Die Patriots und der Masterplan mit Stidham

Jarrett Stidham, Quarterback der New England Patriots beim Aufwärmen

American Football

Die Patriots und der Masterplan mit Stidham

Von Robin Tillenburg

Die New England Patriots werden aller Voraussicht nach auf die "große Lösung" auf der Quarterback-Position verzichten und keinen namhaften Ersatz für den abgewanderten Tom Brady verpflichten. Dahinter steckt ein ausgeklügelter Plan.

Jarrett... wer? Jarrett Stidham. Der Mann, der zum Saisonstart in der US-amerikanischen Football-Liga NFL sehr wahrscheinlich die Nachfolge von Tom Brady antritt, den nicht wenige Experten als den "Greatest Of All Time" bezeichnen, ist kein großer Name.

Stidham ist 23 Jahre alt und steht in seinem zweiten Jahr in der NFL. Die Patriots wählten ihn vor einem Jahr im Draft in der vierten Runde und machten ihn zum Backup für Brady. Drei Kurzeinsätze hatte Stidham in der vergangenen Saison dann. Mehr nicht. Nun wurde der Mann aus Kentucky von Draft-Experten schon damals durchaus ein ordentliches Potenzial bescheinigt, aber zu den Top-Leuten auf der Quarterback-Position zählte man ihn schon in seinem Jahrgang nicht. Dafür hatte er nach einem starken Jahr 2017 in der Spielzeit 2018 nicht stark genug ausgesehen. Dass dieser Mann also in der stärksten Football-Liga der Welt auf der großen Bühne den "Größten" ersetzen soll, scheint auf den ersten Blick kurios.

Auf die großen Namen verzichtet

Dabei hätte es in Cam Newton, Andy Dalton, Jameis Winston oder Aaron Rodgers (durch einen Trade) durchaus Kandidaten mit einem großen Namen gegeben. Auch im Draft waren in Joe Burrow, den die Cincinnati Bengals aber wohl nicht hergegeben hätten, Tua Tagovailoa, Justin Herbert, Jordan Love und Jalen Hurts einige spektakuläre und interessante Talente verfügbar gewesen, die man aber bis auf Hurts in einem Trade auch hätte teuer bezahlen müssen.

Dass ein Coaching-Mastermind wie Bill Belichick, der in der gemeinsamen Ära mit dem nach Tampa Bay abgewanderten Brady sechs Super-Bowl-Ringe erspielte und die Patriots zu der besten und konstantesten Franchise der jüngsten zwei Dekaden machte, bei jeder seiner Entscheidungen aber einen detaillierten Plan im Hinterkopf hat, ist auch klar. Also: Wie sieht der aus?

Stidham einer wie Brady?

Das fängt an bei Stidham selbst. Was ist er? Und was nicht? Stidham ist kein Patrick Mahomes oder Aaron Rodgers. Kein spektakulärer Passer mit einem überragenden Arm. Er ist kein Lamar Jackson. Kein unfassbar schneller und beweglicher Spielmacher, der durch sein starkes Laufspiel die gegnerischen Defensiven vor eine schwierige Wahl stellt.

Stidhams Stärken sind, da sind sich seine früheren Coaches und Experten einig, sein Spielverständnis und seine Fähigkeit, unter Druck gute Entscheidungen zu treffen. Das Spiel zu lenken und seine Nebenleute mit seinem ordentlichen Wurfarm einzusetzen, dabei diszipliniert zu arbeiten und beweglich auf den Füßen zu agieren. Müsste man einen "Prototyp" der Quarterbacks in der Liga auswählen, der in etwa seinem Spielstil entspricht, wäre das... Tom Brady.

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Bewährtes Erfolgsrezept

Brady wurde im Draft 2000 erst in der sechsten Runde von den Patriots ausgewählt und nach einem Jahr zum Starter befördert. Das Erfolgsgeheimnis der Franchise bestand damals aus einer knallharten Defense und einer Offense, die wenige Fehler machte, weil sie vor allem den Ball kontrollierte. Nachdem Bradys Fähigkeiten wohl auch die Erwartungen der Patriots übertrafen, wurde das Schema ein bisschen gelockert und der Quarterback durfte auch mal mehr als 25 Pässe pro Spiel werfen, aber ganz abgerückt ist Belichick von diesem System nie, und das hatte über viele Jahre großen Erfolg. Auch wenn in der aktuellen NFL das Passspiel so wichtig ist wie wohl nie zuvor.

Tom Brady (l.) mit Patriots-Headcoach Bill Belichick

Klappt das auch mit Stidham? Tom Brady (l.) mit Patriots-Headcoach Bill Belichick

Nun ist die Brady-Ära vorbei und es sieht alles danach aus, als würden die Patriots versuchen, das Erfolgsrezept mit Stidham zu adaptieren. Dass dieser sehr wahrscheinlich keine Karriere wie Brady machen wird und Vergleiche an sich unfair sind, ist dabei jedem klar. Die Spielidee der "Pats" passt aber besser zu Stidhams Stärken als das, was er im College in Auburn spielen musste. Belichicks Plan geht aber weiter als dieser Versuch, das bewährte Spielschema fortzuführen. Er hat diverse Unterebenen.

Vielschichtiger Plan

Stidhams Backup ist Brian Hoyer. Der spielte schon einmal für die Patriots, kennt also das System und auch die Rolle als Nummer zwei. Der 34-Jährige stünde bereit, falls Stidham noch Zeit braucht und kann ihm dabei helfen, das System zu verinnerlichen.

Stidham spart Geld

Zudem ist der "Cap Space", also das für Spieler verfügbare Gehalt, bei den Patriots sehr begrenzt. Der aktuelle Kader verdient gut, für eine große Lösung als Signal Caller müsste viel geschachert, abgegeben und ausbalanciert werden. Stidham ist eine günstige Lösung, schließlich verdient er mit seinem Rookie-Vertrag über vier Jahre schlappe 3,1 Millionen Dollar - für einen Starting-Quarterback ist das fast ein Hungerlohn. Zum Vergleich: Brady verdient in Tampa Bay das achtfache, Russell Wilson in Seattle sogar das zehnfache - in einem Jahr.

Das finanzielle Risiko mit Stidham ist also gleich Null. Wenn er gut performt und die Patriots im nächsten Draft keinen neuen Quarterback holen müssen, stünden personell extrem viele Türen offen. Denn im Sommer 2021 dürften es statt aktuell etwa zwei Millionen deren 100 sein, die Belichick an verfügbarem Spielraum für neues Personal hat. Wenn das Experiment mit dem Youngster fehlschlägt, ist dann immer noch Zeit, sich für Geld einen Veteranen zu sichern, oder im Draft nachzubessern.

2021 der große Angriff?

Wer die Saison mit Stidham als "Tanking"-Versuch der Patriots wertet, um zusätzlich für die nächste Saison möglichst hohe Draft-Picks zu erhalten, liegt wohl ebenfalls falsch. Denn: Der Spielplan meint es in dieser Saison ohnehin extrem hart mit dem Team aus Boston. Es kann also sehr gut sein, dass Stidham eine starke Saison spielt und das Team trotzdem die Playoffs verpasst. Dann hätte man ohne absichtliches Verlieren immer noch eine gute Draft-Position, einen unter Wettkampfbedingungen gewachsenen Quarterback und viel Geld. Eine Ausgangslage, die viele Football-Fans den Patriots wohl nicht unbedingt wünschen werden.

Stand: 05.05.2020, 14:22

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