NFL - Baltimores Gegner verzweifeln an "Action Jackson"

Lamar Jackson

Football

NFL - Baltimores Gegner verzweifeln an "Action Jackson"

Von Erik Gläsel

In der nordamerikanischen Football-Liga NFL geht es in der regulären Saison in die heiße Phase um die Playoff-Plätze. Die Formkurve der Baltimore Ravens zeigt steil nach oben und das aus guten Gründen. Besonders ein Mann scheint derzeit unaufhaltsam seiner Konkurrenz buchstäblich zu enteilen - Quarterback Lamar "Action" Jackson, wie er in Anlehnung an einen Filmtitel aufgrund seiner hohen Aktivität genannt wird.

 "Nicht schlecht, für einen Runningback", scherzte Lamar Jackson nach dem ersten Spiel der Saison gegen die Miami Dolphins, als er beim 59:10-Sieg 324 Yards und fünf Touchdowns warf. Als er 2018 den Sprung in die NFL wagte, trauten ihm nämlich nur wenige Experten zu, in der Liga Fuß zu fassen. Er könne nur laufen, seine Passfähigkeiten seien zu limitiert, einige rieten ihm sogar ernsthaft dazu, zum Wide Receiver umzuschulen. Auch wenn Miami zu den schlechtesten Teams in diesem Jahr zählt, diese Leistung erregte Aufsehen - und es sollte erst der Anfang sein.

Der heute 22-jährige Quarterback gewann 2016 die Heisman-Trophy, die alljährlichen Auszeichnung für den besten College-Spieler. Jetzt ist er im Rennen um den Titel des wertvollsten NFL-Spielers der Saison (MVP) ganz weit vorne. Er bestätigt nicht nur seine überwiegend soliden Leistungen aus seinen ersten Spielen in der Vorsaison, er zeigt sich in allen Bereichen sogar deutlich verbessert.

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"Er ist definitiv ein Problem"

Vor dem Spiel gegen die New England Patriots zeigte sich deren Trainer Bill Belichick, der sonst auf alle noch so schweren Herausforderungen eine Lösung zu haben scheint, besorgt: "Ihn zu kriegen, ist schwer. Oft rennt er an den Defensive Ends vorbei, die einfach nicht schnell genug sind. Sie stellen ihn, aber bekommen ihn nicht. Er ist definitiv ein Problem". Ein Problem, das die Patriots nicht in den Griff bekamen und in Maryland 20:37 baden gingen. In den vergangenen drei Spielen überflügelte Jackson in Russell Wilson (Seattle Seahawks), Tom Brady (New England Patriots) und Deshaun Watson (Houston Texans) gleich drei bedeutende Quarterback-Kollegen in direkten Duellen - und das klar und deutlich. Seine Bewegungen sind blitzartig, er ist außerordentlich schnell und zeigt sich auf und neben dem Platz sehr reif.

Hinter seiner Offensive-Line findet Jackson prominente Unterstützung für das Laufspiel. Mit dem wuchtigen Runningback Mark Ingram steht ihm ein weiterer Heisman-Trophy-Gewinner (2009) zur Seite, der die Physis hat, sich auch gegen eine gut stehende Defensive Linie zu tanken. Der Rookie-Wide-Receiver Marquise Brown ist schnell, wendig, ein gefährliches Ziel für tiefe Pässe und zieht damit die zu verteidigende Spielzone in die Länge. Die größte Stütze für Jackson bieten allerdings die drei Tight Ends Mark Andrews, Hayden Hurst und Nick Boyle. Alle drei sind starke Blocker und Passempfänger - das erhöht die Variabilität.

Maßgeschneidertes Offensiv-Schema

Die permanente "Ausbruchgefahr" aus der Quarterback-Pocket, die bei Jackson besteht, lenkt den Fokus der gegnerischen Defensive auf den laufstarken Spielmacher. Behält er den Ball nicht selbst und übergibt an Mark Ingram, sind viele Gegenspieler daher schon häufig bereits auf dem falschen Fuß. Seine Tight Ends räumen ihm entweder den Weg frei oder stehen als Passempfänger über kurze Distanzen zur Verfügung. Spielzüge mit drei Tight Ends zeitgleich auf dem Feld sind keine Neuheit, aber durch Jacksons Fähigkeiten eine ganz neue Gefahr. Der Gegner weiß im Prinzip, was geschehen wird, die Ravens führen es derzeit nur so gut aus, dass es kaum zu verteidigen ist.

