Die NFL im Offensiv-Rausch

Football auf dem Weg zum Punkte-Rekord

Die NFL im Offensiv-Rausch

Von Erik Gläsel

Die Saison 2018 in der US-amerikanischen Football-Liga NFL ist in vollem Gange, und besonders die Liebhaber von Offensivspektakeln kommen in diesem Jahr voll auf ihre Kosten. Es könnte die punktereichste Saison in der Super-Bowl-Ära werden - fällt der Rekord, sind die New Orleans Saints und Kansas City Chiefs wesentlich daran beteiligt.

Eine solide Abwehr, ein ordentliches Laufspiel und dazu ein Quarterback, der die Uhr clever verwalten kann. Das war über viele Jahre hinweg ein bewährtes Rezept für erfolgreichen Football in der NFL. Diese Zeiten scheinen vorbei.

Wer aktuell auf sich aufmerksam machen will, muss mit riskanterer Spielweise die Tiefe des Feldes suchen und punktehungrig sein, statt eine Führung über die Zeit zu retten. Setzt sich dieser Trend in der zweiten Hälfte der regulären Saison fort, wird ein neuer Punkterekord aufgestellt werden.

Die derzeitige Bestmarke liegt bei durchnittlich 23,4 Punkten pro Team in einem Spiel, derzeit werden 24 erzielt. Nach der zehnten Woche kristallisieren sich nun vier Favoriten auf den Super Bowl 53 (03.02.2019) in Atlanta heraus, deren Stärke jeweils auf dem Offensivspiel beruht.

Vier Favoriten zeichnen sich ab

Die Los Angeles Rams waren bereits vor dem Ligastart der klare Favorit. Dank zahlreicher namenhafter Verstärkungen werden sie ihrer Favoritenrolle auch auf dem Feld gerecht und blieben die ersten acht Spiele ungeschlagen.

Auch die New England Patriots zählen wie in jedem Jahr zum engeren Favoritenkreis. Obwohl das Team um Tom Brady bei der 10:34-Niederlage bei den Tennessee Titans nicht überzeugen konnte, scheint man in Boston langsam den Rhythmus zu finden.

Überraschender sind hier die New Orleans Saints und Kansas City Chiefs, die beide von herausstechenden Spielmachern geführt werden und mit offenem Visier einen Rekord nach dem anderen jagen.

Brees in bestechender Form

Die spielerische Qualität von Drew Brees, seine Beständigkeit und Teamfähigkeit sind dabei seit Jahren das Fundament für New Orleans. In dieser Spielzeit kann der Quarterback seine Leistungen gleich mehrmals in den Rekordbüchern verewigen. Neben der neuen Bestmarke für die karriereübergreifend meisten Passing-Yards (aktuell 73,046) hat er seit dieser Saison auch die meisten Pässe an den Empfänger gebracht (6.457). Beim 51:14-Sieg gegen die Cincinnati Bengals gelang dem 39-jährigen sein 509. Touchdown-Pass. Brees hat sich damit auf Rang zwei hinter Peyton Manning (539) geschoben.

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Unberechenbar dank starkem Backfield-Duo

Brees spielt seine 18. Saison in der US-amerikanischen Profiliga, und selten hatte er solch fähige Unterstützung in der Offensive. Alvin Kamara und Mark Ingram teilen sich das Backfield und erschweren es durch ihre unterschiedlichen Stile den gegnerischen Defensivreihen, sich auf die Spielzüge einzustellen. Besonders Kamara sorgt mit seinen Receiver-Fähigkeiten häufig für Überraschungsmomente. Als Passempfänger bleibt allerdings Michael Thomas die unumstrittene Nummer eins.

Fast hätte dieser in der vergangenen Woche prominente Gesellschaft bekommen, denn die Saints haben den dreimaligen Pro-Bowler (Berufung in das All-Star-Team) und ehemaligen Dallas Cowboy Dez Bryant verpflichtet. Nach der Unterschrift eines Einjahresvertrags am Mittwoch riss ihm allerdings schon am Freitag bei der ersten offiziellen Trainingseinheit mit dem Team eine Achillessehne: Saison-Aus.

Trotz der geballten Offensivkraft hat man in New Orleans allerdings ein Problem. Mit 296,1 Yards pro Spiel lässt die Defensive zu viel Raumgewinn durch Passspiel zu - nur die Bengals sind schlechter (knapp 313,3 Yards). Da tröstet die zweitbeste Rushing-Defense der Liga nur wenig darüber hinweg, denn mit 25,8 Punkten gegen das eigene Team pro Spiel findet man sich im unteren Drittel der Ligastatistik wieder. Solange die Offensive ihre durchschnittlich 36,7 Punkte pro Partie abliefert, bleibt man jedoch auf der Siegerstraße.

Kansas City hat einen neuen Leader

Während die Saints auf Erfahrung bauen, sorgen im Arrowhead Stadium von Kansas City junge, wilde Spieler für Aufsehen. Allen voran der 23-jährige Quarterback Patrick Mahomes, der im Draft 2017 in der ersten Runde an zehnter Stelle ausgewählt wurde. In seiner ersten Saison hat er lediglich in einem Spiel das Feld betreten, sollte hinter Alex Smith (jetzt bei den Washington Redskins) lernen und aufgebaut werden - ein Plan, der sich ausgezahlt hat. Nach den ersten zehn Spielen als Starter hat Mahomes bereits 31 Touchdown-Pässe geworfen und damit einen neuen Team-Rekord aufgestellt.

Head Coach Andy Reid ist nicht nur von der Leistung auf dem Feld begeistert, sondern auch von seinem Verantwortungsbewusstsein und dem Einfluss auf seine Mitspieler. "Er ist in einer Position, in der er jeden um sich herum besser machen kann und das tut er“, lobte Reid seinen Spielmacher nach dem Sieg gegen die Arizona Cardinals. Sein bester Receiver, Tyreek Hill, sieht in ihm einen "unbeschreiblichen Quarterback, einen unbeschreiblichen Führungsspieler.“

Kreativ, explosiv und kaum zu stoppen

Hill ist nicht ohne Grund das Lieblingsziel von Mahomes. Der Quarterback, dessen Wurfarm oft als „Kanone“ beschrieben wird, weiß den schnellsten Spieler der NFL bestens zu bedienen. Der Wide Receiver nennt sich selbst „Cheetah“ (Gepard) und das völlig berechtigt. Hat der 24-jährige erstmal den Ball in den Händen, ist es schwer, ihn zu stoppen.

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Während sich die gegnerische Defense auf Geschwindigkeit einstellt, haben die Chiefs mit Kareem Hunt aber auch einen physisch starken Runningback an der Seite von Mahomes. Zudem steht  mit Travis Kelce ein dynamischer Tight End an der Line of Scrimmage, der neben seiner wuchtigen Erscheinung seine Stärken ebenfalls im Passspiel hat.

Funktionieren die tiefen Pässen aus Mahomes‘ „Kanone“ nicht, stehen damit erfolgsversprechende Alternativen für kurze Bälle oder das klassische Laufspiel zur Verfügung. Wie bei den Saints ist auch bei den Chiefs die Offensivleistung der Grund des Erfolgs. Mit 35,3 Punkten pro Spiel legen Mahomes und Co. die Messlatte enorm hoch.

Allerdings lassen nur drei Defensiven mehr Yards im Lauf- und Passspiel zu als die Chiefs (im Schnitt 410,7 pro Spiel). Wenn der Gegner dann seine Möglichkeiten nahe der Endzone nutzt, wird der Mangel zum Verhängnis. So wie bei der einzigen Saisonniederlage Kansas Citys gegen die New Englad Patriots (Endstand 40:43).

Neue Regeln der NFL greifen

In diesem Jahr wurden in der NFL bereits 7.120 Punkte erzielt. Im vergangenen Jahr waren es zum gleichen Zeitpunkt 6.417. Und es gibt keinen Grund, weshalb die Punkteflut abebben sollte. Denn die NFL wollte mit Regeländerungen vor der Spielzeit das Offensivspiel ja auch begünstigen - etwa mit der Neudefinition eines erfolgreich gefangenen Balls, dem stärkeren Schutz der Quarterbacks und der eingeschränkte Verwendung des Helmes bei Tacklings.

Dass die Defensive die Meisterschaften gewinnt, scheint also nicht mehr die endgültige Wahrheit zu sein. Die Tennessee Titans, Baltimore Ravens oder Chicago Bears zum Beispiel schaffen es zwar, die eigene Endzone sauber zu halten, allerdings bringen sie selbst zu wenig Punkte auf die Anzeigetafel, um wirklich erfolgreich zu sein.

Man stelle sich vor, die Chiefs und die Saints können weiter mangelhafte Defensivarbeit durch eigene Punkte auffangen und sie stehen sich Anfang Februar in Atlanta gegenüber - man sollte keine Angst vor großen Zahlen haben.

Stand: 13.11.2018, 10:33

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