Eishockey-WM: Bumerang im Bullykreis

Belarus-Präsident Alexander Lukaschenko bei einem Eishockeyspiel während republikanischer Amateurwettbewerbe in Minsk

Belarus auf der Kippe

Eishockey-WM: Bumerang im Bullykreis

Von Burkhard Hupe

Das Dilemma ist gewaltig: Der Eishockey-Weltverband (IIHF) braucht 2021 eine erfolgreiche A-Weltmeisterschaft in Lettland und Belarus, um seine eigene Existenz zu sichern. Belarus mit seinem Staatschef Alexander Lukaschenko braucht eine erfolgreiche A-Weltmeisterschaft, um sein Land im Ausnahmezustand durch ein internationales Sportereignis vorübergehend zu befrieden. Doch der Gegenwind wird immer stärker: Die lettische Regierung will von einer gemeinsamen Ausrichtung mit Belarus längst nichts mehr wissen. Am Mittwoch (18.11.2020) könnte sich entscheiden, ob im Mai und Juni kommenden Jahres wirklich eine Weltmeisterschaft in Belarus ausgetragen werden kann.

Die Aussagen, sie könnten unterschiedlicher kaum sein. Der Eishockey-Funktionär Franz Reindl sagt: "Ich hoffe, dass wir die Weltmeisterschaft so wie geplant spielen können." Die SPD-Politikerin Dagmar Freitag sagt als Vorsitzender des Sportausschusses im Deutschen Bundestag: "Für mich ist eine Weltmeisterschaft mit einem gut gelaunten Präsidenten Lukaschenko auf der VIP-Tribüne undenkbar, während seine Sicherheitskräfte gleichzeitig Demonstranten niederknüppeln oder verhaften."

Die lettische Regierung sagt: "Auf keinen Fall mehr gemeinsam mit Belarus!" Der belarusische Ministerpräsident Roman Golowtschenko schließlich sagt: "Die Durchführung der WM wird von bestimmten Mächten als Druck- und Erpressungsinstrument benutzt."

Gefeierte WM 2014 in Minsk

Wahrscheinlich ist es hilfreich, kurz ins Jahr 2014 zurückzugehen, um das Ausmaß und die Entstehung des Dilemmas zu verstehen. Im Frühjahr 2014 war Belarus erstmals Gastgeber einer Eishockey-WM. Auch damals hagelte es im Vorfeld internationale Kritik, doch der Eishockey-Weltverband schaltete auf stur, verwies auf seine Statuten, nach denen er sich unpolitisch zu verhalten habe. Der Erfolg gab dem IIHF scheinbar Recht: 640.000 Zuschauer wurden am Ende des Turniers gezählt, so viele wie nie zuvor. Spieler und Trainer und vor allem die Funktionäre feierten die WM überschwänglich als "das beste Turnier aller Zeiten".

Deshalb war die Versuchung groß, die Weltmeisterschaft nur sechs Jahre später erneut in Belarus auszutragen. Mit Lettland als Co-Gastgeber und gleichzeitig noch Eishockey verrückter als Belarus. Das versprach volle Hallen und tolle Bilder, zufriedene Sponsoren und volle Kassen. Ein Selbstläufer. Die Personalie Lukaschenko wurde in Kauf genommen, man war ja weiterhin "unpolitisch". Oder naiv.

Was empfehlen die Experten?

Denn nun steht der IIHF vor einem Scherbenhaufen, überrollt von einer Pandemie, die niemand kommen sah, und von einer unerwarteten Revolution auf den Straßen von Minsk. Derart in die Ecke gedrängt, wurde vom IIHF im Spätsommer eine Expertenkommission berufen, die eine unabhängige Einschätzung der Lage in Belarus formulieren sollte und diese nun in Zürich vorstellt.

Dagmar Freitag: "Weltmeisterschaft mit einem gut gelaunten Präsidenten Lukaschenko undenkbar"

Sportschau 17.11.2020 00:35 Min. Verfügbar bis 17.11.2021 ARD


Funktionär in Mordfall verwickelt?

