Es war einmal in Oklahoma: Die NFL-Geschichte des Josh Jacobs

Josh Jacobs, Runningback der Oakland Raiders

Der neue Football-Star der Oakland Raiders

Es war einmal in Oklahoma: Die NFL-Geschichte des Josh Jacobs

Von Andreas Overath

Josh Jacobs wuchs ohne Mutter und festen Wohnsitz auf. Heute ist der 21-Jährige ein NFL-Star. Eine Geschichte, wie die Amerikaner sie lieben.

Als sich das noch junge, aber schon leidgeprüfte Leben des Josh Jacobs gerade zum Besseren gewendet hatte, als sein Traum nach all den Jahren plötzlich zum Greifen nah war – da lag er noch einmal ganz unten am Boden.

Nur: diesmal wollte er es so.

Die ersten Nächte an der University of Alabama, so geht die Anekdote, verbrachte Jacobs auf dem Boden seines Zimmers. Seine Begründung: im Bett habe er nicht schlafen können – zu sehr hatten ihn die Jahre auf alten Sofas, Motelzimmerböden und Rücksitzen geprägt.

Heute, drei Jahre später, ist Jacobs Footballprofi. Ende April wurde er als erster aller verfügbaren Runningbacks im Draft ausgewählt. Seitdem spielt der bullige Angreifer für die Oakland Raiders. Und das so gut, dass er gerade zum zweiten Mal in Folge zum "NFL Offensive Rookie of the Month", zum besten offensiven Jungprofi des Monats gewählt wurde. Er hat gute Chancen, auch die Jahreswertung zu gewinnen. Der 21-Jährige verdient Millionen. Josh Jacobs, das kann man so sagen, hat es geschafft.

Modernes Footballmärchen

Die Geschichte von Jacobs ist eine, wie sie amerikanischer kaum sein könnte. Das Tellerwäscher-Narrativ in Reinform: von ganz unten nach ganz oben. Sie passt perfekt in die USA, den Geburtsort der Traumfabrik. Sie klingt nach Hollywood-Stoff, konzipiert am Schreibtisch, vorsätzlich vollgestopft mit den ganz großen Emotionen. Dieses moderne Footballmärchen aber ist wahr. Es beginnt Mitte der 2000er-Jahre in Tulsa, Oklahoma.

Josh ist acht Jahre alt, als seine Eltern sich scheiden lassen. Als einziges der fünf Kinder zieht er zum Vater. Marty Jacobs hatte gerade seine Wohnung verloren, eine neue aber in Aussicht. Für den Übergang kommen sie bei Verwandten unter. Doch aus der neuen Wohnung wird nichts. Josh und sein Vater übernachten fortan in Martys SUV. Er habe seinen Vater in dieser Zeit nie schlafend erlebt, erzählte Josh später einem amerikanischen Online-Magazin. Er habe stets über ihn, den Sohn, gewacht - die Pistole griffbereit im Schoß.

Schließlich finden sie eine Wohnung. Der Vater, dem das Sorgerecht zugesprochen wird, holt die Geschwister nach. Für einen Moment kehrt Ruhe ein. Dann aber hat Marty Jacobs einen Arbeitsunfall. Er verliert seinen Job, die Familie ihre Wohnung. Die nächsten Jahre verbringen sie in täglich wechselnden Motels. Das Geld reicht nie. Zu essen gibt es meist Bohnen oder Reis. Die Familie aber steht zusammen. Der Vater animiert die Kinder, sich auszudrücken. Josh und seine Geschwister beatboxen, rappen, schreiben Gedichte und zeichnen. Josh ist dreizehn, als der Vater wieder einen festen Job findet: Die Familie bezieht ein Haus. Die Gegend ist übel. Gangs und Gewalt, nachts Helikopter am Himmel. Josh ist das egal. Hauptsache ein Zuhause.

Absurd gut

In der High-School überragt Jacobs als Footballspieler. Seine statistischen Werte seien so absurd gut gewesen, schreibt er später in einem offenen Brief, dass die Lokalzeitung sich geweigert habe, sie zu veröffentlichen. Sie hätten sie schlicht nicht geglaubt. Also lädt sein damaliger Coach einen Reporter zu einem Spiel ein. Jacobs erzielt 455 Yards Raumgewinn – und sechs Touchdowns. Angebote, für eine Universität zu spielen, erhält er keine. Die Scouting-Plattformen im Internet ignorieren ihn. Wie kann das sein?

Jacobs' High-School ist nicht als Talentschmiede bekannt. Scouts meiden sie. Nur einer hört von dem Jungen aus Tulsa. Ein Mann aus dem Nachbarstaat Texas. Er meldet sich bei Jacobs' Vater. Warum, um Gottes Willen, sein Sohn keine Angebote habe, will er wissen. Und empfiehlt, dem Jungen umgehend einen Twitter-Account anzulegen. Für seinen Highlight-Clip - einen Zusammenschnitt seiner besten Szenen.

Der Clip geht online. Es dauert einen Tag, dann klingelt Jacobs Handy. Durchgehend. Kleinere, aber auch immer mehr große, renommierte Universitäten wollen ihn – schließlich auch Alabama. Die "Crimson Tide", sein Lieblingsteam.

Spieler der Spiels

Während seiner Zeit in Alabama habe er erst gar nicht an die NFL gedacht, schreibt Jacobs in seinem Brief. Bis zum Spiel gegen Georgia. Das Finale der Southeast Conference. Es ist schwer, sich dieses Spiel anzusehen und es nicht sinnbildlich für sein Leben zu verstehen. Jacobs, das muss man dazu sagen, war krank in die Partie gegangen. Grippe. Gliederschmerzen. Dehydration. Spiel nicht, sagten die Trainer. Jacobs spielte. Am Spielfeldrand hielten sie Sauerstoffmasken und Infusionslösungen bereit. "I was dying of thirst and I had no wind", schreibt Jacobs. "Ich war todesdurstig und kriegte keine Luft".

Am Ende gewann Alabama. Und Jacobs, der kaum hatte atmen können, aber zwei Touchdowns erzielte, wurde zum MVP gewählt - zum Spieler des Spiels.

Stand: 13.12.2019, 15:10

Darstellung: