"Wollen beteiligt werden" - DEL-Profis organisieren sich

Moritz Müller von den Kölner Haien

Spielergewerkschaft SVE

"Wollen beteiligt werden" - DEL-Profis organisieren sich

Von Burkhard Hupe

Das deutsche Profi-Eishockey kam bislang ohne eine Gewerkschaft aus. Die Spieler vertrauten ihren Beratern oder sich selbst. Im Schatten der Corona-Pandemie hat sich das nun geändert. Damit hat sich nun auch der letzte große Mannschaftssport in Deutschland organisiert.

Mitunter ist es ja erstaunlich, wie lange sich Erfindungen Zeit lassen, bis sie endlich gefunden werden. Denken wir an den Sicherheitsgurt im Auto oder die Mülltrennung. Alles zu seiner Zeit und manchmal eben auch ein bisschen später. Und nun gibt es also eine Spielervereinigung Eishockey (SVE). Eine Gewerkschaft, die nicht als Gewerkschaft verstanden werden will. Eine Interessenvertretung, die es in den Wochen des Werdens und Wachsens nicht leicht hatte.

Moritz Müller hat einen langen Atem gebraucht. Nicht er allein, aber er vor allem. Denn der Verteidiger und Nationalspieler der Kölner Haie hat der Initiative ja anfangs ein Gesicht gegeben und eine Stimme. Das war im April und im Mai, als die Corona-Schockstarre den Profisport in Deutschland längst erfasst hatte.

DEL hatte Krisenvereinbarung gefordert

Die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) hatte ihre Klubs aufgefordert, mit ihren Spielern eine Art Krisenvereinbarung zu treffen. Verkürzt gesagt sollten die Spieler vorerst auf 25 Prozent ihrer vertraglich garantierten Gehälter verzichten. Dieses zurückgehaltene Geld sollte erst dann zur Auszahlung kommen, wenn ein Verein 75 Prozent seines prognostizierten Jahresumsatzes erwirtschaftet hätte. Wer nicht unterschrieb, wurde gebrandmarkt und musste befürchten, in der DEL nicht mehr lizenziert zu werden.

Eishockey-Profis organisieren sich in neuer Spielervereinigung

Sportschau 31.08.2020 02:26 Min. Verfügbar bis 31.08.2025 ARD Von Burkhard Hupe

Die Spieler fühlten sich übergangen. Protestierten. Mal im Kleinen, später im Großen. Müller fühlte sich als gestandener Profi nicht ernst genommen, hätte gerne mit am Tisch gesessen, um alle Eventualitäten gegeneinander abzuwägen. "Es geht uns überhaupt nicht darum, dass wir nicht unseren Beitrag leisten wollen", sagte er damals am Telefon und erklang wie immer sehr aufrichtig. "Wir wollten einfach nur beteiligt werden."

Moritz Müller trommelte Profis zusammen

Deshalb trommelte Müller ein paar Jungs zusammen. Ein paar Jungs, die was darstellen im deutschen Eishockey. Patrick Reimer aus Nürnberg, Marcus Kink, damals noch ein Mannheimer, Alex Barta und Marco Nowak aus Düsseldorf oder Korbinian Holzer, der seit zehn Jahren in Nordamerika als Profi spielt.

Ein erster Aufruf folgte. Eine erste Liste mit Absichtserklärungen, darauf 80 Unterschriften. Damit konnte es losgehen. Doch das primäre Ziel, in die aktuellen Diskussionen um die sportliche und wirtschaftliche Zukunft des deutschen Eishockeys stärker eingebunden zu werden, wurde nicht erreicht. Der wirtschaftliche und zeitliche Druck für die Profi-Klubs und die DEL-Geschäftsführung war so groß, so existenziell geworden, dass es für alles andere keine Kapazitäten gab.

Und außerdem waren Moritz Müller oder Patrick Reimer ja noch nicht offiziell legitimiert, für alle Eishockey-Profis zu sprechen. Wenn man so will, war die Corona-Krise zwar der letzte Anstoß zur Gründung der SVE, aber Müller und seine Mitstreiter hätten sich schon selbst rechts überholen müssen, um die Gegenwart in eine andere Richtung zu lenken.

Lage hat sich beruhigt, besser ist sie nicht

Nun hat sich die Lage beruhigt, ohne sich grundlegend zu bessern. Die DEL-Spieler haben größtenteils die sogenannte "25/75-Vereinbarung" unterschrieben, und die 14 Klubs haben im Gegenzug die Lizenz für die neue Spielzeit erhalten. Das Problem ist nur, dass niemand verlässlich sagen kann, ob und wann es eine neue Spielzeit überhaupt geben wird. Und deshalb ist Moritz Müller doppelt froh, dass die Spielervereinigung Eishockey nun gegründet worden ist.

Denn bei allem, was jetzt kommt und besprochen wird, wollen die Spieler mitreden. Und obwohl die DEL und ihr Geschäftsführer Gernot Tripcke beteuern, dass es "mit der Spielervereinigung für uns überhaupt kein Problem gibt", obwohl beispielsweise Haie-Geschäftsführer Philipp Walter glaubhaft versichert, dass "es wichtig ist, dass die Eishockey-Profis jetzt eine einheitliche Stimme bekommen" – es droht direkt der erste Zoff.

Was wird aus der Spielzeit 2020/21?

Das Szenario stellt sich folgendermaßen dar: Sollte der 13. November als Start in die neue Spielzeit nicht gehalten werden, weil die Liga dann nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit spielen dürfte, dann steht die komplette Spielzeit auf der Kippe. Müller will das auf jeden Fall verhindern: "Wenn es nicht erlaubt ist, vor Zuschauern zu spielen, dann muss es doch erlaubt sein, über Möglichkeiten zu sprechen, ohne Zuschauer zu spielen. Wir müssen raus aus der Opferrolle."

Müller weiß die meisten DEL-Profis hinter sich, die meisten Trainer und sportlichen Leiter sicherlich auch, doch was nutzt das, wenn die Gesellschafter und damit die Geldgeber der Klubs nicht mitziehen wollen? DEL-Geschäftsführer Tripcke sagt jedenfalls: "Eine Saison ohne Zuschauer ist wirtschaftlich nicht darstellbar." Moritz Müller entgegnet: !Ich glaube, dass man die wirtschaftliche Folgen einer Saison ohne Zuschauer gar nicht abschätzen kann. Weil man nicht weiß, was dann überhaupt noch übrig bleibt. Sind die Fans noch dabei und die Partner aus der Wirtschaft? Vielleicht haben die sich längst etwas anderes gesucht.“

Man darf gespannt darauf sein, wann die Vertreter der Spielervereinigung Eishockey zum ersten Mal mit an den Tisch gebeten werden, wenn es um die nahe Zukunft des deutschen Eishockeys geht. Moritz Müller, einer der Gründerväter der SVE und auch ihr erster Vorsitzender, hofft, dass das nicht zu lange dauern wird. Noch sendet er friedliche Signale. "Wir haben uns absichtlich nicht als Spielergewerkschaft gegründet, weil wir ja keinen Klassenkampf wollen. Wir wollen ein Miteinander."

Stand: 31.08.2020, 10:17

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