Russland verhandelt.

"Andere Leute hatten mit den Whistleblowern zu tun"

Vitali und Iulia Stepanov

Die Whistleblower Vitali und Iulia Stepanov haben nach ihrer Flucht in die USA ein neues Leben begonnen

Athleten aus der ganzen westlichen Welt kritisierten die Aufhebung der Sanktionen. Die Läuferin Julia Stepanowa, die zur Whistleblowerin wurde und das russische Staatsdoping in einer ARD-Dokumentation erstmals 2014 aufdeckte, gehörte im Oktober zu den Rednern bei einem Krisengipfel im Weißen Haus. "In den letzten sechs Jahren kam es meinem Mann und mir so vor, als hätten wir nicht nur gegen das korrupte Dopingsystem in Russland, sondern auch gegen IOC und WADA gekämpft", sagte sie.

Reedie beschwerte sich danach, dass er nicht zum Event im Weißen Haus eingeladen worden war und er damit keine Möglichkeit hatte, sich zu rechtfertigen. Allerdings hatte er im Vorfeld ohnehin wenig Interesse daran gezeigt, mit Informanten wie Stepanowa in Kontakt zu treten. Sie und ihren Mann hat er nie persönlich getroffen.

"Niemand hat mich gefragt, ob ich die Whistleblower gerne einmal besuchen möchte", entgegnet Reedie der ARD. "Andere Leute hatten mit den Whistleblowern zu tun. Ich nicht."

IOC-Präsident Thomas Bach hingegen hat sich zweimal mit ihnen getroffen. Aber: Weder IOC noch WADA machten die Aufhebungen der Suspendierungen Russlands davon abhängig, die Drohungen auf Informanten einzustellen.

Reedie sagte dazu gegenüber der ARD: "Wenn man Bedingungen für den Umgang mit Whistleblowern hätte haben wollen, dann hätte man sie für Whistleblower allgemein einführen müssen. Das ist nicht passiert. Ich fürchte, damit müssen wir jetzt leben."

Die WADA hofft, dass ihre Inspektoren in den kommenden Wochen endlich Zugang zu den Datensätzen in Moskau erhalten. Reedie behauptet, "100 Prozent zuversichtlich" zu sein, dass Russland den vollen Zugang gewähren wird.

Sollte Russland sich nicht an die Verabredungen halten, stünde die Welt-Anti-Doping-Agentur vor der Entscheidung, Russland erneut zu suspendieren. Das könnte unter diesen Umständen schon in den kommenden Wochen passieren.

Stand: 02.12.2018, 17:11

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