Wenn Beine schreien könnten - der Ötztaler Radmarathon

Olaf Jansen, Teilnehmer beim Ötztaler Radmarathon

ARD-Reporter Olaf Jansen kämpft sich durch die Härteprüfung

Wenn Beine schreien könnten - der Ötztaler Radmarathon

238 Kilometer, 5.500 Höhenmeter, über 10 Stunden auf dem Rad: Der Ötztaler Radmarathon ist für jeden Radsportler eine echte Härteprüfung. ARD-Reporter Olaf Jansen ist das Rennen gefahren und ging dabei an seine Grenzen. Eine Reportage.

Jetzt stehe ich also hier. Um kurz nach sechs am Sonntagmorgen. In Sölden. Irgendwo hinter der Startlinie. Zwischen rund 4.000 anderen, die sich diesen fulminanten Rad-Trip vorgenommen haben: Ötztaler Radmarathon. 238 Kilometer, 5.500 Höhenmeter. Über vier Pässe. Es ist so was wie die Königsveranstaltung für Radsportler. Seit ich mich vor zehn Monaten angemeldet habe, bin ich so viel Rad gefahren, wie es eben ging. Vielleicht so um die 3.000 Kilometer habe ich geschafft, mehr war zeitlich nicht drin. Mein Ziel: Ankommen. Es irgendwie schaffen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht nur Respekt vor den kommenden zehn, elf oder zwölf Stunden. Ich habe Angst.

Es ist noch dunkel. Und saukalt. So um die 7 Grad. Und wir stehen im dicken Nebel. Nicht die besten Bedingungen für eine ausgedehnte Radtour. Egal. Ich habe mich dick in Regensachen eingepackt. Wie heißt der Spruch? Nur die Harten...

Startschuss frühmorgens

6.45 Uhr. Der Startschuss - ein mächtiger Böllerschlag schickt uns auf die Reise. Sollte er eigentlich. Aber erst einmal stehe ich noch gefühlte zehn Minuten, ehe sich der Stau langsam auflöst. 4.000 Leute mit Rad passen eben nicht gleichzeitig auf eine enge Dorfstraße. Los geht’s.

"Macht aber Spaß, dieser Ötztaler", denke ich nach einer halben Stunde leichter Bergabfahrt, "rollt ja ganz gut." Aber leider nur 30 Kilometer lang bis Ötz. Da geht's nach zwar kalter, aber entspannter Rollerei in den Kreisverkehr und dann rechts hoch, in Richtung Kühtai. Der erste von vier Pässen. 18,5 Kilometer, 1.160 Höhenmeter. "Ruhig bleiben und Rhythmus finden", sage ich mir, nachdem ich die Mülltüte entsorgt habe, die ich mir gegen den kalten Wind übergestülpt hatte - auch so ein Tipp der Erfahrenen. Jetzt bergauf. Und: Stau. Ich muss sogar kurz absteigen, weil’s nicht mehr weitergeht. Dann rollt's und ich finde auch einen ganz guten Tritt. Die Kuhglocken auf den Wiesen läuten - idyllisch. Aber mein Gott, ist das Ding steil. Bis zu 18 Prozent. Über eine gute Stunde später fahre ich auf dem Pass zur Labestation. Essen fassen heißt es hier bei Kilometer 51. Ist ja entscheidend beim Ötztaler: Gut ernähren unterwegs - haben die Profis gesagt. Ich esse also ein paar Kuchenstücke, eine der berühmten Ötztaler Kraftkugeln (schmecken fies), fülle meine zwei Trinkflaschen auf und weiter geht's.

Heiße Suppe gegen die Kälte

Und, Mist: Regen. Es schüttet plötzlich und ist echt schlimm kalt. 1.300 Höhenmeter runter ins Inntal, in Nullkommanichts bin ich total eingefroren, kann meine Hände kaum noch bewegen. Furchtbar! Aber irgendwie geht's gut und als nächstes kommt der Anstieg zum Brenner. 37 Kilometer, nur rund 800 Höhenmeter. Sowas liegt mir. Wenn's nicht so steil ist, fühle ich mich wohl. Tatsächlich finde ich auch eine Gruppe, in deren Windschatten ich gut mitrollen kann. So langsam wird's auch etwas wärmer, sogar meine Füße tauen wieder auf. Aber es zieht sich. Und ich merke auch allmählich schon mein Gesäß. Schließlich sitze ich schon seit knapp vier Stunden auf dem Sattel. Länger fahre ich daheim eigentlich nie. Aber jetzt komme ich mal gerade bei der zweiten Labestation oben am Brenner bei Kilometer 125 an. Ich stelle das Rad an die Seite und entscheide mich für eine vernünftige Pause und eine ausgiebige Mahlzeit. Es gibt heiße Suppe, Blechkuchen, ich lasse mir Zeit beim Essen. Und schaue mir das Chaos aus der Distanz an. Es gibt viele, die sich mit ihrem Rad unterm Hintern an die Tische drängeln, es wird geflucht, viele sind immer noch verdammt hektisch unterwegs. 

