DEB-Auswahl zieht Bilanz nach schwieriger WM

Der niedergeschlagene Leon Draisaitl nach dem WM-Aus

Deutsches Team bei der Eishockey-WM

DEB-Auswahl zieht Bilanz nach schwieriger WM

Die Verantwortlichen bei der Eishockey-Nationalmannschaft rechtfertigen das enttäuschende WM-Abschneiden mit den schwierigen Umständen vor dem Turnier, doch es gibt auch kritische Töne aus dem Team.

Es war gewissermaßen ein Kater mit Ansage für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft: Etwas mehr als zwei Monate ist es her, dass das Team von Bundestrainer Marco Sturm bei den Olympischen Spielen sensationell die Silbermedaille gewann - und danach eine schon jetzt legendäre Abrissparty im deutschen Haus feierte, mit Weltstars wie Lindsay Vonn.

Dass dieser Erfolg wohl einmalig war fürs deutsche Eishockey und so schnell nicht zu wiederholen, schon gar nicht bei der Eishockey-WM im Anschluss an Olympia, hatten die Verantwortlichen beim Deutschen Eishockey Bund (DEB) schon vor der Abreise nach Dänemark immer wieder betont.

Schwieriger Umbruch nach Olympia

Denn nach dem Olympia-Silber kam es zum angekündigten Umbruch im deutschen Team. Dass langjährige Anführer wie der 35 Jahre alte Christian Ehrhoff, Marcel Goc (34) und Patrick Reimer (35) abtraten, war noch absehbar. Doch hinzu kamen viele weitere Ausfälle und Absagen, nicht alle aufgrund von Verletzungen. Von den 25 Olympia-Helden fehlten bei der WM am Ende 15 Spieler.

Die Flut an Absagen überraschte auch den Bundestrainer, der erst kurz vor der Abreise nach Herning erfuhr, dass von den DEL-Finalisten aus Berlin und München nur fünf von zehn Silbermedaillengewinnern zur Verfügung stehen. "Es sind mehr weggefallen als geplant", sagte Marco Sturm und gab zu, dass er den Kader "auf die Schnelle" zusammen improvisieren musste.

Kapitän Seidenberg: "Zu viele Absagen"

Sturm durfte sich dabei auch ein wenig im Stich gelassen fühlen. Der Bundestrainer vermied zwar direkte Kritik an den Spielern, gab aber nach dem Vorrunden-K.o. deutliche Signale im Hinblick auf künftige Turniere: Für ihn sei es wichtig, dass Spieler tatsächlich helfen wollen. "Nur solche brauche ich", stellte er klar. Wenn einer sich nicht sicher sei, "dann soll er lieber zuhause bleiben". Auch Kapitän Dennis Seidenberg forderte mehr Identifikation: "Wir haben zu viele Absagen gehabt."

Diese Hypothek begleitete die Mannschaft ins Turnier, ebenso wie das Gefühl, das Team müsse sich nach der Olympia-Euphorie und der kräftezehrenden Saison in der DEL zu dieser WM aufraffen. Zudem hatten die großen Nationen, anders als in Pyeongchang, ihren Stamm mit vielen NHL-Stars aufgefüllt. Die entscheidenden Punkte ließ das DEB-Team in der Vorrunde aber nicht gegen die Favoriten liegen, sondern in den ersten Spielen gegen Dänemark, Norwegen und Lettland - Nationen, die man eigentlich schon überholt zu haben glaubte.

Kritik von Holzer: "99 Prozent reichen nicht gegen NHL-Spieler"

Insgeheim hatte man sich weit mehr erhofft beim DEB. Mindestens das erneute Erreichen des Viertelfinals war das Ziel, trotz der vielen Absagen. Die jungen, unerfahrenen Spieler, mit denen Sturm die Lücken stopfte, verpassten es aber, sich aufzudrängen. Einige von ihnen ließen offenbar auch den nötigen Willen vermissen, deutete NHL-Verteidiger Korbinian Holzer an: "Man kann nicht nur froh sein, dass man dabei ist bei der Nationalmannschaft. Den Anspruch hatte man vielleicht vor fünf Jahren", sagte Holzer. 99 oder 100 Prozent würden bei einer WM, mit vielen Spielern aus der NHL, nicht reichen, so Holzer. Gegen solche Gegner müsse man "120 Prozent" zeigen.

Kapitän Seidenberg zog gegenüber der ARD dennoch ein positives Fazit, vor allem aufgrund der deutlichen Leistungssteigerung, die den Sieg gegen Finnland ermöglichte: "In den ersten Spielen hat uns die Konstanz gefehlt, da ist das Turnier in die Hose gegangen. Aber wir haben uns gesteigert, darauf können wir aufbauen", sagte Seidenberg und hofft darauf, dass der Olympia-Effekt weiter anhält: "Wir brauchen mehr Jugendliche in den Hallen, um das deutsche Eishockey weiter voranzubringen."

Was passiert mit Sturm?

Die Olympia-Euphorie ist nun jedenfalls schneller verpufft als man es beim DEB erhofft hat. Der Umbruch in der Nationalmannschaft wird in jedem Fall weiter gehen - dies hat auch der Bundestrainer bestätigt. Nach wie vor kämpft das deutsche Eishockey mit den jahrelangen Versäumnissen in der Nachwuchsarbeit. "Momentan sieht es einfach mager aus", sagte Sturm. Ob auch er, der Vater des jüngsten Aufschwungs, dem Verband erhalten bleibt, ist längst nicht sicher. Den Bundestrainer soll es wieder zurück nach Florida ziehen, wo der langjährige NHL-Profi und seine Familie sich zuhause fühlen.

red/dpa/sid | Stand: 16.05.2018, 12:00

Darstellung: