High Noon bei den Haien

Haie - Eishockey-Standort Köln wackelt gewaltig Lokalzeit aus Köln 22.10.2020 02:37 Min. Verfügbar bis 23.10.2021 WDR

Eishockey in der Corona-Krise

High Noon bei den Haien

Von Burkhard Hupe

Die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) versucht, ihren Sport mit einer Art Liga-Cup zurück auf die Bildschirme und damit ins öffentliche Bewusstsein zurückzuholen. Das klingt vielversprechend, doch nicht jeder Verein kann sich dieses Turnier leisten. Und nicht nur die Kölner Haie befürchten bei einer Saison ohne Zuschauer die Insolvenz.

Es gibt sie noch. Manchmal. Die glücklichen Momente. Doch das Glück war im Leistungssport schon immer ein flüchtiger Begleiter. Vor allem im schnellsten Mannschaftssport der Welt. Das ehrenamtliche Eislauftraining mit den kleinsten Kölner Haien hat Uwe Krupp jedenfalls in den vergangenen neun Monaten diese glücklichen Augenblicke gebracht.

Der Stanley Cup-Sieger, der Ur-Kölner, die lebende Haie-Legende und der aktuelle Haie-Trainer steht mit den Kleinen auf dem Eis, "weil es für mich wahrscheinlich wie eine Therapiestunde ist, mit den Kindern zu arbeiten". Ein bisschen Glück mit den Kleinsten, die die Sorgen der Großen noch nicht kennen oder gar teilen müssen. "Manchmal fallen sie auf dem Eis einfach um", lacht Uwe Krupp in der jüngsten Folge der außergewöhnlichen Dokumentation "Unter Haien".

Saison ohne Fans als finanzielles Horror-Szenario

Jetzt könnten die großen Haie umfallen, einfach so. Weil sie keine Geschäftsgrundlage mehr besitzen. "Weil es jetzt fast 12 Uhr ist", wie Uwe Krupp sagt. Der letzte Ausweg: Spiele ohne Zuschauer, möglicherweise eine gesamte Saison ohne Fans. Lange Zeit war dieses Szenario tabu, jetzt scheint es fast alternativlos zu sein. "Wenn wir den Trainingsbetrieb aufnehmen sollen, um in so eine Spielzeit zu gehen", erklärt Haie-Geschäftsführer Philipp Walter, "dann brauchen wir eine Million Euro. Die haben wir nicht."

Uwe Krupp: Die Lage "ist sehr ernst" Sportschau 22.10.2020 03:55 Min. Verfügbar bis 22.10.2021 Das Erste

Haie hoffen auf Solidarität in der Stadt

High Noon bei den Haien. Die letzte Patrone: Geisterspieltickets. 10 Euro das Stück. Neu ist die Idee nicht, aber darum geht es nicht. "Die Kölner wissen, dass die Haie zu ihrer Stadt gehören", sagt Philipp Walter. "Und deshalb werden sie uns unterstützen." Haie-Fans haben ja durchaus Erfahrung mit existenziellen Nöten ihres Vereins. Vor knapp zehn Jahren kauften sie tausendfach "Retter-Shirts", um die drohende Insolvenz abzuwehren. Jetzt lautet das Motto: "Immer wigger!" Immer weiter also.

Kurzarbeit als Bremse bei Rückkehr zur Normalität

Von Köln aus der Blick in die Liga, das grundsätzliche Dilemma des deutschen Eishockeys lässt sich folgendermaßen beschreiben: Die meisten Spieler befinden sich in Kurzarbeit, diese endet an dem Tag, an dem die Saisonvorbereitung beginnt, dann sitzen die Vereine auf den Personalkosten, die selbst mit "normalen" Zuschauereinnahmen gerade eben so gedeckt werden können.

Spieler in Deutschland verzichten auf Gehalt

Die DEL-Spieler haben deshalb mehrheitlich längst signalisiert und vertraglich zugesichert: "Wir werden verzichten." In Köln wären es immerhin 60 Prozent der vereinbarten Einkünfte, und trotzdem wird dies nicht reichen. In Mannheim wurde erst jetzt, nach langen Verhandlungen, eine Vereinbarung erzielt, über die beide Seiten noch keine Einzelheiten verraten. Aber in Mannheim ist der finanzielle Rahmen auch anders und besser als in Köln. Das gilt auch für Berlin und vor allem für München.

DEL: Spiele ohne Zuschauer - Haie ohne Geld

Sportschau 22.10.2020 01:35 Min. Verfügbar bis 22.10.2021 ARD Von Bukhard Hupe


"Liga-Cup" als Notlösung und Generalprobe

Der Deutschen Eishockey Liga (DEL) wurde vor allem von prominenten Vertretern der eben gegründeten Spielervereinigung vorgeworfen, sie würde nicht kreativ genug nach Lösungen suchen. Jetzt hat die DEL gemeinsam mit ihren Sponsoring- und Medienpartnern erst einmal ein Notfall-Aggregat installiert. Eine Art Liga-Pokal, an dem ab dem 11. November acht Mannschaften teilnehmen, weil sie sich einen eingeschränkten Spielbetrieb leisten können und wollen, und sechs andere Teams eben nicht.

DEL-Geschäftsführer Tripcke: Vereine müssen "Zähne zusammenbeißen" Sportschau 22.10.2020 01:46 Min. Verfügbar bis 22.10.2021 Das Erste

Zwei Gruppen wird es geben, eine im Norden, eine im Süden. Bremerhaven, Wolfsburg, Krefeld und Düsseldorf treffen in Hin- und Rückspiel aufeinander, in der anderen Gruppe werden Mannheim, München, Berlin und Schwenningen versuchen, sich ein Stück Eishockey-Alltag zurückzuholen. Es gibt ein bisschen zusätzliches Geld, denn jedes Spiel kann von den Fans in voller Länge im TV verfolgt werden.

Zuschauer-Frage ist offen

Natürlich wollen die Clubs vor Zuschauern spielen. Wie viele es bei diesen Spielen geben darf, wo und wie dann Mitte Dezember die Halbfinals und die Endspiele ausgetragen werden, diese Fragen sind noch nicht endgültig geklärt. DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke sagt: "Wir freuen uns, unseren Sport zurück auf die Bildfläche zu bringen." Klar ist aber auch: Mit dem neuen Liga-Pokal werden bei den Klubs keine Reichtümer angehäuft. Und klar ist auch: Der neue Wettbewerb bedeutet eine Generalprobe und etwas Aufschub, aber natürlich keine Lösung.

Saisonstart mit allen DEL-Clubs nicht wahrscheinlich

"Natürlich hoffen wir, dass von den sechs Klubs, die jetzt nicht mitmachen, noch der eine oder andere dann beim richtigen Saisonstart dabei sein wird", erklärt Gernot Tripcke mit Bedacht. Im Klartext bedeutet dies: Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass alle 14 DEL-Clubs in der zweiten Dezemberhälfte in die neue Saison gehen werden. "Jeder Klub wird das für sich entscheiden müssen", sagt der DEL-Geschäftsführer. Aussitzen oder Anschwitzen: es bleibt in jeder Richtung eine Gratwanderung.

Finanzhilfen vom Staat in der Warteschleife

Helfen würde den DEL-Klubs natürlich das versprochene Geld der Bundregierung. 800.000 Euro sind derzeit der Maximalbetrag pro Klub, insgesamt stehen immerhin 200 Millionen Euro zur Verfügung. Aber schnell und unbürokratisch gibt es diese Hilfe nicht, weil die Anträge eine Genehmigungsschleife über Brüssel fliegen müssen. "Es ist so, dass der politische Wille zur Hilfe absolut gegeben ist, diese Hilfe aber von der EU gedeckelt wird", erklärt Gernot Tripcke. Immerhin: Die ersten Eishockeyvereine hätten die Bewilligungsbescheide schon bekommen, aber eben noch kein Geld. Aktuell liefen Gespräche über eine weitere Finanzhilfe im neuen Jahr, "denn der Soforthilfe-Fond der Bundesregierung kann mit diesen finanziellen Deckelungen gar nicht ausgeschöpft werden".

Fazit: Das deutsche Profi-Eishockey will wieder in Bewegung kommen, sich aus der Corona-Schockstarre lösen. Ob eine abgespeckte Saison ohne Zuschauer überhaupt Glücksgefühle auslösen kann, werden die nächsten Monate zeigen. Ob Uwe Krupp wenigstens bei den kleinsten Haien ein wenig Glück und Unbeschwertheit ergattern kann, muss ebenfalls abgewartet werden. Denn wenn die großen Haie nicht mehr spielen, dann gehen auch für die kleinen die Lichter aus.

Stand: 22.10.2020, 17:58

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