Football

Die tiefe Krise der New England Patriots

Von Heiko Oldörp (Boston)

Die New England Patriots sind die NFL-Dynastie des 21. Jahrhunderts. Sechs Mal wurden sie Meister. Dann ging Quarterback Tom Brady. Seitdem ist der Alltag trist.

Vielleicht ist es ganz gut, dass die New England Patriots wegen Covid-19 ihre Heimspiele ohne Zuschauer absolvieren. So konnten sie an den vergangenen beiden Sonntagen vom Platz gehen, ohne den Zorn ihrer Fans zu spüren. Was hätten die knapp 65.000 Besucher geflucht, geschimpft und gepöbelt nach der 12:18-Niederlage gegen die Denver Broncos und erst recht nach der 6:33-Offenbarung gegen die San Francisco 49ers.  

So schwach wie lange nicht

"Der Gegner war nahezu in allem besser", resümierte Trainer Bill Belichick nach der desolaten Darstellung gegen San Francisco. Es war die höchste Heimniederlage, seitdem er am 4. Januar 2000 sein Amt antrat. Derartige Statistiken werden derzeit hervorgekramt. Und man muss mitunter fast 20 Jahre zurückgehen, um Bilanzen zu finden, die mit den gegenwärtigen vergleichbar sind.

Da hieß es nach dem 12:18 gegen Denver Mitte Oktober, dass die "Pats" mit nun 2:3-Siegen erstmals seit dem 11. Oktober 2002 eine negative Bilanz zu diesem Zeitpunkt der Saison hätten. Dies war zuvor höchstens im September mal der Fall gewesen. Ab Oktober kam der Patriots-Express dann verlässlich ins Rollen - und stoppte sechsmal erst, als der Super Bowl gewonnen war.

Analyse: "Einen der schlechtesten Kader diese Saison"

Das 6:33 gegen die 49ers war dann die dritte Saison-Niederlage nacheinander - auch das hatte es seit 2002 nicht mehr gegeben. "Die Patriots haben einen der schlechtesten Kader diese Saison - und so spielen sie auch", hieß es in der Analyse des "Boston Globe". Sportjournalist Chad Finn, der für die Tageszeitung schreibt, machte kein Hehl daraus, bereits vor Ende des dritten Viertels nach der "schlechtesten Quarterback-Leistung der Patriots-Geschichte" gegoogelt zu haben.

Cam Newton völlig außer Form

Da hatte Spielmacher Cam Newton gerade seine dritte Interception geworfen und war anschließend von Belichick aus der Partie genommen worden. Newton galt in den ersten Spielen noch als Lichtblick. Dass ein Quarterback auch selbst laufen und sogar Touchdowns erzielen kann, hatten sie in New England in 20 Jahren Tom Brady fast vergessen.

Doch seit Newton seine Coronavirus-Infektion auskuriert hat, wird immer deutlicher, warum sich außer den Patriots in der Saisonpause niemand für ihn interessierte. Belichick betonte zwar, dass Newton am Sonntag (01.11.2020) bei den Buffalo Bills beginnen werde, doch es wurde unter den Fans bereits diskutiert, ob nicht Nachwuchsmann Jarrett Stidham die bessere Lösung sei - oder gar die Nummer drei, Brian Hoyer.

Als Außenseiter nach Buffalo

Die Partie in Buffalo ist, wenn man es ausgesprochen gut mit New England meint, die letzte Chance in der Division. Die Bills führen die AFC East mit 5:2-Siegen an. Die Patriots sind mit ihrer Bilanz (2:4) Dritte. Ein Bild, das jahrelang undenkbar war. Die AFC East war von allen acht Divisionen die langweiligste und noch vorhersehbarer als der Ausgang der Meisterschaft in der Fußball-Bundesliga.

Seit 2003 waren die Patriots nur einmal nicht Erster - 2008, als Brady wegen eines Kreuzbandrisses die gesamte Saison ausfiel. Buffalo, die Miami Dolphins und die New York Jets verdienten oftmals den Begriff Gegner gar nicht. Sie konnten die Patriots vielleicht mal in einem Spiel ärgern, waren aber nie ernsthafte Mitstreiter um den Division-Titel. Nun reisen Belichick und Co. als Außenseiter zu den oft belächelten Bills.

Gilmore zur Trade Deadline weg?

Es ist das letzte Spiel vor der Trade Deadline am Dienstag (03.11.2020). Und die Patriots werden wohl erstmals seit Ewigkeiten keine Käufer, sondern Verkäufer sein. Sie werden diesmal nicht versuchen, ihren Kader durch ein Tauschgeschäft zu verstärken, sondern eher teure Spieler abgeben, da die Chance auf den Titel so gering ist wie eine Rückkehr von Tom Brady.

Stephon Gilmore wäre ein Spieler, den die Patriots tauschen und für den sie einen gewissen Gegenwert bekommen könnten. Der Cornerback wurde in der vergangenen Saison zum besten Verteidiger der Liga gewählt. Und Gilmore scheint wegzuwollen. Sein Haus in Foxborough steht zum Verkauf.

Tendenz geht nach unten

Mit ihm würde der einzig verbliebene Top-Spieler gehen. Und deshalb kam im Bostoner Radio-Sender "98,5 - The Sports Hub" diese Woche die Frage auf, ob es nicht sinnvoll wäre, wenn die Patriots "tanken" würden? Wenn sie also absichtlich schlecht spielen und möglichst häufig verlieren würden, um so eine größere Chance auf eines der Top-Talente beim kommenden Draft zu haben - so wie es Klubs wie die New York Jets halt machen.

Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass die Patriots überhaupt mal mit solchen Vereinen verglichen werden würden? Am 24. November 2019 hatten sie gegen die Dallas Cowboys 13:9 gewonnen. Es war der zehnte Sieg im elften Saisonspiel. Seitdem gab es zwölf weitere Spiele. Bilanz: 4:8. "The trend is your friend", lautet eine Floskel, die im US-Sport immer dann zu hören ist, wenn Tendenzen erkennbar sind. Bei den New England Patriots ist das der Fall. Die Tendenz geht nach unten. Sie sind purzelnde Patrioten.