Eishockey-WM 2021: Auf Abstand zwischen den Zeilen

Eishockey (Symbolbild)

Turnier in Belarus

Eishockey-WM 2021: Auf Abstand zwischen den Zeilen

Von Burkhard Hupe

Zu einer endgültigen Absage der WM in Belarus wollten und konnten sich die Mitglieder im Council des Eishockey-Weltverbandes noch nicht durchringen. Offiziell darf Belarus mit seinem Eishockey begeisterten Staatspräsidenten Alexander Lukaschenko weiter darauf hoffen, zum zweiten Mal eine Endrunde auszurichten. Zwischen den Zeilen steht jedoch eine andere Botschaft.

René Fasel (70) war schon immer ein Meister des Subtextes, der verborgenen Botschaft. Der Schweizer Zahnarzt steht dem Eishockey-Weltverband jetzt schon seit 26 Jahren vor und hat diese Zeit ohne größere Schrammen überstanden. Denn als Chef von rund 80 Einzelverbänden war Fasel immer auch als gewiefter Diplomat in eigener Sache unterwegs. Im September kommenden Jahres wird er sein Amt abgeben. Mitten im Sturm. Denn nachdem im Frühjahr bereits die A-Weltmeisterschaft in der Schweiz abgesagt werden musste, wäre ein neuerlicher Ausfall dieses Turniers ein Desaster. Der Untergang. Wirtschaftlich und persönlich.

Proteste in Minsk zwangen zum Handeln

Deshalb verfolgt der Schweizer einen mehrstufigen Plan, an dessen Ende sehr wahrscheinlich die baldige Absage der Weltmeisterschaft in Belarus stehen wird.

Seitdem klar ist, dass die Proteste in Minsk mehr als nur ein Strohfeuer des Aufbegehrens sein werden, lässt Fasel nach Gründen für diese Absage suchen. Offiziell darf dieser Beschluss nicht politisch motiviert sein. Deshalb wurde im Spätsommer eine Expertenkommission gebildet, die nun wenig überraschend zu dem Schluss gekommen ist, dass Lettland und Belarus aktuell nicht in der Lage sind, eine WM-Endrunde zur allgemeinen Zufriedenheit durchzuführen.

Fachleute zählen Belarus an

Auf 144 Seiten haben Historiker, Mediziner, Marketingfachleute und Betriebswirtschaftler erklärt, dass angesichts der tiefen politischen Dissonanzen zwischen Belarus und Lettland sowie der besonderen Herausforderungen im Zuge der Corona-Pandemie „derzeit ein erhebliches Risiko besteht“. Damit ist vor allem Belarus öffentlich angezählt.

In den kommenden Wochen soll es weitere Gespräche geben, doch die lettische Regierung ist derzeit nicht gewillt, ihre Ablehnung des Co-Gastgebers Belarus zu überdenken. Der Verbandschef des belarusischen Eishockeys wurde unlängst in Lettland sogar zur "unerwünschten Person" erklärt.

Eishockey-WM in Belarus noch nicht abgesagt

Sportschau 18.11.2020 01:09 Min. Verfügbar bis 18.11.2021 Das Erste


René Fasels Testballon

Im Vorfeld der aktuellen Council-Sitzung in Zürich hatte René Fasel schon einen Testballon aufsteigen lassen. Im Interview mit einer Schweizer Zeitung räumte er ein, dass sich Russland bereits als Ersatzgastgeber angeboten habe. Ausgerechnet Russland, der "große Bruder" von Belarus. Für Fasel wäre es die perfekte Lösung.

Der deutsche Eishockey-Präsident Franz Reindl war im Übrigen auch bei der Sitzung der „Eishockey-Regierung“ in Zürich dabei. Er lässt sich mit folgenden Worten zitieren: "Es hat sich gezeigt, dass noch weitere (…) Gespräche notwendig sind, die kurzfristig geführt werden. Wir hoffen, dass der Sport hier in einer Vermittlerrolle etwas bewirken kann." So klingt Sportdiplomatie. Kein Wunder. Franz Reindl wird seit geraumer Zeit als einer der möglichen Nachfolger von René Fasel gehandelt.

Stand: 18.11.2020, 20:39

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