Der Kampf gegen die Karenzzeit

Ich halte mich lieber an Werner aus Augsburg, den ich unterwegs schon beim Anstieg auf den Kühtai kennengelernt habe und der auch schön entspannt unterwegs ist. Nach gut zehn Minuten Pause machen auch wir uns mit wieder vollen Trinkflaschen auf den Weg. Es geht jetzt wieder knackig bergab, 500 Höhenmeter runter nach Sterzing. Und man merkt: Wir kommen in den Süden. Unten angekommen weht ein fast schon laues Lüftchen. Ich krempele meine Ärmlinge runter und Werner und ich machen uns bereit. Für den Jaufenpass. Aber: Ich merke leider gleich auf den ersten Metern schon: Jetzt wird's allmählich hart. Das Ding ist steil und meine Beine wollen eigentlich schon nicht mehr so richtig. Ich muss mich mal dehnen und den Rücken auch was lockern und irgendwie komme ich auch wieder in den Tritt. Aber mein Gott: Es geht 15 Kilometer steil bergauf. Ganz langsam trete ich Pedalumdrehung um Pedalumdrehung. Und immer wieder trinken ist wichtig, meine beiden großen Trinkflaschen müssen bis oben wieder geleert sein. Auch Essen nicht vergessen! Zwei Riegel und eine Banane habe ich an der letzten Labestation eingepackt. Wichtig, dass die runter gehen. Aber auch nicht so leicht, wenn man am Berg so pumpen muss, wie ich jetzt hier. Aber irgendwie schaffe ich es dann doch bis oben, es ist fast zwei, als ich oben auf dem Jaufenpass ankomme. Ich liege jetzt also nur noch eine knappe Stunde vor der Karenzzeit. Oh je - bloß nicht aufgesammelt werden vom Bus, weil man die erlaubte Zeit überschritten hat.

Entspannung in der Abfahrt? Von wegen!

Ich gönne mir oben also keine lange Pause. Esse Salzgebäck, trinke viel, schiebe mir nochmal Kuchen zwischen die Zähne. Aber auch jetzt wieder: Temperatursturz und Regen. Ich werde verrückt. Wieder friere ich bei der Abfahrt total ein. Runter nach St. Leonhard – über 20 Kilometer schnelle Fahrt. Für mich trotzdem nicht entspannend, denn die vielen Kurven und Kehren wollen ja alle richtig angefahren werden. Unten angekommen frage mich nach gut 180 Kilometern: Wie in Gottes Namen soll ich jetzt noch diesen Riesen schaffen, der vor mir liegt? Das Timmelsjoch! Die schwerste Berg: Fast 30 Kilometer klettern, rund 1.800 Höhenmeter. Ach herrje!

Ein paar Minuten Pause. Und weiter

Können meine Beine sprechen? Mein Gesäß? Eigentlich nicht, aber ich höre deutlich die Rufe: "Hör auf! Hör auf!" Jede Pedalumdrehung tut weh, der Schmerz zieht auch fies in den Rücken. Habe ich zu wenig getrunken? Mache ich jetzt schlapp? Außerdem: Ich kann kaum noch sitzen! Aufhören? In den Bus steigen, der da gerade mit ein paar Gestrandeten an mir vorbeifährt? Nein! Ich steige mal ab, schiebe ein paar Meter und setze mich mal. Ein paar Minuten Pause. Und weiter.

Irgendwie schaffe ich es bis zur nächsten Labestation in Schönau. Elf Kilometer sind es von hier noch bis zum Gipfel. Das muss doch zu packen sein! Aber ich kann nicht mehr. Außerdem gießt es wieder in Strömen, die Temperaturen gehen in Richtung Null Grad. Ist sicher kein schöner Anblick, wie ich jetzt so auf der Straße rumeiere. Aber anderen geht's auch nicht viel besser. Überall am Straßenrand hocken die Geplagten, ruhen aus und denken wahrscheinlich so wie ich: Am besten wäre es, sich jetzt in den Bus zu setzen und die Sache dranzugeben.

Happy-End: Die Ziellinie

Nein! Ich will's weiter versuchen. Ich weiß nicht genau wie, aber irgendwie schaffe ich die letzten Kilometer hinauf aufs Timmelsjoch. Es ist jetzt wieder schweinekalt, fehlt jetzt eigentlich auch nur noch eines zum größten Unglück: Schnee. Der bleibt aber zum Glück aus und ich schleppe mich über den Grat und rolle frierend hinein in die Abfahrt hinunter nach Sölden. Ausschließlich hinunter wäre schön, aber es kommt tatsächlich nochmal ein Gegenanstieg, der mich beinahe zum Wahnsinn treibt. Ich kann einfach nicht mehr, schleppe mich aber irgendwie auch noch über die 200 Höhenmeter im Zwischenanstieg, bevor es wirklich runter geht nach Sölden. Wo mich um kurz vor 19 Uhr das Happy-End erwartet: Die Ziellinie. Ich habe es geschafft. In knapp zwölf Stunden Fahrzeit: den "Ötzi". Wie genau, das weiß ich jetzt schon nicht mehr. Und ich will nur noch eins: Fahrrad weg und ab in die Waagerechte!

Stand: 02.09.2018, 20:33

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