Lücken im Kontrollsystem: Kaum Dopingtests in Deutschlands Profiligen

Kaum Dopingtests in Deutschlands Topligen: "Das ist beunruhigend" Sportschau 06.12.2020 09:36 Min. Verfügbar bis 06.12.2021 Das Erste

ARD Recherche

Lücken im Kontrollsystem: Kaum Dopingtests in Deutschlands Profiligen

Von Hajo Seppelt, Shea Westhoff, Dominik Drutschmann und Peter Wozny

Die höchsten Männerligen im Handball, Basketball und Volleyball offenbaren ein lückenhaftes Dopingtestsystem. Die allerwenigsten Spieler müssen mit unangekündigten Kontrollen rechnen. Das gilt auch für die Stars der Liga.

Das Ergebnis einer mehrmonatigen Untersuchung über den Kampf gegen Doping im deutschen Mannschaftssport ist so klar wie beunruhigend: Drei der populärsten Hallensportarten offenbaren große Lücken in ihrem Dopingkontrollsystem. Die wenigsten Profis im Handball, Basketball und Volleyball werden auf verbotene Substanzen getestet. Nur einer von zehn Spielern muss regelmäßig mit unangekündigten Kontrollen rechnen, die große Mehrheit: eher selten bis nie. Das muss noch lange nicht bedeuten, dass Deutschlands Topligen ein Dopingproblem haben. Nur: wer nicht testet, kann auch nichts finden.

Das Anti-Doping-System in den drei Mannschaftssportarten ist komplex: Profis können sowohl im Ligabetrieb als auch im Zuge von internationalen Klub-Wettbewerben und gegebenenfalls bei Länderspielen von Kontrolleuren verschiedener Agenturen aufgesucht werden - teilweise sogar zu Hause. Das mag zunächst nach einem bewusst unberechenbaren Kontrollmechanismus klingen, der Dopingsünder abschrecken soll. Wer allerdings bei Sportfunktionären, Testern und Athleten nachhakt, muss zu dem Schluss kommen: Das Kontroll-Fangnetz erweist sich als derart löchrig, dass man einen vagen Verdacht bekommt, warum die Dopingjäger zum Jahresabschluss stets so wenig Beute vorzuweisen haben.                                               

Im Ligabetrieb der Hallensportarten ist es hauptsächlich die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA), die einen sauberen Wettkampf garantieren soll, insbesondere durch Dopingkontrollen im Anschluss an Partien sowie durch unangekündigte Kontrollen abseits des Wettkampfs, etwa beim Training oder in der Freizeit. Doch zum Zeitpunkt der Anfrage Anfang November waren in den höchsten Männerligen zusammengerechnet lediglich 90 Athleten in einem sogenannten Testpool gemeldet.

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Effektives Kontrollsystem? Fehlanzeige

Im Klartext: Nur 90 Athleten müssen regelmäßig ihren Aufenthaltsort angeben, sodass die NADA ihnen unangekündigt Kontrolleure vorbeischicken kann. Das entspricht gerade mal elf Prozent der Athleten in den Männer-Bundesligen im Handball, Basketball und Volleyball. Dabei handelt es sich ausschließlich um deutsche Nationalspieler bzw. Jugendnational – oder Perspektivspieler. Und der Rest?

Nur elf Prozent aller Profis in Topligen sind in Testpools gelistet.

89 Prozent aller Profis in Deutschlands Topligen müssen keine unangekündigten Tests befürchten.

"Ja, das ist eine gewisse Ausrechenbarkeit, weil wir uns hier nur auf einen bestimmten Kreis von Spielerinnen und Spielern fokussieren können", sagt die NADA-Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann der ARD-Dopingredaktion. "Die Unberechenbarkeit der Kontrollen außerhalb des Wettkampfes ist natürlich für uns eingeschränkt, da wir hier nur die Möglichkeit haben, Athletinnen und Athleten, die dem deutschen Kader-System angehören und damit in einem Testpool eingeordnet werden, auch außerhalb von Wettkämpfen, also im Training zu kontrollieren." Sie räumt damit ein, dass sie nur einen mangelhaften Zugriff auf einen Großteil der Spieler in Deutschlands Topligen hat.

Null Kontrollen bei Nicht-Nationalspielern

Die NADA ergänzt schriftlich, dass sie grundsätzlich die Möglichkeit habe, ausnahmslos jeden Athleten zu testen – auch in den untersuchten Hallensportarten seien Kontrollen "bereits außerhalb des Wettkampfs bei nicht Testpool-Athleten*innen durchgeführt" worden.

Auf Anfrage der ARD-Dopingredaktion räumt die NADA für den Betrachtungszeitraum 2019 allerdings ein, sie hätte im Basketball, Handball und Volleyball ausschließlich deutsche Nationalkader-Athleten abseits des Wettkampfs getestet. Mit anderen Worten: keine einzige Kontrolle bei deutschen Nicht-Nationalspielern – und internationalen Topspielern.

Stand: 06.12.2020, 10:00

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