Kölner Haie: Mit Wut im Bauch und dem Blinker in der Hand

Das Maskotchen der Kölner Haie liegt auf dem Eis

Eishockey-Klub in der Krise

Kölner Haie: Mit Wut im Bauch und dem Blinker in der Hand

Von Burkhard Hupe

Die Kölner Haie befinden sich nach elf Niederlagen in der DEL in einer Krise von historischem Ausmaß und haben wenig Aussicht auf Besserung. Die Ursachen dafür sind hausgemacht.

Vor kurzem erzählte ein guter Freund eine zugleich unglaubliche wie auch anrührende Geschichte. Von seinem älteren Bruder nämlich, einem ebenso intelligenten wie nervösen Mann, der in den achtziger Jahren mehrfach vergeblich versucht hatte, seine praktische Führerscheinprüfung zu bestehen. Im siebten oder achten Versuch schließlich sollte es wieder einmal gelingen. Doch der junge Mann war so nervös, dass er bereits durchgefallen war, noch ehe sich der Wagen einen einzigen Meter bewegt hatte. Beim Blinkersetzen zum Ausparken hatte der Prüfling in größter Nervosität den Blinkerhebel abgebrochen.

Wenig Tore, schlechtes Überzahlspiel

Vielleicht fühlt es sich so an, bei den Kölner Haien in der Saison 2019/2020, die mit neuen Gesichtern und noch mehr Hoffnungen begonnen worden war. Doch jetzt, nachdem die Hauptrunde auf der Zielgeraden angelangt ist, halten die Haie nicht nur einen abgebrochenen Blinker in der Hand, sondern mit großer Wut im Bauch gleich auch noch das Lenkrad. Dabei hatten nicht nur die Kölner Eishockey-Fans, sondern auch viele Experten vermutet, dass der KEC mit dem neuen Trainer Mike Stewart und international erfahrenen Leuten wie Jakub Kindl, Jon Matsumoto oder Jason Bast um den Titel mitspielen könnte. Doch daraus wird nichts mehr. Der Kader hielt diesen Erwartungen nicht stand.

Nach 41 Spielen haben die Kölner nur 100 Tore geschossen. Meist wird im Eishockey dann vom "fehlenden Scheibenglück" lamentiert und die Hoffnung auf "erzwungene Tore" formuliert. Doch in Köln ist die schwache Trefferquote keine Frage des Spielglücks. Wer nach 41 Spieltagen nur 100 Tore erzielt hat, dabei seit Wochen das schlechteste Überzahlspiel zeigt, wer keine schussstarken Verteidiger im Kader weiß, und dazu auf Stürmer setzen muss, denen im Herbst ihrer Karriere schlicht die Top-Geschwindigkeit verloren gegangen ist, der darf sich nicht wundern.

Wechselhafte Leistungen im Tor

Zur Fehlerhaftigkeit im gegnerischen Drittel kommen in dieser Saison wechselhafte Leistungen im Tor dazu. Der Schwede Gustav Wesslau, der noch vor vier Jahren als bester Schlussmann der DEL gefeiert wurde, hat nach seiner wochenlangen Fußverletzung im Herbst seine alte Souveränität nicht wieder gefunden. Bezeichnend dafür: das haarsträubende Siegtor der Düsseldorfer EG im rheinischen Derby zu Beginn des neuen Jahres.

Der Ersatzmann im Tor heißt Hannibal Weitzmann und gilt seit vielen Jahren als großes Talent, obwohl er in diesem Jahr schon 25 Jahre alt wird. Auch wenn es die Kölner schmerzt: Die Düsseldorfer EG hat zwar auch nur 101 Tore erzielt, dafür aber auch nur 93 kassiert und ist mit dieser Liga-Bestmarke klar auf Playoff-Kurs.

