NFL-Draft 2020 völlig elektronisch

Das Emblem der National Football League

American Football

NFL-Draft 2020 völlig elektronisch

Von Jannik Schlüter

In der Nacht von Donnerstag (23.04.2020) auf Freitag geht für einige junge US-amerikanische Footballer ein Traum in Erfüllung: Sie machen den Sprung in die National Football League (NFL). Im Draft wählen die 32 Teams die vielversprechendsten Talente aus dem College. Normalerweise werden die besten Spieler extra eingeflogen, tausende Fans sitzen im Publikum und jubeln den kommenden Stars zu. Doch das Coronavirus zwingt auch den American Football zu einer alternativen Lösung.

Statt Massenspektakel in Las Vegas findet der Draft in diesem Jahr aus dem Wohnzimmer heraus statt. Nicht nur die Spieler erfahren ihre zukünftigen Arbeitgeber von zu Hause aus, auch die Verantwortlichen der NFL-Teams dürfen in diesem Jahr nicht wie sonst in den sogenannten "War-Room", einer Art Kommandozentrale. Stattdessen müssen die Trainer und Manager jetzt per Telefon, SMS oder Videokonferenz miteinander kommunizieren. Das könnte zu Problemen führen, denn jedes Team hat nur zehn Minuten Zeit für seine Auswahl.

Normalerweise genügend Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. Doch im NFL-Draft kann es mitunter ganz schön stressig werden. Wie reagiert das Team, wenn der eigene Favorit kurz vorher bereits ausgewählt wurde? Wird der eigene Pick mit einem anderen Team getauscht, um eher auswählen zu dürfen? Die Entscheider kämpfen im schlimmsten Fall also an drei Fronten, müssen sich mit den eigenen Mitarbeitern absprechen, mit anderen Teams über Trades verhandeln und das dann auch noch der NFL mitteilen.

Pannen beim Übungs-Draft

Bereits am Montag hat die NFL einen Testlauf durchgeführt, der offenbart: Die elektronische Variante läuft noch nicht reibungslos. "Es gab frühe Kommunikationsprobleme, da 32 von uns GMs in einer Telefonkonferenz sind und wir nicht stumm geschaltet haben", sagte ein General Manager. Ein weiteres Problem ist die Technik: Zwar haben alle Teams mit Hilfe der NFL in Sachen Internet-Technologie aufgerüstet, trotzdem hatten einige Teilnehmer Schwierigkeiten mit der Bandbreite.

Was würde im Fall eines Internet-Versagens passieren? Aufgrund des möglichen Totalausfalls hat jedes Team drei Verantwortliche bestimmt, die eine offizielle Entscheidung treffen können. Sollten alle drei ausfallen, kann die Uhr angehalten werden. Dass es soweit kommt, scheint aber ohnehin äußerst unwahrscheinlich: Nach den anfänglichen Pannen lief der Probe-Draft weitestgehend rund.

Großes TV-Spektakel

Auch wenn es keine große Show im berühmten Bellagio-Hotel in Las Vegas gibt, hat sich die NFL einiges einfallen lassen, um das Event zumindest am Fernseher in amerikanische Maßstäbe zu bringen: Für Live-Interviews wurden Kameras zu den potenziell besten Spielern geliefert, manche Vereine haben virtuelle Partys mit Prominenten angekündigt und bei jedem Pick werden ein paar Zuschauer zugeschaltet, die dann natürlich auch in alter Tradition den NFL-Boss Roger Goodell ausbuhen können.

Wer wird der Nummer-Eins-Pick?

Jow Burrow ist einer der besten Spieler im Draft 2020

Jow Burrow ist einer der besten Spieler im Draft 2020.

Ganz ohne Stress können die Cincinnati Bengals in den Draft gehen: Sie haben den ersten Pick und damit die freie Wahl. Der heißeste Kandidat ist Joe Burrow, Quarterback der LSU Tigers. Im vergangen Jahr warf er 60 Touchdowns, dazu gab es noch die Heisman-Trophy für den besten Spieler und die College-Meisterschaft. Wie gut, dass die Bengals noch einen Quarterback brauchen. Der beste Defensivspieler und für viele sogar der Beste überhaupt ist Chase Young. Auch er selber hat eine hohe Meinung von sich: "Ich weiß, dass ich der Beste bin", so Young auf Instagram. Der Edge Rusher der Ohio State University wird nach Burrow höchstwahrscheinlich als zweiter Spieler ausgewählt - und damit von den Washington Redskins.

Wann wird Tua Tagovailoa gepickt?

Tua Tagovailoa

Wie fit ist Tua Tagovailoa wirklich?

Lange galt Alabamas Quarterback Tua Tagovailoa als bester Quarterback im Draft. Der Hawaiianer ist bekannt für seine Führungsqualitäten: 2018 wurde er im College-Finale mit gerade einmal 19 Jahren eingewechselt und führte sein zurückliegendes Team noch zum Titel.

Seitdem gilt er als einer der spannendsten Spieler überhaupt, bereit ein Franchise zu führen - wäre da nicht die schwere Hüftverletzung vom November vergangenen Jahres. Kurzzeitig stand sogar ein endgültiges Sportende im Raum. Jetzt ist Tagovailoa zwar wieder auf den Beinen, doch wie fit er wirklich ist, ist auch aufgrund der fehlenden Medizin-Checks durch die Corona-Krise unklar. "Tua" ist also ein Risiko. Doch wer geht es als erstes ein? Die Meinung der Experten ist gespalten: Viele sehen ihn in immer noch unter den besten Drei, einige sogar außerhalb der Top Ten.

Holen sich die New England Patriots einen Brady-Nachfolger?

New England Patriots Head Coach Bill Belichick beim Spiel gegen Pittsburgh

Die New England Patriots ohne Tom Brady: Für viele Fans wurde das Unvorstellbare im März zur Realität. Der sechsfache Super-Bowl-Champion steht künftig für die Tampa Bay Buccaneers auf dem Rasen. Wer tritt jetzt die Nachfolge an? Mit Jarrett Stidham und Brian Hoyer haben die Patriots zwei Quarterbacks, die sich eher als Backup-Lösung anbieten. Möglich also, dass sich Coach Bill Belichick einen neuen Schützling draftet. Weil New England erst an 23. Stelle auswählen darf, sind die Top-Quarterbacks höchstwahrscheinlich schon aus dem Rennen. Für die Patriots würden Spieler wie Jalen Hurts oder Jacob Fromm in Frage kommen. Aber: Im Draft ist alles möglich. Also auch, dass die Patriots sich ein paar Picks nach oben traden und sich mit Glück Tua Tagovailoa schnappen. Denn der könnte wegen seiner Verletzung weiter fallen als gedacht.

Stand: 23.04.2020, 08:30

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