NFL: Die Offensive Line - unbesungene Helden des Angriffs

Die O-Line der LA Rams beim Training

American Football

NFL: Die Offensive Line - unbesungene Helden des Angriffs

Von Erik Gläsel

Wenn am kommenden Freitag (11.09.2020, 2:20 Uhr MEZ) die Saison der nordamerikanischen Football-Liga NFL beginnt, werden Offensiv-Stars wie Patrick Mahomes, Michael Thomas oder Christian McCaffrey wieder das Rampenlicht für sich einnehmen. Ursprung eines jeden erfolgreichen Spielzugs ist aber stets eine intakte Offensive Line. Bestehend aus großen, massigen Spielern, denen meist allerdings nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Fünf Männer, im Optimalfall circa 1,90 Meter groß und um die 140 Kilogramm schwer, aufgereiht im Mittelpunkt der meisten Spielzüge beim American Football. Klingt erstmal nach einer recht statischen Masse, die man unmöglich übersehen kann, doch oft folgt das Auge des Zuschauers nur dem Ball. Dabei geht die Arbeit der Männer im Zentrum gerne mal unter, und im Rampenlicht stehen am Ende in der Regel ihre Mitspieler aus dem Backfield - außer nach groben Fehlern, dann schaut man kritisch auf die großen Jungs aus der ersten Reihe.

"Wir sind in der Sicherheits-, Personenschutz- und Versicherungs-Branche tätig." - So hat Paul Alexander, der über 20 Jahre Offensiv-Line-Coach in der NFL und mittlerweile unter anderem Berater bei den Potsdam Royals ist, die Aufgaben seines Mannschaftsteils definiert. Es geht tatsächlich viel um den Schutz des Quarterbacks, aber eben auch um Zeitgewinn und die Wegbereitung für mögliche Lauf-Routen.

Bodyguards und Wegbereiter

In der Basis besteht die Offensive Line stets aus fünf Spielern. Dem Center in der Mitte (er beginnt mit dem Snap auch den Spielzug), daneben jeweils ein Guard, flankiert von den Tackles ganz außen. Dazu können noch Tight Ends als Hybrid-Spieler hinzugezogen werden, die entweder den Block unterstützen, oder Pässe fangen dürfen. Einer der fünf Basis-Spieler der Line ist erst nach Anmeldung vor dem Spielzug beim Schiedsrichter als Passempfänger zugelassen. Dieser kurze Umriss wird der Komplexität und Bedeutung einer O-Line zugegeben nur wenig gerecht. Die Annahme, dass sie lediglich auf die Bemühungen der gegnerischen Defensiven reagieren, ist schlichtweg falsch.

Viel mehr kann man in den meisten Fällen bereits an der Positionierung und der Auftaktbewegung sehen, wie das angreifende Team seinen Pass- oder Laufspielzug umsetzen will. Die Feinabstimmung auf die gegnerische Defensive übernimmt der Center. Quarterbacks müssen sich darauf verlassen, dass die Spieler die sogenannte "Pocket", den gedachten Raum hinter der O-Line, bei einem Passversuch intakt halten und keine gegnerischen Verteidiger durchbrechen lassen. Damit verschafft man den Passempfängern Zeit sich von den Gegenspielern zu lösen und einen sauberen Pass vom Quarterback zu empfangen. Wurde ein Laufspiel angekündigt, besteht die primäre Aufgabe darin, Lücken in der gegenüberstehenden Defensive Line zu schaffen, durch die der Ballträger stoßen kann. Die richtige Technik der Arme und Hände bei den Blocks vermeidet Strafen und ist ebenso wichtig wie eine koordinierte Beinarbeit. Je nach Spielzug werden variierende Grundstellungen, Auftaktbewegungen und Blocktechniken benötigt. Für das passende Timing, die Abstimmung der Abstände zueinander und die Kommunikation mit dem Quarterback, bedarf es enormen Trainingsaufwand und eingespielte Routine.