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Durch den Fokus auf das Laufspiel nimmt die Baltimore-Offensive zudem viel Zeit von der Uhr, die nach Laufspielzügen prinzipiell weiter läuft, solange die nicht im Seitenaus enden. Kein Team hat derzeit mehr offensive Spielzeit. Zudem sind die Ravens das einzige Team der Liga, das mehr als die Hälfte ihrer Angriffsserien in Zählbares umwandeln kann. Mit durchschnittlich 34 Punkten pro Spiel ist Baltimore einsame Spitze, dahinter folgen die Kansas City Chiefs (28 Punkte/Spiel). Wenn die gegnerische Offensive mal das Feld betreten darf und endlich auch mal den Ball bekommt, ist der "Schrecken" aber noch nicht vorbei. Denn dann kommt der nächste starke Mannschaftsteil der Ravens auf den Rasen.

Defensive findet ihren Takt

Die Defense der Baltimore Ravens

Die Defense der Ravens nach dem Touchdown gegen Cincinnati

Sah es zu Beginn der Saison besonders in der Secondary, also vorwiegend der Passverteidigung, noch sehr fahrig aus, hat sich die Verteidigung um Defensive Coordinator Don Martindale stark gefangen. Der im Oktober verpflichtete Cornerback Marcus Peters kam von den Los Angeles Rams, deckt seine Gegenspieler zuverlässig und kompromisslos und hat daher auch bereits zwei Interceptions in eigene Touchdowns verwandeln können. Mit Safety Earl Thomas im Rücken und Cornerback-Kollegen Marlon Humphrey an seiner Seite hat Peters zu alter Stärke gefunden. Insgesamt konnte die Defensive bereits 16 Mal den Ballbesitz zurückerobern. Ein starker Wert.

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Auch die Abgänge ihrer stärksten Linebacker hat das Team irgendwie doch auffangen können. Die neuen Verträge für Terrell Suggs (zu den Arizona Cardinals), Za'Darius Smith (Green Bay Packers) und C. J. Mosley (New York Jets) wären kostspielig geworden und so hat man sie ziehen lassen. Deren Fußstapfen erschienen für Matthew Judon, Patrick Onwuasor und Co. zunächst zu groß, doch sie sind schneller hinein gewachsen als erwartet. Gegen die Cleveland Browns und die Chiefs gab es die einzigen Niederlagen, weil die Defense in diesen Spielen noch Fehler machte, aus denen sie dann aber schnell die richtigen Schlüsse zog.

Kontinuität neben dem Platz

John Harbaugh

Sieben Playoff-Teilnahmen in elf Jahren: Headcoach John Harbaugh.

Abgänge dieser Größenordnung so gut kompensieren zu können ist ohnehin kein Zufall, sondern das Ergebnis langfristiger Planung. Headcoach John Harbaugh ist seit 2008 bei den Ravens. Nach dem Super-Bowl-Sieg 2013 gab es auch Durstrecken, wie etwa die drei Spielzeiten zwischen 2015 bis 2017 ohne Teilnahme an den Playoffs. Angezählt wurde Harbaugh nur von den Medien, während er von den Verantwortlichen um sich herum das vollste Vertrauen genoss. In seinem zwölften Jahr gelang es ihm jetzt, auch das Experiment mit dem Ausnahmetalent Lamar Jackson erfolgreich einzuleiten und ein völlig neues Spielschema zu implementieren.

Der General Manager Eric DeCosta ist seit der Teamgründung 1996 in verschiedenen Funktionen in Diensten der Franchise aus Maryland. Sein Vorgänger, Ozzie Newsome, war seit 2002 im Amt und hat DeCosta nicht nur über Jahre angelernt, sondern bei dem letzten Draft unter seiner Verantwortung Lamar Jackson nach Baltimore geholt. Der Besitzer Steve Bisciotti scheut das Rampenlicht, lässt seine Manager und Trainer in Ruhe arbeiten ohne sich einzumischen. Das ist nicht selbstverständlich in amerikanischen Profiligen.

Die Ravens hatten in ihrer Geschichte erst drei Headcoaches und drei General Manager. Die Kontinuität in Maryland führt zu soliden Personalstrukturen, einer tief verankerten Team-Identität und der Basis für eine homogene und funktionierende Mannschaft. In diesem Jahr stimmt ganz viel bei den Baltimore Ravens. Auch wenn der Weg zum Super Bowl noch weit ist - gegen Lamar Jackson muss erst noch ein probates Mittel gefunden werden. Der hat unmittelbar nach seinem Draft 2018 verkündet: "Sie werden alles bekommen, was ich zu bieten habe. Sie werden von mir einen Super Bowl bekommen, glaubt das!" - vielleicht früher, als die Ravens es selbst für möglich gehalten haben.

Stand: 25.11.2019, 09:35

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