Russisch Roulette in der DEL

Puck auf Eisfläche

Sponsorenstruktur in der Deutschen Eishockey Liga

Russisch Roulette in der DEL

Von Matthias Wolf

Die drohende Insolvenz bei den Krefeld Pinguinen macht einmal mehr ein strukturelles Problem der Deutschen Eishockey Liga deutlich: die wirtschaftliche Abhängigkeit von Einzelnen.

Die Fans bei den Krefeld Pinguins haben ihre Gefühle auf Transparente gesprüht: "Russisch Roulette? Nicht mit uns!" Am traditionsreichen Standort Krefeld wird derzeit wieder einmal ein strukturelles Problem der Deutschen Eishockey Liga (DEL) deutlich. Vereine leben von der Hand in den Mund, sind abhängig von einzelnen Mäzenen.

Der russische Gesellschafter Mikhail Ponomarev kommt nach Aussage des Vereins seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nach - weshalb dem Verein die Insolvenz droht, wenn nicht binnen der nächsten Wochen andere Geldgeber einspringen.

Das könnte auch wieder Stahl-Unternehmer Wolfgang Schulz sein, der in 20 Jahren als Gesellschafter und finanzieller Alleinunterhalter mehrfach die Zahlungsunfähigkeit des Klubs verhinderte - bis er 2018 die Last nicht mehr alleine tragen wollte. Mit Ponomarev holte sich der Verein einen Mitgesellschafter ins Boot - womit gar nichts besser wurde bei den Pinguinen. Die sind bei weitem nicht das einzige Sorgenkind der DEL - unter deren Dach viele Klubs im Grunde seit Jahren Russisch Roulette spielen.

Auch in Nürnberg sieht es aktuell nicht gut aus. Bei Sponsor Thomas Sabo, Schmuck-Unternehmer aus Franken, hört sich sein finanzielles Engagement wie eine karikative Maßnahme an.

DEL: Wenn Klubs plötzlich von der Bildfläche verschwinden Sportschau 16.10.2019 09:52 Min. Verfügbar bis 16.10.2020 Das Erste

Er müsse "einen gewissen sozialen Beitrag" leisten und habe eine "Gesamtverantwortung für die Region", sagte Sabo gegenüber dem WDR-Hintergrundmagazin Sport inside: "Es ist bekannt, dass Eishockey ein Zuschussgeschäft ist und wahrscheinlich immer bleiben wird." Was, wenn er irgendwann die vielen finanziellen Millionenlöcher bei den Thomas Sabo Ice Tigers in Nürnberg nicht mehr stopfen werde? Sein Blick schweifte durch die Scheibe seiner Loge in Richtung Eisfläche: "Dann gibt es den Verein nicht mehr."

Am finanziellen Tropf von Einzelnen

Diesen Satz formulierte Sabo vor drei Jahren. Und er sagt irgendwie alles über die Strukturen in der DEL aus. Und so verwundert es nicht, dass sie sich in Nürnberg jetzt wieder einmal ernsthafte Sorgen machen um ihren Verein, denn der 58-jährige Sabo hat vor wenigen Wochen angekündigt, dass er nach der Saison seine finanzielle Unterstützung weitgehend einstellen werde - zehn Jahre, nachdem er den Verein noch vor der Insolvenz bewahrt hatte.

Sterben lassen wolle er das Eishockey in Nürnberg nun zwar nicht, "aber dafür sollen jetzt auch viele andere aufstehen". Er wünsche sich eine neue, breitere Sponsorenstruktur. Möglichst ohne ihn - oder nur noch als einer unter vielen.

Schlechte Bilanzen, hohe Verbindlichkeiten

Eishockey-Stadion in Mannheim

Gut gefüllt: die SAP-Arena der Adler Mannheim

Mit diesem Wunsch ist er nicht allein in einer Sportart, die in Deutschland so viele Menschen fasziniert und nach Fußball die meisten Zuschauer in die Stadien lockt: über 6.200 Besucher pro Spiel, das ist der viertbeste Wert einer Eishockeyliga weltweit. Nur in Russland, den Vereinigten Staaten und in der Schweiz kommen mehr Menschen. Aber dennoch hängen die Klubs oft am Tropf von einzelnen Mäzenen oder Konzernen.

Andere, in Sachen Zuschauergunst vergleichbare Ligen wie die Handball- und Basketball-Bundesliga wirken in weiten Teilen deutlich gesünder, breiter aufgestellt. In der DEL weisen fast Jahr für Jahr zwei Drittel der Vereine rote Zahlen in ihren Bilanzen aus, einige schieben Verbindlichkeiten im zweistelligen Millionenbereich vor sich her.

Immer wieder Vereinspleiten in der DEL

Pleiten ziehen sich durch die Geschichte der Liga. In 24 Jahren DEL verschwanden 18 Klubs, erst vor drei Jahren traf es die Hamburg Freezers - quasi über Nacht verlor Investor Anschutz (der auch schon die München Barons nur zwei Jahre nach deren Meisterschaft im Jahr 2000 hatte fallen lassen) das Interesse an dem defizitären Standort.