Punktgenau lieferte nun Dimitrij Baskow als Vorsitzender des belarusischen Eishockeyverbandes und Boss des Eishockeyclubs Dynamo Minsk eine Steilvorlage für die nächste Eskalationsstufe des internationalen Protests. Baskow wurde dabei gefilmt, wie er in der vergangenen Woche teilnahmslos und aus nächster Nähe einen Überfall verfolgte, beim dem ein 31-jähriger Minsker zusammengeschlagen und getötet wurde. Lettland hat Baskow und den identifizierten Totschläger jetzt zu unerwünschten Personen erklärt, die lettischen Boden nicht mehr betreten dürfen.

Es geht um die nackte Existenz

Die große Frage ist nun also: Wie kommt man da als Weltverband wieder raus, und zwar ohne Gesichtsverlust? Und zweitens: Welche Alternativen kommen in Frage? Franz Reindl, der deutsche Verbandsboss, hat längst eingeräumt, dass man sich bereits mit Alternativen beschäftigt habe, "auch wenn man den zweiten Schritt nicht vor dem ersten machen sollte". Es geht um die Existenz. "Wenn die WM nicht stattfinden kann, dann hätte das Auswirkungen auf unseren Sport, und zwar massiv", erklärt Reindl unmissverständlich.

Franz Reindl: "Wenn das nicht stattfinden könnte, hat das weltweite Auswirkungen für unseren Sport"

Sportschau 17.11.2020 00:29 Min. Verfügbar bis 17.11.2021 ARD


Es ist ein Drahtseilakt. Denn nach der ausgefallenen Weltmeisterschaft in der Schweiz in diesem Frühjahr benötigt der Weltverband dringend die Einnahmen einer A-Weltmeisterschaft, zumal auch die eigentlich profitable Junioren WM in Kanada kaum Ertrag abwerfen wird, weil sie im Dezember in einer Blase in Edmonton ausgetragen werden muss.

Corona als Ausrede und Ausweg

So paradox es klingen mag: Der Ausweg könnte in der Corona-Pandemie liegen. Denn: "Das Wichtigste ist bei einer Sportveranstaltung wie einer Weltmeisterschaft ist, dass man die Sicherheit der Spieler, des Umfeldes der Mannschaften und der Zuschauer gewährleistet." Ist Belarus also in der Lage, die Gesundheit von Spielern und Zuschauern gewährleisten? Man kann daran durchaus Zweifel anmelden. Staatspräsident Alexander Lukaschenko setzte sich bisher nicht gerade als entschlossener Corona-Bekämpfer in Szene. Im Frühjahr ätzte er noch in der belarusischen Nachrichtenagentur BelTA: "Die Menschen sollten zur körperlichen Stärkung Eishockey spielen, Wodka trinken, Traktor fahren und in die Sauna gehen."

Eishockey-WM in Belarus steht auf der Kippe

Sportschau 18.11.2020 00:51 Min. Verfügbar bis 18.11.2021 ARD Von Burkhard Hupe


Wo soll gespielt werden?

Daraus ergibt sich folgendes, denkbares Szenario: Belarus verliert für 2021 die Gastgeberrolle, aber eben nicht aus politischen Gründen. Lukaschenko hätte halbwegs sein Gesicht gewahrt, und Russland müsste nicht aus einer solidarischen Verpflichtung heraus mit einem Boykott der WM drohen. Es würde dann ein neuer Mitausrichter für Lettland gesucht oder die Letten stemmen das Turnier allein, was ihnen mit großen Mühen schon einmal gelang. Möglich ist aber auch die Vergabe an ein drittes Land, das kurzfristig in der Lage ist, eine WM auf die Beine zu stellen, wie etwa Schweden, Deutschland oder Tschechien. Aber wird es tatsächlich so kommen?

Die Politikerin Dagmar Freitag sagt: "Der IIHF sollte sich von Belarus als Mitveranstalter der WM verabschieden. Das ist die einzige Sprache, die Lukaschenko versteht." Der Funktionär Franz Reindl sagt: "Wir als Deutscher Eishockeybund sind ja in diesem großen System nur ein kleines Rad."

Wie auch immer die Entscheidung ausfällt: Am Bullykreis des internationalen Eishockeys wird man die Köpfe einziehen müssen, denn den Umgang mit einem sportpolitischen Bumerang ist auf dem Eis niemand gewohnt.

Stand: 17.11.2020, 18:59

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