Diskrepanz zwischen wirtschaflichem und sportlichem Erfolg

In dieser Saison leiden die Haie zwar vor allem im Angriff an den alten Gebrechen, dafür haben sie abseits der Eisfläche etwas Neues probiert. "Unter Haien" – eine mehrteilige Doku, die vor dem Hintergrund des ausbleibenden Erfolgs mehr Brisanz erhalten hat, als zunächst zu vermuten war. Im zweiten Teil dieser Doku sitzt eine Handvoll Fans nach der achten oder neunten Niederlage in einer Kölsch-Kneipe zusammen und wirkt sehr traurig und ratlos. Endlich sagt einer: "Der letzte richtig gute Neuzugang war Ryan Jones, und das ist schon fünf Jahre her!" Es sind sogar sechs, aber davon abgesehen hat der Mann irgendwie schon recht.

Und damit kommen abschließend die Macher in den Fokus. Hier gibt es eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen wirtschaftlichem und sportlichem Erfolg: Mit mehr als 13.000 Zuschauern ist der KEC wenigstens in dieser Statistik souveräner Tabellenführer. Die sportliche Misere wird unter den Fans zumeist an Sportdirektor Mark Mahon festgemacht. Er arbeitet nun schon seit vier Jahren in Köln. Einen echten Transferknaller gab es in dieser Zeit nicht. Ist das Mahons Schuld?

An Trainer Mike Stewart wird nicht gerüttelt

Mike Stewart

Haie-Coach Mike Stewart

Auch hier hilft ein Vergleich mit anderen Vereinen. Mit Iserlohn und Bremerhaven zum Beispiel, wo es über viele Jahre hinweg gelang, aus unteren nordamerikanischen oder zweitklassigen europäischen Ligen weithin unbekannte Spieler zu holen, die Brooks Macek oder Brent Raedeke oder Mads Christiansen hießen und Nationalspieler wurden oder DEL-Torschützenkönig. Oder die Jan Urbas oder Miha Verlic hießen und das Eishockey in Bremerhaven zu einem echten Happening werden ließen. Vergleichbare Transfers gab es in Köln seit vielen Jahren nicht mehr. Gemutmaßt wird in diesem Zusammenhang immer wieder über mangelhafte Kontakte nach Nordamerika.

Wenn ein Trainer elf Mal nacheinander verliert, dann wird auf seinen Rauswurf normalerweise keine Wette mehr angenommen. In Köln ist das anders. Mike Stewart war der absolute Wunschtrainer, der in Augsburg schier mirakulöse Erfolge zustande gebracht hatte. Endlich wieder ein Wunschtrainer und kein Notnagel an der Bande. Geschäftsführer Philipp Walter, der als Radioreporter vor knapp 18 Jahren aus dem Friedrichspark in Mannheim das entscheidende Tor von Dwayne Norris zur achten Meisterschaft nach Köln übermittelte, gibt sich in der Krise jedenfalls weiter gefasst: Am Trainer wird nicht gerüttelt.

Verpassen der Vor-Playoffs wäre Blamage

Eher geht es noch einmal zur internationalen Spieler-Resterampe, zu den Profis ohne Vertrag und Heimat. Das ist nicht sehr vielversprechend, kann aber immer noch als Signal nach innen und außen verkauft werden. So jedenfalls wurde Justin Fontaine gefunden, ein Kanadier, der immerhin drei Jahre in der NHL spielte, ehe seine Karriere einen Knick bekam und in China einen vorläufigen Tiefpunkt erreichte. Solche Spieler gibt es dutzendfach und man weiß nicht, auf welcher Seite des Schreibtisches die Verzweiflung bei der Vertragsunterschrift größer ist.

Fazit: Die Kölner Haie wollten mit jungen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs und mit erfahrenen Top-Leuten endlich wieder oben mitmischen und nicht nur zugucken. Daraus wird nichts, weil die Routiniers nicht annähernd die Erwartungen erfüllen konnten. Das Verpassen der Vor-Playoffs käme einer Blamage gleich und wäre vielleicht doch der Auslöser für einen Akt der Befreiung. Denn auf der sportlichen Ebene benötigt der Klub dringend andere Impulse und andere Gesichter.

So wie der unglückliche junge Mann, der vor vielen Jahren mit dem Blinkerhebel in der Hand weinend nach Hause lief und sich dabei entschloss, den Fahrlehrer zu wechseln. Sechs Wochen später hatte er den Führerschein.

Stand: 31.01.2020, 08:37

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