Lieblingsspiel - Das vernebelte Idol beim "Wunder von der Weser"

Das Wunder von der Weser

Sportschau History

Lieblingsspiel - Das vernebelte Idol beim "Wunder von der Weser"

Von Frank Hellmann

Mit einem 6:2 nach Verlängerung schafft der SV Werder Bremen am 4. November 1987 gegen Spartak Moskau die erste spektakuläre Aufholjagd im Europapokal. Unser Autor ging vor allem wegen des gegnerischen Torwarts ins Weserstadion. In der Reihe "Lieblingsspiel" erinnert er sich an diesen besonderen Abend.

Schon bei der Auslosung hätte die Vorfreude kaum größer sein können. Dass Werder Bremen im November 1987 in der zweiten Runde des UEFA-Pokals auf Spartak Moskau treffen würde, ergab eine einmalige Gelegenheit. Denn beim Gast spielte ein Torhüter, den Europas Experten als einen der Besten führten: Rinat Dassajew.

Seine geschmeidigen Bewegungen, sein vorzügliches Stellungsspiel, seine sagenhaften Reflexe waren mir bei den Weltmeisterschaften 1982 und 1986 aufgefallen. Seinen Verein hatte ich in den 80er Jahren wegen eines Autogramms angeschrieben, aber nie eine Antwort erhalten - vermutlich war der Brief im "Eisernen Vorhang" hängen geblieben. Meine Verehrung für den Nationaltorwart der damaligen Sowjetunion ging sogar so weit, dass ich selbst immer weiße Knieschützer zu weißen Stutzen trug, was lange Zeit auch sein Markenzeichen war.

Endlich mal aus nächster Nähe

Als Torhüter der ersten Mannschaft des Brinkumer SV, einem kleinen Verein in der Nähe von Bremen, träumte ich selbst davon, vielleicht mal auf professionellem Niveau Bälle halten zu können. Dafür fehlte es im Rückblick nicht am Willen, wohl aber am Talent. Trotzdem war der Glaube damals groß, bei dem Studium eines Idols aus nächster Nähe viel lernen zu können, zumal Live-Übertragungen von Europapokalspielen noch die absolute Ausnahme waren.

Bereits vor dem Hinspiel kaufte ich zusammen mit meinem Bruder eine Karte für das Rückspiel. Damals war das kein großes Problem. Viele deutsche Vereine legten es in den Hinspielen sogar darauf an, ein knappes Resultat zu verbuchen, damit möglichst viele Zuschauer in Erwartung eines spannenden Spiels ins Stadion kamen. Die Eintrittsgelder waren damals noch die wichtigste Einnahmequelle.

Ein Sitzplatz auf den Bänken der Nordtribüne

Doch im Hinspiel rutschte die Truppe von Otto Rehhagel böse aus. Die Bremer verloren im alten Luschniki-Stadion auf einem verschneiten Platz mit 1:4. Schon bei der Anreise war viel schiefgegangen, der gesamte Tross hing zeitweise in Litauen fest, weil der Flieger wegen Schnee und Eis in Moskau nicht landen konnte. Werder drohte mal wieder früh zu scheitern. Die Bremer waren bis dahin fast nie über die 1. oder 2. Runde im UEFA-Cup hinausgekommen.

Meist fieberte ich bei diesen internationalen Partien auf den Stehplätzen der Westkurve mit. Für das Spartak-Spiel einen Tag nach meinem 21. Geburtstag gönnte ich mir erstmals eine Karte auf den teureren Sitzplätzen der Nordtribüne, wobei man damals noch auf langgezogenen, orangefarbenen Plastikbänken und nicht auf grünen Schalensitzen hockte. Nur 16.000 Zuschauer kamen, fast alle hatten wie wir die Karten schon vor dem Hinspiel erworben. Kaum ein Werder-Fan glaubte noch an eine Wende.