Große Körper, schnelle Bewegungen

Dass die Line-Spieler über eine außerordentliche Athletik verfügen, wird auf den ersten Blick kaum ersichtlich. Aber trotz ihrer enormen Masse verfügen gute Offensive Tackles und auch viele Guards über beeindruckende Antrittsschnelligkeit und Koordination. Auf dem Feld sieht man davon wenig, da es bereits kurz nach dem Snap schon zum Kontakt mit den Gegenspielern kommt. Dabei zählt aber jede Zehntelsekunde, denn die richtige Positionierung des Körpers und der Arme entscheidet bereits über Gedeih und Verderb eines Spielzugs. Tristan Wirfs, der von Tampa Bay als 13. Spieler im Draft 2020 ausgewählt wurde, soll bei den Buccaneers für mehr Sicherheit bei Tom Brady sorgen. Mit einem Sprung aus hüfthohem Wasser hat der 1,96 Meter große und 145 Kilogramm schwere Neuling bereits vor seinem ersten Pflichtspiel für Aufsehen gesorgt und zeigt welche Schnellkraft in einem so schweren Körper stecken kann.

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Sebastian Vollmer (2013) im Trikot der New England Patriots

Sebastian Vollmer (2013) im Trikot der New England Patriots

Brady hatte während seiner Zeit bei den Patriots übrigens auch einen deutschen Spieler in seiner Offensive Line. Sebastian Vollmer stand zwischen 2009 und Anfang 2017 in 88 Spielen (80 davon als Starter) für die New England Patriots auf dem Feld und gewann mit ihnen den Super Bowl 2015 und 2017. Vollmer begann seine Karriere als Right Tackle, wechselte aber gegen Ende seiner Karriere auf die linke Seite des Verbundes, der eine besondere Bedeutung hat. Eine Umschulung der Positionen innerhalb der O-Line ist zwar nicht außergewöhnlich, aber alles andere als einfach und beiläufig zu erlernen. Oft sind es verletzungsbedingte Notlösungen, die koordinative Umstellung ein hartes Stück Arbeit, das ebenso ein gewisses Maß an Talent einfordert.

Die Besonderheit des linken Tackles

NFL-Teams lassen sich besonders die Position des Left Tackle viel kosten. Grund dafür ist die sogenannte "Blind Side" (blinde Seite). Bricht ein Passrusher auf dieser Seite durch, sieht der Quarterback den sich nähernden Verteidiger oft nicht. Bis auf den Dolphins-Rookie Tua Tagovailoa werfen derzeit alle Spielmacher der Liga mit der rechten Hand, haben also den Rücken zur linken Spielfeldseite gekehrt - das Verletzungsrisiko ist dabei sehr hoch, da er sich nicht auf den Aufprall und Sturz vorbereiten kann.

Um das wichtigste und kostspieligste Puzzleteil der Offensive zu schützen, geben die Teams viel Geld aus und sichern sich nicht selten im Draft bereits früh die talentiertesten Spieler. Mit durchschnittlich 22 Millionen Dollar pro Jahr hat der Left Tackle Laremy Tunsil den derzeit teuersten Vertrag. Zum Vergleich: Der am besten bezahlte Runningback, Christian McCaffrey, verdient "nur" 16 Millionen im Jahr. Linebacker Khalil Mack verdient 23,5 Millionen Dollar und ist damit Top-Verdiener unter allen Defensivspielern der Liga.

Komplexität nur schwer herunterzubrechen

Um es noch einmal deutlich herauszuheben: Die unterschiedlichen Besonderheiten, Voraussetzungen und Aufgaben der jeweiligen Tackles, Guards und des Centers lassen sich nur schwer in verkürzter Form darstellen. Besonders auch, weil sich individuelle Fähigkeiten von Spielern immer auf die gesamte Offensive Line auswirken können und die unterschiedlichen Spielphilosophien der Teams auch immer mit differenzierten Anforderungen an die O-Line einhergehen. Als Quintessenz bleibt allerdings die Feststellung, dass es sich um weit mehr als bloße Wellenbrecher aus der ersten Reihe handelt.

Wenn sich ab kommender Woche Runningbacks wieder in der Endzone feiern lassen und Quarterbacks das Feld mit sauberem Trikot verlassen, lohnt es also in den Wiederholungen einen genaueren Blick auf die Offensive Line zu werfen. Denn dann haben die fünf großen Jungs in der ersten Reihe höchstwahrscheinlich wieder ganze Arbeit geleistet.

Stand: 03.09.2020, 09:00

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