Die NFL-Show muss weitergehen - egal, wie

Pittsburgh Steelers outside linebacker Bud Dupree

Corona in der NFL

Die NFL-Show muss weitergehen - egal, wie

Von Heiko Oldörp

Corona breitet sich in der NFL aus. Dennoch versucht die Liga, ihre Spieltage durchzuziehen. Das führt zu aberwitzigen Kuriositäten und zu kritischen Fragen an den Chef der Liga.

Kommentator Mike Tirico sprach von einem "aufgeschaukelten Spiel", das in der hundertjährigen Geschichte der NFL seinesgleichen suche. Nun sind TV-Kommentatoren dafür bekannt, manchmal zu übertreiben. Doch für das Spiel der Pittsburgh Steelers gegen die Baltimore Ravens war die Wortwahl treffend.

Denn dass er, seine Kollegen des TV-Senders "NBC" und beide Teams überhaupt in der Nacht zu Donnerstag (03.12.2020) im Heinz Field von Pittsburgh waren, war gar nicht vorgesehen. Doch es ist ein Sinnbild für den aktuellen Zustand der National Football League, die mit aller Macht versucht, ihre Vorrundenspiele durchzubringen - und deshalb einige Kuriositäten liefert.

24 Ravens mit Corona infiziert

Pittsburgh gegen Baltimore, dieses reizvolle Divisions-Duell, sollte ursprünglich vor einer Woche gespielt werden. Doch dann war bei den Ravens Corona ausgebrochen. Zehn Tage lang gab es positive Tests. Zwischenzeitlich waren 24 Teammitglieder infiziert, darunter auch Quarterback-Star Lamar Jackson. So wurde die Partie erst auf Sonntag verschoben, dann auf Dienstag und schließlich auf Mittwoch.

Die Denver Broncos hingegen mussten wie geplant am Sonntag ihr Heimspiel gegen die New Orleans Saints austragen. Dabei hatten auch sie unter Corona zu leiden. Zwar war der Ausbruch etwas kleiner, wirkte sich aber dennoch auf die Leistungsfähigkeit aus. Denn Denver waren die Quarterbacks ausgegangen.

Wide Receiver spielt in Denver Quarterback

Zunächst war bei Jeff Driskel Corona festgestellt worden, so dass er sofort unter Quarantäne gesetzt wurde. Eine NFL-Untersuchung ergab, dass Driskel tags zuvor mit den anderen drei Broncos-Spielmachern in engem Kontakt war und niemand eine Maske getragen hatte. Somit wurden auch Drew Lock, Brett Rypien und Blake Bortles von der Mannschaft isoliert und fielen gegen New Orleans aus. "Wir bauen darauf, dass sie Anführer unseres Teams sind. Aber sie haben Fehler gemacht. Das ist enttäuschend", meinte Broncos-Trainer Vic Fangio.

24 Stunden vor Spielbeginn ernannte er Kendall Hinton zum Starting Quarterback. Hinton war einen Monat zuvor noch Verkäufer für Medizin-Produkte gewesen und erst am 4. November von den Broncos für den Practice Squad verpflichtet worden - allerdings als Wide Receiver. Denn Quarterback hatte er nur am College mal für einige Zeit gespielt. Doch das reicht eben derzeit schon für der NFL.

Goodell lobt eigenes Hygienekonzept

Hinton hatte nur wenige Stunden, um sich im dicken Ordner der Spielzüge einige rauszusuchen. Normalerweise fängt der 23-Jährige die Footbälle. Nun sollte er sie möglicht genau werfen - allerdings ohne dies auch nur einmal mit dem Team trainiert zu haben. "Wir wussten, dass es eine schwierige Situation sein würde. Aber ich wollte die Herausforderung annehmen", betont Hinton. Seine Bilanz: von neun Pässen kam einer an. Zwei Würfe landeten in den Armen des Gegners. Denver verlor 3:31.

Warum Baltimores Partie dreimal verschoben wurde, Denver aber spielen musste, das war eine Frage für Roger Goodell, der in der Halbzeitpause des Spiels Steelers - Ravens zugeschaltet wurde. Doch bevor er antwortete, nutzte der NFL-Commissioner erst einmal die Gelegenheit, das eigene Hygienekonzept zu loben. Dies, so Goodell, sei "bei der Identifizierung, Isolierung und Eingrenzung des Virus sehr effektiv" gewesen.

Misst NFL mit zweierlei Maß?

In Baltimore habe es jedoch Probleme mit der Eingrenzung gegeben. In Denver hingegen konnte die Quelle (Quarterback Driskel) sofort ausgemacht und reagiert werden. Das mag logisch klingen, wird aber dennoch kontrovers diskutiert. Vor allem mit dem Wissen, dass Baltimore ein Titelanwärter ist und mit Lamar Jackson einen der besten Quarterbacks hat. Denver hingegen interessiert derzeit außerhalb von Colorado niemanden.

Mit den San Francisco 49ers gibt es noch ein Team, das Kurioses zu bieten hat. Der Vizemeister ist heimatlos. Im Santa Clara County, wo das Stadion der Goldhosen steht, gilt vorerst bis zum 21. Dezember ein Verbot für Kontaktsport. Deshalb sind die 49ers jetzt nach Glendale umgezogen, tragen ihre “Heimspiele” gegen Buffalo und Washington im Stadion der Arizona Cardinals aus.

Kritische Fragen an den Liga-Chef

Als dies zeige, betont Sportjournalist Adam Schefter, dass die Liga entschlossen sei, "diese Spiele jede Woche auszutragen. Ganz egal, was passiert." Schefter ist in der Liga vernetzt wie kaum ein anderer. Er verweist darauf, dass aufgrund von Covid in vielen Teilen des Landes der Schulunterricht nur virtuell erfolge und beispielsweise in Los Angeles die Restaurants geschlossen seien. In der NFL hingegen sei auch nach zwölf Spieltagen noch keine Partie ausgefallen.

Doch vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit. Gestern gab es in den USA 196.000 Covid-Neuinfektionen und 2.733 Tote.

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Die Zahl der mit Corona-Patienten belegten Krankenhausbetten ist erstmals sechsstellig. "Die Ausbreitung scheint schlimmer zu werden. Und du fragst dich, wie lange die Saison noch andauern kann?", meinte Kommentator Chris Collinsworth am Ende der Übertragung aus Pittsburgh.

Goodell betonte derweil, dass die NFL das Ziel habe, "alle 256 Vorrundenspiele gefahrlos zu Ende zu bringen.” Eine abgeschirmte Blase, wie sie die NBA, NHL und MLB für ihre Playoffs hatten, sei derzeit kein Thema - und in der K.o.-Runde auch nicht, so Goodell. Man vertraue dem eigenen Sicherheitskonzept. Diese Haltung wiederum könnte in den kommenden Wochen für weitere Kuriositäten aus der Unterhaltungswelt NFL sorgen.

Stand: 03.12.2020, 10:21

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