Ein Ring ist nicht genug - das Schicksal des Aaron Rodgers

Aaron Rodgers nach dem Spiel gegen Seattle

NFL

Ein Ring ist nicht genug - das Schicksal des Aaron Rodgers

Von Erik Gläsel

Die NFL-Karriere von Aaron Rodgers begann hinter Hall-of-Fame-Quarterback Brett Farve. Zunächst als Ersatz, der dann zum Nachfolger des Publikumslieblings der Packers herangezogen werden sollte. Es war nicht die einzige Situation für Rodgers, in der er Verantwortlichen, Experten und Fans sein außergewöhnliches Können unter Beweis stellen musste. Auf dem Weg zu seinem zweiten Titel wartet im Halbfinale mit den San Francisco 49ers ein Stück von Rodgers Vergangenheit.

Ein unerfüllter Kindheitstraum

Als die Green Bay Packers den jungen Quarterback aus Kalifornien an Position 24 des NFL-Drafts von 2005 auswählten, verschlug es den damals 21-Jährigen aus dem Sonnenstaat in die „Frozen Tundra“ nach Green Bay/Wisconsin. Nicht nur der Kulturschock machte ihm zu schaffen, viele Teams wählten nämlich recht überraschend andere Quarterbacks vor ihm. In einem Interview kommentierte er den Abend des Drafts mit den Worten: „Es ist beschämend. Die ganze Welt sieht zu, das Telefon klingelt alle zwei Minuten und du hoffst es ist ein Team. Aber es sind nur deine Freunde, die Witze über dich machen.“

Damit nicht genug. Der in seiner Jugend bekennende 49ers-Fan hoffte nicht zu unrecht von San Francisco an Draft-Position eins ausgewählt zu werden. Diese entschieden sich allerdings für Alex Smith und sein Kindheitstraum blieb unerfüllt. „Nicht so enttäuscht, wie die 49ers sein werden, dass sie nicht mich ausgewählt haben“, reagierte der Rookie trotzig auf die Frage wie enttäuscht er sei. Das nächste Aufeinandertreffen ist der letzte Schritt vor dem großen Endspiel. Im NFC-Conference-Finale müssen die Green Bay Packers am frühen Montagmorgen (20.01.2020, 00:40 MEZ) in San Francisco siegen, um am Super Bowl 54 in Miami teilnehmen zu dürfen.

Karrierestart im Schatten einer Packers-Legende

Sieben Berufungen in das All-Star-Team, zwei Liga-MVP-Titel (wertvollster Spieler der Saison) und den Super-Bowl-Sieg 2011, bei dem er ebenfalls zum wertvollsten Spieler des Finales ausgezeichnet wurde – alles andere als erfolglos, sollte man meinen. Aber wenn in der NFL über Aaron Rodgers gesprochen wird, liegt die Messlatte für seine Leistungen so hoch, dass die bisherigen Nachweise für viele noch zu wenig sind.

Aaron Rodgers klatscht mit seinen Fans ab

Aaron Rodgers klatscht mit seinen Fans ab.

In seinen ersten drei Spielzeiten für Green Bay reichte es für Aaron Rodgers nur zu Kurzeinsätzen. Das Verhältnis zum Stamm-Quarterback und schon damals wandelden Packers-Legende Brett Farve war durch die Konkurrenz-Situation angespannt, trotzdem lernte er viel vom heutigen Hall-of-Famer. Als dieser dann 2008 zurücktrat, musste Rodgers zunächst trotz ordentlicher Leistungen um die Anerkennung der Fans kämpfen. Erst mit der Meisterschaft 2011 schlossen ihn die "Cheeseheads" vollends in ihre Herzen. Heute ist er einer der charismatischsten Sportler aus der NFL, der auch neben dem Feld in den Medien und bei wohltätigen Veranstaltungen regelmäßig präsent und beliebt ist.

Sehr gut oder der Beste?

Rogers sportliche Entwicklung war so außergewöhnlich, dass in Fachkreisen bereits Diskussionen aufbrandeten, ob es sich bei dem Kalifornier um den vielleicht besten Footballer aller Zeiten handeln könnte. Seine Technik, die Wurfgenauigkeit, die Agilität gepaart mit Geduld und Imprivisationsvermögen - beste Voraussetzungen um neue Maßstäbe zu setzen. Die Statistiken beflügelten zunächst die Annahmen. Zeitweise sah es danach aus, als würde er früher oder später zahlreiche Bestmarken wie geworfene Yards oder Touchdown-Pässe knacken können.

Seine Spielweise war oft spektakulär. Er entkam den gegnerischen Passverteidigern mit Leichtigkeit, gab keinen Spielzug auf und brachte aus größter Bedrängnis Bälle mit viel Übersicht an seine Wide Receiver. Selten landete der Ball in des Gegners Händen. Durch herausragende Nervenstärke gelang es ihm, zahlreiche Partien im vierten Viertel noch zu drehen, er war bei den gegnerischen Defensiven gefürchtet. Nicht nur ein Mal fand eine sogenannte "Hail Mary", der verzweifelte und riskante Alles-oder-Nichts-Wurf über lange Distanz in die Endzone, den richtigen Abnehmer und wendete damit eine fast sichere Niederlage ab.

