NFL: Tom Bradys vielleicht größte Herausforderung hat begonnen

Tom Brady enttäuscht

American Football

NFL: Tom Bradys vielleicht größte Herausforderung hat begonnen

Von Robin Tillenburg

Quarterback-Ikone Tom Brady hat mit seinem neuen Team Tampa Bay Buccaneers einen Fehlstart in der US-Football-Liga NFL hingelegt. Die öffentliche Überraschung darüber ist größer als sie sein sollte. Für einen Abgesang ist es (noch) deutlich zu früh.

Mit 23:34 unterlagen Bradys Buccaneers den New Orleans Saints im NFC-South-Division-Duell. Bradys Statistiken lesen sich dabei für ihn ungewohnt turnover- und fehlerbehaftet. Zwei Interceptions, von denen eine in einen direkten gegnerischen Touchdown resultierte, nur 23 von 36 Pässen zum Teamkollegen gebracht, dabei 239 Yards und zwei Touchdowns erworfen, dazu einen Run-Touchdown selbst erzielt.

Der so extrem ehrgeizige Brady hatte sich sein Debüt für die Buccaneers, die er nach zwölf Jahren ohne Playoffs erstmals wieder in die Postseason führen will, sicher anders vorgestellt. In Florida will der mittlerweile 43-Jährige beweisen, dass er auch außerhalb der New England Patriots, mit denen er sagenhafte sechs Super-Bowl-Ringe holte, und ohne seinen Coach und Mentor Bill Belichick Erfolg haben kann. Im ersten Spiel hatte er keinen. Das direkte Duell gegen den zwei Jahre jüngeren, ebenfalls zukünftigen Hall-of-Famer Drew Brees gewann der "Youngster". Auch wenn der mit 160 Passing-Yards und zwei Touchdowns ohne Interception eine nur solide und komplett glanzlose Leistung auf das Feld brachte.

Pro & Contra: Tom Brady - (ohne) Erfolg bei den Buccaneers Sportschau 25.08.2020 08:01 Min. Verfügbar bis 25.08.2021 Das Erste

Erwartbare Abstimmungsprobleme

Gewohnt schnelllebig und gewohnt hämisch fielen die Reaktionen auf Bradys Debüt für das neue Team in den sozialen Netzwerken aus. Memes wurden erstellt, der Abgesang angestimmt. Die Kritik richtete sich vor allem gegen den Quarterback, der eben in den meisten Teams - und in Bradys Fall ohnehin - das Gesicht der Franchise ist. Und ja, Bradys Interceptions sahen beide nicht wirklich glücklich aus und resultierten nicht (nur) aus einem Fehler der Passempfänger. Bei der ersten "lasen" Receiver Mike Evans und Brady die Defensive der Saints falsch, beziehungsweise unterschiedlich, bei der zweiten übersah Brady den lauernden Cornerback Janoris Jenkins und warf den Ball auf Justin Watson somit deutlich zu riskant.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Diagnose: Abstimmungsschwierigkeiten. In einer Saison mit einer schwierigen Offseason ohne Preseason-Spiele, in einem komplett neuen System mit einem Coach, der normalerweise ganz anders spielen lässt als Brady es bevorzugt, dauert es seine Zeit, bis die Abläufe sitzen. Das offenbarten diese beiden Szenen. Sie wurden knallhart bestraft und bleiben auch deshalb so besonders im Kopf.

Verheerende Fehler in Special Teams

Nun muss man den nach dem Spiel extrem selbstkritischen Brady allerdings auch einige Punkte zugute halten. Denn auch wenn Interceptions immer ärgerlich und sehr oft folgenschwer sind, hatten die Buccaneers an diesem Tag noch viele andere Probleme. Die Offensive Line sah oftmals nicht gut aus, Brady kassierte drei Sacks, bekam viel Druck von Cameron Jordan und Co. Dazu bekamen die Bucs gleich neun Strafen aufgebrummt, kein Team leistete sich mehr Penalties an diesem ersten Spieltag.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Unerfahrenheit auf einigen Positionen, dazu Abstimmungsprobleme. Das ist normal, gerade für ein Team, das sein System wegen eines neuen Quarterbacks anpasst und das zwar eine talentierte, aber doch sehr junge Defense hat. Auch das von Brady so geliebte Spiel mit den Running Backs lief nicht, Ronald Jones II und Leonard Fournette konnten keine Glanzlichter setzen. Dazu sah es bei den Special Teams nahezu verheerend aus. Ein geblocktes Field Goal beim Stande von 7:14, ein Kickoff der Saints, den die Bucs nicht sichern konnten beim Stande von 17:31 - das sind alles Fehler, an denen Brady nicht beteiligt war und die zusammen mit den Strafen und Abstimmungsproblemen in der Summe einfach zuviel waren. Coach Bruce Arians meinte nachher: "Ich würde nicht sagen, dass Brady aus dem Rhythmus war - bis wir dann angefangen haben, uns selbst alles zu verbauen."

Die Saints sind Titelkandidat

Eins der größten Probleme war nämlich auch: Der Gegner an diesem Tag war keine Laufkundschaft. Die New Orleans Saints gehören seit Jahren regelmäßg zu den Titelanwärtern und den besten Teams der Liga. In diesem Jahr geht die Mannschaft von Sean Payton in dieser Form mit ihrer wohl letzten Chance an den Start. Weil die Saints nächste Saison Stand jetzt deutlich über dem Cap Space liegen werden (ihre Spieler also zu teuer bezahlen), wird das Team zumindest auf einigen Positionen umgebaut werden müssen. Gut möglich ist in diesem Zusammenhang auch, dass Brees nach dieser Spielzeit seine Schuhe an den Nagel hängt. Da soll dann doch nochmal der Titel her, und dementsprechend gnadenlos nutzten die Saints die Fehler aus.

"Machbare" Spiele voraus - jetzt gilt's

Nochmal zur Einordnung: Die Kritik an Brady ist rein sportlich berechtigt. Er spielte nicht den Ansprüchen entsprechend und wirkte manchmal sogar etwas ratlos - auch wenn er seine Mitspieler in gewohnter Manier auch bei klarem Rückstand motivierte und zum Weitermachen animierte. Aber die Probleme des Teams sind lösbar, gerade für ein so erfahrenes Duo wie Brady und Arians. Und positive Ansätze waren auch zu sehen.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Die nächsten Gegner sind in den Carolina Panthers, den Denver Broncos, den Los Angeles Chargers und den Chicago Bears etwas leichter. Gerade gegen die nicht so stark eingeschätzte Panthers-Defense dürfte der Spielraum für kleine Fehler nächste Woche schon deutlich größer sein. Ein Abgesang ist also definitiv (noch) verfrüht. Zeigt das Team in den nächsten Wochen eine ansteigende Lernkurve, könnte schon Anfang November beim zweiten Spiel gegen die Saints wieder einiges anders sein. Aber: Wenn die Playoffs erreicht werden sollen, muss diese Kurve schon sehr bald sehr steil nach oben gehen. Es zeichnet sich ab, dass diese wohl letzte große Herausforderung in Bradys aktiver Karriere eine der anspruchsvollsten sein könnte.

Stand: 14.09.2020, 14:30

Darstellung: