Fantasy Football – der Wahn um die Hobby-Manager

Fantasy Football – der Wahn um die Hobby-Manager

Zum Start der NFL

Fantasy Football – der Wahn um die Hobby-Manager

Von Erik Gläsel

Fiktive Ligen mit echten Spielern: Football-Fans wählen Mannschaften aus echten NFL-Profis und je besser diese spielen, desto höher sind die Chancen für das eigene Phantasie-Team auf den Sieg. Am Ende der Saison gibt es dann - wie in der NFL - nur einen Meister. Viele Ligen spielen um den Spaß, einige aber auch um beträchtliche Geldsummen.

Es ist die 13. Woche der regulären Saison 2018: die Los Angeles Rams führen gegen die Detroit Lions mit 23:16 und stehen knapp drei Minuten vor Schluss an der gegnerischen 40-Yard-Linie. Runningback Todd Gurley bekommt den Ball, findet eine Lücke in der Defensivreihe, schüttelt einen Widersacher gekonnt ab und trabt in Richtung Endzone – doch dreht kurz davor ab und geht zu Boden.

Aus sportlicher und taktischer Sicht clever. Mit den vier neuen Versuchen und der bereits vorhandenen Führung minimieren sich die Chancen der Lions, die Partie doch noch zu drehen, denn die Zeit läuft ihnen davon.

Nicht jeder erkannte den selbstlosen Akt des 25-Jährigen – besonders die Fantasy-Football-Enthusiasten nicht. Auch wenn Gurley wenige Sekunden danach die Endzone erreicht hat, war das Vertrauen der Fantasy-Kommune in den Runningback stark angekratzt, denn es war nicht seine erste Aktion dieser Art.

Statistiken und Formkurven

Denn was beim Fantasy Football zählt, sind die Statistiken einzelner Spieler. Für jeden Yard Raumgewinn, ob geworfen, gefangen oder erlaufen, bekommt der jeweilige Offensiv-Star Punkte. Ebenso für erzielte Touchdowns und geglückte Field Goals. Lediglich die Defensive wird in Form eines Teams aufgestellt - und lässt diese wenig Punkte zu oder erzielt gar selbst welche, werden diese auch dem jeweiligen Besitzer gutgeschrieben.

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Die Strukturen der Ligen und deren Regeln können stark variieren, meist bestehen sie aber aus acht bis zwölf fiktiven Mannschaften, die von einer Person gemanagt werden. Im Draft können die Teammanager vor der Saison nacheinander aus allen NFL-Stars wählen und dabei ein ausgewogenes Verhältnis der Positionen in ihrem Kader beachten. Vor jedem Spieltag muss der Manager dann die vielversprechendste Aufstellung finden.

Auch mal nach Bauchgefühl

Dabei ist es wichtig, sich über den Verletzungsstatus, die Formkurve oder auch die Gegner seiner Einzelspieler zu informieren und dann auch nach dem eigenen Bauchgefühl zu handeln. Verletzen sich Stars und müssen ersetzt werden, haben die Manager zwischen den Spieltagen Zeit untereinander zu tauschen oder sich aus dem "Free-Agent-Pool" zu bedienen.

Pro NFL-Wochenende stehen sich dann jeweils zwei fiktive Mannschaften direkt gegenüber. Sie duellieren sich um die höchste Gesamtpunktzahl (bestehend aus der Summe ihrer NFL-Stars) und somit den Sieg.

Sportliche Ziele im Hintergrund

Der Kampf um die Playoffs und den Gesamtsieg spitzt sich gegen Ende der regulären NFL-Saison zu. Und wer eben jenen Runningback Todd Gurley in seinen Reihen hatte, musste den wertvollsten Fantasy-Spieler der Vorsaison auch teuer bezahlen und erwartete Punkte.

Todd Gurley von den Los Angeles Rams.

Todd Gurley von den Los Angeles Rams.

Da geraten die Saisonziele der echten Los Angeles Rams – fast wie selbstverständlich – in den Hintergrund. In den sozialen Medien kochte das Thema hoch und das war kein Ausnahmefall.

Beleidigungen und Drohungen

Le'Veon Bell, ein weiterer Hochkaräter unter den Runningbacks, entschied sich kurz vor der Spielzeit im vergangenen Jahr, in den Streik zu treten, um einen besseren Vertrag auszuhandeln. Leider ließen sich die Pittsburgh Steelers nicht erpressen - und Bell verbrachte die Saison unter der Sonne Floridas, ohne den Football auch nur ein Mal in die Hand zu nehmen.

Fantasy-Manager, die nicht zu unrecht auf Bell setzten, hatten damit unvorhersehbar und ersatzlos ihren wertvollsten Spieler verloren. Das ließen sie den dreimaligen All-Star-Spieler spüren, diffamierten ihn als geldgierigen Egoisten. Ein Angebot der Steelers über rund 70 Millionen Dollar lehnte Bell ab, und man kann die immensen Gehaltsvorstellungen zurecht kritisieren, allerdings reichten die Beleidigungen und Drohungen einmal mehr ins Niveaulose.