Der Nebel verschluckte die ersten Tore

Springt ins Leere: Spartak-Torhüter Rinat Dassajew

Springt ins Leere: Spartak-Torhüter Rinat Dassajew

Von unserem Wohnort in Brinkum direkt hinter der Landesgrenze nach Niedersachsen fuhren mein Bruder und ich die knapp zwölf Kilometer Strecke wie immer mit dem Fahrrad Richtung Bremer Osterdeich zum Stadion mit seinen großen Flutlichtmasten. Bereits auf dem Hinweg ließen sich die besonderen Umstände dieses einmaligen Europokalabends erahnen: Über dem Fluss hingen dichte Nebelschwaden.

Beim Anpfiff war kaum zu erkennen, was vor den Toren passierte. Also bekamen wir den Blitzstart der Bremer gar nicht mit: Zweimal schlug in den ersten zehn Minuten Frank Neubarth zu, und mindestens einmal sah mein Vorbild gar nicht gut aus. Das konnte ich aber erst viel, viel später in den Fernsehaufzeichnungen erkennen.

Keine halbe Stunde war gespielt, da hatte Frank Ordenewitz schon das 3:0 erzielt. Werder wäre damit weiter gewesen. Langsam lichtete sich der Nebel. Und zunehmend war zu erkennen, dass auch die Gäste aus Moskau was zu bieten hatte. Nach 71 Minuten fiel das 1:3. Damit wären die Bremer wieder ausgeschieden. Rehhagel ruderte mit den Armen, und die Grün-Weißen rannten wieder an.

Die Geburt eines Mythos

Ich erinnere mich noch genau, wie der eingewechselte Linksverteidiger Jonny Otten einen Sprint vor unserer Tribüne anzog und Libero Gunnar Sauer den Ball lehrbuchmäßig per Kopf über die Linie drückte. Jetzt standen wir auf und trampelten wie die anderen Zuschauer. Verlängerung. Auf einmal wünschte ich mir, dass mein Idol Dassajew nicht jeden Ball halten sollte.

Was er auch nicht tat: Karl-Heinz Riedle übertölpelte ihn in der Luft, ehe Manfred Burgsmüller mit einem sagenhaften Drehschuss das halbe Dutzend vollmachte. Am Ende hieß es 6:2. Was für ein Spiel! Kapitän Mirko Votava erzählte, dass die Mannschaft sich nach den widrigen Umständen beim Hinspiel geschworen hatte, die Partie zu drehen: "Das zeigst du deinem Gegner schon im Kabinengang."

Es war die Geburt eines Mythos. Denn danach überrollte Werder nach ähnlichem Strickmuster viele Gegner. Der Begriff "Wunder von der Weser" sollte bundesweit zum Synonym für eine sagenhafte Aufholjagd im Europapokal werden. So wie auch beim 5:0 gegen Dynamo Berlin (1988) oder beim 5:3 gegen RSC Anderlecht (1993). Auch da war ich als Augenzeuge dabei.

Werder war am Ende sogar deutscher Meister

Am Ende jubelten Frank Neubarth, Manfred Burgsmüller, Oliver Reck (von links nach rechts) mit Trainer Otto Rehhagel.

Am Ende jubelten Frank Neubarth, Manfred Burgsmüller, Oliver Reck (von links nach rechts) mit Trainer Otto Rehhagel.

Aber alles begann mit der Partie gegen Spartak Moskau. "Die Inszenierung war nicht zu toppen", sagte der ehemalige Manager Willi Lemke rückblickend: "Der Schiedsrichter wollte wegen des starken Nebels das Spiel ja sogar abbrechen." Werder spielte sich 1987/88 in einen Rausch und wurde erstmals in der Rehhagel-Ära deutscher Meister. Im UEFA-Cup war erst im Halbfinale gegen den späteren Sieger Bayer Leverkusen Endstation.

Und mein Idol? Der hat den Sechserpack von Bremen recht gut weggesteckt. 1988 heimste der sechsmal zum besten Torhüter der Sowjetunion gewählte Dassajew auch noch den Preis als Welttorhüter ein. Die Auszeichnung war hochverdient, denn mit seinen Paraden war er dafür verantwortlich, dass seine Nationalmannschaft bis ins Finale der EM 1988 kam. Geschlagen gab er sich in München erst, als der Niederländer Marco van Basten jenen unhaltbaren Bogenschuss abgab, den die meisten Fans von diesem Turnier noch in Erinnerung haben.

Stand: 02.05.2020, 08:00

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