"Am Ende des Tages ist einfach die Gesamtstruktur der Finanzierung für die Eishockeyklubs ungesund, weil sie an den verschiedenen Standorten abhängig davon sind, dass ein Konsortium oder ein Einzelsponsor am Ende das trägt, was wirtschaftlich notwendig ist, um überhaupt den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten", sagte im Rückblick der ehemalige Freezers-Geschäftsführer Michael Pfad, der auch schon bei der Deutschen Fußball Liga tätig war: "Es gibt nicht, wie im Fußball, eine gesunde Struktur, eine gesunde Mischung aus Zuschauereinnahmen und Sponsoring - und die Fernseheinnahmen betragen nur ein Bruchteil dessen, was im Fußball bezahlt wird." Sein Fazit: "Im Eishockey lässt sich kein Geld verdienen."

Fernsehgelder im Eishockey auf niedrigem Niveau

Die Einnahmen im Eishockey liegen unter denen der dritten Liga im Fußball. Selbst an traditionsreichen Spielorten wie Düsseldorf (wo die DEG auch mehrfach vor der Insolvenz stand) - herrschte schon oft Verzweiflung pur. Jörn Klocke, ehemaliger Geschäftsführer der DEG: "Wir hatten uns das nicht so unfassbar schwer vorgestellt. Also wenn wir überlegen, welchen Aufwand wir betrieben haben, um selbst kleine Sponsoren mit zehn- oder zwanzigtausend Euro zu realisieren - das war schon teilweise wirklich frustrierend."

Eine Anekdote zeigt seine Verzweiflung. Einmal habe ein potenzieller Sponsor zu ihm gesagt: "Bringen Sie mir die Einschaltquoten vom SC Paderborn", der damals in der dritten Liga gespielt habe, "dann bin ich mit einem sechsstelligen Betrag bei Ihnen."

Die Fernsehgelder haben im Eishockey allenfalls Fußball-Regionalliga-Niveau. Gerade mal vier Millionen Euro pro Saison gibt es aus dem Vermarktungstopf - für alle Klubs. Das ist weniger, als jeder einzelne Fußball-Zweitligist erhält.

"Kein Image, kein Konzept"

Thomas Sabo forderte jahrelang von der DEL eine bessere Vermarktung, vor allem im TV-Bereich. In seine Abschiedsworte mischt sich nun auch eine gewisse Resignation in dieser Hinsicht. Professor Alfons Madeja, Sportökonom und Inhaber einer Marketing-Agentur, forscht seit vielen Jahren auch zum Eishockey und zeigt wenig Mitgefühl. Sein Vorwurf an die DEL: "Warum soll der Fernsehvertrag mehr Geld generieren, wenn keine kompetente Vermarktungsgrundlage geschaffen ist? Die Vermarktungsgrundlage ist nun mal Bekanntheit, ist Sympathie, ist Attraktivität einer Sportart. Medien können nur für das letztendlich auch zahlen, wofür eine Sportart steht", betont er: "Wir haben ein Problem in der Vermarktung des Eishockeys, wir haben hier kein zentrales Image, keine zentrale Vermarktung und auch kein zentrales Konzept. Die Klubs werden für sich alleine gelassen." Weshalb im Eishockey im Grunde nur regionale Vermarktung betrieben werde - mit allen Schwierigkeiten, vor allem im strukturschwachen ländlichen Raum; oder dort, wo auch der Fußball präsent ist.

Spielszene aus der Saison 2018/19 zwischen den Adler Mannheim (l.) und Krefeld Pinguine

Symbolisch: Krefelds Phillip Bruggisser (r.) auf dem Eisboden.

Eine fatale Abhängigkeit von einzelnen Geldgebern, die selbst an den sportlich reizvollsten Standorten deutlich wird: Die Adler Mannheim werden von Dietmar Hopps Sohn Daniel geführt und von SAP finanziert. In München pumpen Dietrich Mateschitz und der Red-Bull-Konzern jährlich geschätzte zwölf Millionen Euro in das Team. Jürgen Bochanski, Ehrenpräsident des EHC München, sagt: "Wenn Red Bull nicht gekommen wäre, wäre Eishockey auch tot gewesen. Dann hätten wir die Lizenz zurückgeben müssen oder eben verkaufen müssen und dann hätte München kein Profi-Eishockey mehr."

Auf der Suche nach Attraktivität

Andere Städte erlebten genau das. Der Niedergang der Hannover Scorpions: 2010 noch Meister, 2013 dann nach Millionenverlusten das Aus. Die Stadt wollte nicht mehr helfen. So wie es anderswo noch gängige Praxis ist. Teilweise tragen Kommunen die kompletten Betriebskosten für die Eishalle oder genehmigen saftige Betriebskosten-Zuschüsse - ohne diese, hätten kleinere Vereine wie die Klubs aus Straubing, Iserlohn oder Schwenningen noch größere Geldsorgen. Eishockey gilt als sehr teurer Sport - auch aufgrund großer Kader und hoher Betriebskosten für die Eishallen.

Studien zeigen, dass ein Problem der mangelnden Attraktivität der DEL der fehlende Auf- und Abstieg sein könnte. Wer mitspielen will und solvent ist, muss bisher hoffen, dass ein anderer Klub seine Lizenz verkauft. Ab der nächsten Saison aber sollen nun wieder Auf- und Abstieg eingeführt werden - das ist gut für den Wettbewerb, sagen viele Experten, und warnen gleichzeitig: Das könnte aber auch zu noch mehr wirtschaftlichem Harakiri führen.

Stand: 16.10.2019, 07:00

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