Amateursport: Monatelanger Stillstand mit Folgen

Ein leerer Fußballplatz mit Laufbahn.

Corona-Pandemie

Amateursport: Monatelanger Stillstand mit Folgen

Von Till Krause

Drei Monate Pause. 13 Wochen kein Training. 91 Tage kein Vereinsleben. Der zweite Lockdown lähmt die rund 90.000 Sportvereine in Deutschland. Und Normalität ist längst nicht in Sicht. Welche Folgen hat das?

Ein bis zwei Kündigungen jeden Tag. Das ist die aktuelle Situation bei der Hildener AT - dem größten Sportverein in Hilden. Das sind zwar nicht viel mehr Kündigungen als vor Corona, berichtet der Vorsitzende Sven Reuter. Dennoch hat der Verein fast 20 Prozent der Mitglieder im vergangenen Jahr verloren. "Das Problem sind die fehlenden Neuanmeldungen", erklärt Reuter. Denn aktuell sucht niemand einen Sportverein. Je länger der Lockdown dauert, desto problematischer wird die Lage.

Dass die Situation auch bei anderen Vereinen nicht einfach ist, zeigen vorläufige Ergebnisse einer Untersuchung der Deutschen Sporthochschule Köln. Demnach befürchtet jeder zweite Verein "in den kommenden zwölf Monaten eine existenzbedrohliche Lage". Eine Ursache dafür seien zum Beispiel rückläufige Mitgliederzahlen. "Jedes Mitglied hat eine Art Treue-Akku gegenüber dem Verein", erklärt Studienleiter Professor Christoph Breuer. "Und der entlädt sich mit laufender Lockdown-Zeit."

Kritik an Untersuchung

Auch Stefan Klett, Präsident des Landessportbundes NRW, sieht die Sportvereine aktuell vor großen Herausforderungen. Er kritisiert aber die Untersuchung der Sporthochschule Köln. "Das deckt sich nicht mit unseren Erkenntnissen", erklärt er im Gespräch mit sportschau.de. Die Lage der Sportvereine sei nicht so dramatisch, der Mitgliederverlust bislang sehr überschaubar.

Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte, denn die Situation ist je nach Verein unterschiedlich. Ganze 646 Mitglieder hat zum Beispiel die Hildener AT verloren. Das macht sich natürlich in der Vereinskasse bemerkbar. Nicht nur 50.000 Euro Mitgliedsbeiträge pro Quartal fehlen nun. Auch Einnahmen durch Veranstaltungen und das vereinseigene Bistro fallen weg. "Wir haben zum Glück gut gewirtschaftet und ein Polster auf dem Konto", erklärt Sven Reuter. Der Verein sei nicht gefährdet. "Aber unsere Visionen wie den Ausbau des Gesundheitszentrums können wir vergessen."

Der Verein gehört mit aktuell rund 2.900 Mitgliedern zu den größeren in Deutschland. Solche großen "Vereine leiden eher, weil sie Personal- und Mietkosten haben und die Bindung der Mitglieder nicht so ausgeprägt ist", erklärt Sportökonom Christoph Breuer. Kleine Vereine ohne hauptamtliches Personal und eigene Sportanlagen kämen einfacher durch die Krise. "Ehrenamtliche und kommunale Sportanlagen kosten kein Geld", so Breuer.

Hauptproblem: Soziale Folgen des Stillstandes

Insgesamt sei deshalb ein Großteil der Vereine zum Beispiel im Vergleich zu Restaurants oder Friseurläden gut aufgestellt, um die Krise finanziell zu bewältigen. Die eigentliche Herausforderung seien eher die sozialen Folgen des Stillstandes. "Der Sport gibt der Gesellschaft eine Perspektive", erklärt Breuer. Ähnlich sieht das Andreas Klages, Hauptgeschäftsführer vom Landessportbund Hessen. "Der gesellschaftliche Zusammenhalt entsteht nicht von selbst, sondern der braucht Orte und Räume - und das sind insbesondere auch die Sportvereine."

Gerade für Menschen aus schwierigen sozialen Verhältnissen sei der Sportverein eine wichtige Stütze. "Die Vereine sind ein Spiegelbild der Gesellschaft, Orte der Integration, Inklusion und des sozialen Umgangs miteinander", sagt auch Stefan Klett. "Das ist aktuell stark eingeschränkt."

Eigentlich organisiert die Hildener AT zum Beispiel regelmäßig große Veranstaltungen und Feste. Außerdem bietet der Verein in Kindergärten, Kitas und Schulen Sport an. All diese Angebote fallen momentan weg. "Die DNA der Sportvereine ist es aber, für die Mitglieder da zu sein", erklärt Andreas Klages. "Nach einem Vierteljahr Stillstand sind Demotivationseffekte zu spüren. Es ist eine zermürbende Situation." Die Vereine bräuchten daher dringend eine Öffnungsperspektive – insbesondere der Gesellschaft zuliebe.

Vorschlag: Stufenplan

Mit dem Wunsch ist er nicht allein. Aus dem organisierten Breitensport kommen vermehrt Vorschläge, wie ein Weg zurück aussehen könnte. Der Landessportbund NRW hat der Politik vor Kurzem einen sogenannten Stufenplan vorgeschlagen. "Je nach Inzidenzwert sind bestimmte Sportangebote möglich, und je geringer der Wert, desto mehr ist möglich", erklärt LSB-Präsident Stefan Klett die Idee. Das würde Sportvereinen zumindest ein Stück weit Planungssicherheit verschaffen.

Auch der Freiburger Kreis, die Interessensvertretung der 180 größten deutschen Amateur-Sportvereine, fordert eine Perspektive. "Die Strategie kann nicht sein, darauf zu warten, bis wir alle geimpft sind", erklärt der Vorstandsvorsitzende Boris Schmidt. Einfach alle Sportangebote zu verbieten, sei nach fast einem Jahr Pandemie nicht mehr zeitgemäß. Es müsse eine differenzierte Betrachtungsweise her. Eine "Inzidenzampel" kann sich auch Schmidt vorstellen.

Die Hildener AT hofft darauf, dass es bald wieder losgeht. Bis es soweit ist, versucht der Verein, das beste aus der Situation zu machen - zum Beispiel mit Online-Livekursen. Mittlerweile gibt es sogar einen Online-Spinning-Kurs. Die vereinseigenen Fahrräder wurden dafür kurzerhand zu den Mitgliedern ins Wohnzimmer geliefert.

DOSB-Präsident Hörmann: "Können nur an die Vereinsmitglieder appellieren" Morgenmagazin 19.01.2021 01:14 Min. Verfügbar bis 19.01.2022 Das Erste

Stand: 01.02.2021, 05:52

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