Er selbst beteiligt sich nicht lebhaft an den Diskussionen um seine Person, die großen Titel holten nämlich andere. Allen voran natürlich Patriots-Quarterback Tom Brady, der mittlerweile sechs Meisterschaftsringe sein Eigen nennen darf und damit persönlich mehr Super-Bowl-Siege feiern durfte als 30 der 32 Teams in ihrer ganzen Historie.

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Alte Wunden und neue Verletzungen

Die persönliche Leistung an Erfolgen anderer Athleten zu messen ist schwierig, denn neben der individuellen Klasse ist die Zusammenstellung der Mannschaft essenziell. Bei den Packers gab es über die Jahre so einige Defizite. Sei es in der Offensive Line, die Rodgers schützen und Zeit verschaffen sollten, oder mit starken Runningbacks, die mehr Vielfalt in das offensive Spielschema bringen sollten. Die Verantwortlichen schafften es nur selten eine homogene und funktionierende Einheit zusammenzustellen.

13 gemeinsame Jahre bei den Green Bay Packers: Aaron Rodgers und Ex-Headcoach Mike McCarthy (2011)

13 gemeinsame Jahre bei den Green Bay Packers: Aaron Rodgers und Ex-Headcoach Mike McCarthy (2011)

Zum langjährigen Packers-Headcoach Mike McCarthy hatte Rodgers ein eher angespanntes Verhältnis. McCarthy war 2005 Offensive Coordinator der 49ers und damit auch mit in die Entscheidung involviert, Aaron Rodgers nicht nach San Francisco zu holen. Über die 13 Jahre der Zusammenarbeit räumten beide in Interviews immer wieder ein, dass diese Umstände immer eine Rolle in ihrem Verhältnis gespielt haben. Die schlechte Atmosphäre übertrug sich in der Kabine nicht selten auf das gesamte Team.

Unter dem neuen Trainer Matt LaFleur spielte Rodgers seine - statistisch gesehen - zweitbeste reguläre Saison mit 13 Siegen bei 3 Niederlagen. Dabei scheint der 36-Jährige auch zu einer etwas ruhigeren Spielweise gefunden zu haben. Zwei Schlüsselbein-Frakturen und einige Verletzungen an der Wade und dem Knie haben Rodgers in den vergangenen Jahren immer wieder aus dem Tritt gebracht. Aus den spektakulären und teilweise riskanten Aktionen wurden mehr und mehr "kluge" Entscheidungen. Sein größtes Markenzeichen, nämlich aus jedem Spielzug den größtmöglichen Ertag zu erzwingen, rückt immer weiter in den Hintergrund. Im Football spricht man von einem "Game-Manager", der kein offensives Feuerwerk abbrennt, sondern das Team zu Siegen taktiert und verwaltet. Spektakulär ist das nicht und für die persönlichen Statistik gibt es deutliche Einbußen, aber dafür gewinnt die eigene Mannschaft.

In diesem Jahr hat Rodgers nicht nur eine solide Abwehr, die ihm dabei hilft. Mit Aaron Jones und Jamaal Williams steht ihm nun ein hochwertiges Runningback-Tandem zur Seite, das dem Passspiel regelmäßige Verschnaufpausen und dem Team mehr Kontrolle über die Uhr gewährt. Zwar sind die Packers nicht der nominelle Favorit im Halbfinale, aber ein Sieg wäre dennoch keine große Überraschung.

Heimkehrer auf dem Weg zum Thron

Das Szenario scheint wie für Football-Romantiker geschaffen: Der heute 36-jährige Rodgers aus Chico/Kalifornien spielt im Halbfinale gegen seine Lieblings-Franchise aus Kindheitstagen, die beim Draft auf  ihn verzichtet haben, um mit einem zweiten Super-Bowl-Triumph den nächsten großen Schritt in seiner Karriere machen zu können. Die Diskussionen um den Quarterback werden vorerst kein Ende finden. Für manche bleibt er der talentierteste Werfer der Liga, andere halten ihm nach, dass er bislang zu wenig daraus machen konnte. Dass er irgendwann in die "Hall of Fame" aufgenommen wird, steht so gut wie außer Frage. Um seine Kritiker verstummen zu lassen, muss Rodgers allerdings nach Gold greifen.

In Amerika werden die Sport-Veteranen heroisiert wie nirgendwo sonst auf der Welt. Wenn es um die Diskussion geht, wer der Beste seiner Zunft ist, spielen neben dem Talent, den Statistiken und dem Charisma die gewonnenen Trophäen eine zentrale Rolle. Aaron Rodgers hat "erst" ein Mal den Football-Olymp besteigen können. Um wirklich der "Beste aller Zeiten" zu werden, braucht er weitere Titel, denn ein Ring ist dafür nicht genug.

Stand: 17.01.2020, 10:45

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