Le Veon Bell von den New York Jets.

Le Veon Bell im Trikot der New York Jets.

Kostenlose PR – Fluch und Segen

Während es Spieler gibt, die sich zunehmend genervt von dem Zirkus um die Fantasy-Ligen zeigen, nutzen andere die Bühne um sich bei den Fans beliebt zu machen. Es ist kostenlose PR auf ganz großer Bühne.

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Pittsburghs Wide Receiver und Shooting-Star Juju Smith-Schuster beispielsweise dankte seinen Fans nicht nur für das Vertrauen, sondern beruhigte die Gemüter zugleich, indem er persönlich bestätigte, dass eine leichte Verletzung rechtzeitig ausheilte und er damit einsatzbereit war. Auch Le’Veon Bell hat sich nach seinem Jahr Abstinenz an die Fantasy-Kommune gewandt, sich in einem Tweet entschuldigt und gelobt Besserung: "Vertraut mir, dieses Jahr läuft es ganz anders, Ich bringe euch den Titel."

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Nach dem Wechsel zu den New York Jets scheint Bell nicht nur sportlich sein Image aufpolieren zu wollen. Mit Recht, denn es lohnt sich die Herzen der Fans unabhängig vom derzeitigen Team zu gewinnen.

Viele namhafte Spieler wie Quarterback Aaaron Rodgers oder Wide Receiver Odell Beckham Jr. vermarkten sich als Eigenmarke und nicht nur als Spieler eines Teams. Mit der steigenden Popularität wächst dann auch das Interesse der finanzstarken Werbebranche, die sich gerne mit den Football-Helden schmückt.

Glücks- oder Sportspiel?

Im Internet findet man zahlreiche Angebote. Neben dem NFL-eigenen Auftritt und dem Suchanbieter "Yahoo" sind die Plattformen der Fernsehsender "ESPN" und "CBS" die wohl beliebtesten Adressen der Hobby-Manager. Meist geht es um den Spaß, geringe Beträge oder simple Trophäen. In manchen Ligen wittern sie allerdings auch die Chance auf Geld, investieren mehrere hundert bis tausende Dollar, um am Ende aus den Unmengen von Statistiken und einer großen Portion Glück ihren Einsatz zu vervielfältigen.

Ein kritischer Punkt, denn immer wieder flammt die Diskussion auf, ob es sich bei Fantasy Football, wie auch bei anderen Online-Managerspielen, um ein Sportspiel oder um Glücksspiel handelt. Argumente lassen sich für beide Definitionen finden - die Angst, dem Sport damit schaden zu können ist wohl berechtigt.

Noch mehr die Sorge vor dem Suchtpotenzial, das mit steigenden Gewinnen natürlich steigt - Sport inside berichtete bereits. Zumindest wird eines deutlich: Wie in vielen anderen Sportarten, werden die Männer unter den Helmen oft nur noch an Zahlen gemessen und bewertet.

Spielerisch das Interesse wecken

Die NFL stellt nicht nur ihre eigene Plattform zur Verfügung, sondern bereitet ihre ausgespielten Inhalte auch professionell für den Fantasy-Markt auf. Fast durchgehend werden bei Live-Übertragungen und der Vor- und Nachberichterstattung Einblendungen mit Punkten, Rankings und Expertenmeinungen insertiert.

Ganze Sendestrecken mit Einschätzungen und Prognosen in aufwendig dekorierten Studios halten die Nutzer auf dem Laufenden und machen somit den eigenen, kostenpflichtigen Kanal "NFL Network“ attraktiver.

Fans einzelner Teams sind in Amerika oft mit den lokal ausgestrahlten Spielen zufrieden und interessieren sich nur für andere Partien, wenn sie Einfluss auf die Saison des eigenen Favoriten nimmt. Wenn aber nun plötzlich Akteure des eigenen Fantasy-Kaders aktiv sind, weckt es das Interesse an sonst reizlosen Partien. Um diese sehen zu können, müssen dann Bezahlsender im Fernsehen oder kostenpflichtige Internetprotale genutzt werden.

Tür zu neuen Märkten

Auf der Suche nach verborgenen Talenten, aktuellen Informationen und nützlichen Tipps hat sich zudem ein Markt für Insider-Informationen gebildet. Besonders über die sozialen Medien werben zahlreiche "Experten" mit exotischen Taktiken und Geheimtipps, die oft im Paket käuflich erworben werden können. Ein lukratives Geschäft, wie es scheint, denn die produzierten Formate, die meist aus Videos, Live-Videos oder Podcasts bestehen, werden immer hochwertiger und zugleich beliebter.

Wenn in der Nacht von Donnerstag auf Freitag die NFL-Saison startet, werden neben den Fans der Green Bay Packers und Chicago Bears auch weltweit zahlreiche Hobby-Manager auf einen geglückten Saisonstart ihres fiktiven Teams hoffen.

Stand: 04.09.2019, 12:00

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