Der Ötztaler Radmarathon - schinden im "Wimbledon der Hobbyradler"

2. September 2018: 37. Ötztaler Radmarathon

Der Ötztaler Radmarathon - schinden im "Wimbledon der Hobbyradler"

Von Olaf Jansen

238 Kilometer mit insgesamt 5.500 zu überwindenden Höhenmetern. Der Ötztaler Radmarathon verlangt eine epische Leistung von seinen Teilnehmern. Für ambitionierte Hobbyradler gibt es nichts Schöneres. Am Sonntag (02.09.2018) startet in Sölden die 37. Auflage.

Für Michael Stachulec ist die Sache klar: "Wer als Hobbyradfahrer etwas auf sich hält, muss den Ötztaler gefahren sein. Sonst ist die ganze Karriere wertlos", sagt der 30-Jährige. Schon dreimal ist er das legendäre Rennen über 238 Kilometer gefahren. "Für mich ist der Ötztaler das 'Wimbledon der Jedermannszene', im Vergleich sind andere Rennen wertlos", sagt Stachulec.

"Ötzi"-Finisher-Trikot - begehrteste Trophäe im Hobbyradsport

Durchschnittlich zehn Stunden und 30 Minuten benötigen die Starter für die Distanz. Das Finishertrikot des "Ötztaler Radmarathon" ist die mit Abstand begehrteste Trophäe im Hobbyradsport. Ein Stofffetzen nur - aber er steht da als Inbegriff für eine außergewöhnliche Spitzenleistung.

Wer die Strecke über 238 Kilometer und 5.500 Höhenmeter gemeistert hat, belohnt sich für eine Tortur, die in diesem Jahr am 2. September in Sölden an der Startlinie um 6.45 Uhr beginnt und für die meisten erst enden wird, wenn es wieder dunkel wird. Der "Ötzi" ist eine Unternehmung, für die sich der Teilnehmer zuvor mindestens ein halbes Jahr lang ohne jeden Kompromiss vorbereitet hat.

Ötztaler Radmarathon - die Strecke

Der Startschuss fällt in Sölden direkt im Ötztal. Die Radrennfahrer befinden sich dabei auf einer Höhe von 1.377 Metern. Von Sölden führt die Strecke hinunter über Langenfeld und Umhausen nach Oetz (820 Meter).

Von dort aus kommt der erste schwierige Anstieg, der schon eine absolute Höchstleistung von den Rennradfahrern verlangt: der erste Pass namens Kühtaisattel, mit einer Länge von 18,5 km und einer Steigung von 18 Prozent. Haben die Rennradfahrer des Ötztaler Radmarathons diesen 2.020 Meter hohen Pass erreicht, haben sie von Oetz kommend 1.200 Höhenmeter erreicht. Nach diesem Pass fahren sie hinab zum niedrigsten Punkt des Ötztaler Radmarathons: Über Kematen und Völs kommen sie nach Innsbruck (574 Meter).

Danach erklimmen sie den zweiten Pass: den Brenner mit 1.374 Metern. Die 777 Höhenmetern legen sie auf einer Strecke von 39 km und einer Steigung von 12 Prozent zurück.

Von Sterzing (948 Meter) geht es hinauf zum dritten Pass: Der Jaufenpass, der auf einer Höhe von 2.099 Metern liegt. Die Rennradfahrer müssen dafür 1.130 Höhenmeter überwinden, dieser Abschnitt ist 15,5 km lang und die Strecke steigt bis auf 12 Prozent an. Vor dem letzten Pass liegt St. Leonhard im Passeier (689 Meter).

Der letzte Pass hat es nochmal ganz schön in sich: Der Timmelsjoch, der 2.509 Meter hoch ist. Sage und schreibe 1.759 Höhenmeter sind zu bewältigen, erst nach 28,7 km bei einer Steigung bis zu 14 Prozent hat man den Pass überwunden. Von da aus geht es dann endlich ins Ziel nach Sölden (1.377 Meter).

Denn: Die Starter müssen topfit in Körper und Geist sein, sonst werden sie den "Ötzi" nicht schaffen. Da ist sich die Szene einig. Spätestens am letzten Anstieg, den berüchtigten 29 Kilometern hinauf auf das rund 2.500 Meter hoch gelegene Timmelsjoch, wird jede Leistungsschwäche das definitive Aus bedeuten. Allein die Nahrungsaufnahme beim Rennen ist eine echte Herausforderung: Um nicht zu dehydrieren, muss der Fahrer etwa 12,5 Liter Flüssigkeit zu sich nehmen, er verbrennt cirka 9.500 kcal - das ist viermal soviel, wie ein Mensch durchschnittlich pro Tag verbraucht.

Radsport geht vor Familie

Stachulec hat den "Ötzi" 2014 erstmals auf sich genommen, 2015 und 2017 noch einmal. Nachdem es zu Beginn nur das Ziel "Ankommen" gab, setzte er sich 2017 das Ziel, die Distanz unter neun Stunden Fahrzeit zurückzulegen.

Höhenprofil Oetztaler Radmarathon

So etwas funktioniert nur mit ausgetüfteltem Trainingsplan und purer Disziplin. "Ich habe schon im Winter mit der Vorbereitung begonnen", erzählt Stachulec. Zweimal in der Woche fuhr er mit befreundeten Fahrern jeweils nach der Arbeit rund 80 Kilometer, am Wochenende folgten samstags und sonntags jeweils Ausfahrten von mindestens vier bis sechs Stunden Fahrzeit.

So etwas geht nur, wenn der Sport im Leben die Nummer eins ist. "Könnte ich nicht machen, wenn ich Familie hätte", sagt Stachulec, seiner Meinung nach muss auch der Job dazu passen. "Ich will bald auch beruflich Karriere machen. Deshalb kann ich den Ötzi nicht mehr lange fahren", sagt er.

Der Schock: keinen Startplatz erhalten

Michael Krämer

Nachdem er 2017 das Ziel nach 8:59,16 Stunden erreichte, wollte er 2018 noch einmal einen drauflegen. Er hatte sich einen Trainingsplan für 7:59,59 Stunden zurechtgelegt. Und wieder hieß es ab November 2017: alles für den Radsport. Training, Training, Training. Doch dann der Schock: kein Startplatz! Stachulec war im März nicht unter den Glücklichen, die bei der obligatorischen Verlosung der Startplätze gezogen wurden.

Die Anzahl der Startplätze ist auf etwas über 4.800 begrenzt, zuletzt gingen etwa 14.000 Startwünsche bei den Veranstaltern ein. Mindestens die Hälfte dieser Wünsche seien keine echten, glauben Insider wie Stachulec. Denn: Die Startplätze sind übertragbar. Bekommt man einen Startplatz zugelost, kann man diesen an einen anderen Interessenten weitergeben. "Das führt dazu, dass manche sämtliche Verwandte und Bekannte einsetzen und sich anmelden lassen", weiß Stachulec. Die Rechnung: Wird nur einer von denen gezogen, hat man seinen Startplatz sicher. Und das klappt meist.

Training und Entbehrungen waren für die Katz'

Bei Stachulec war das in diesem Jahr nicht der Fall - war er als persönliche Katastrophe empfunden hat. "Wochenlanges Training und Entbehrungen waren für die Katz", sagt er. Über Umwege und spät hätte er sich vielleicht noch einen Platz über das Nachrückverfahren sichern können. Davon hat er aber Abstand genommen. "Irgendwann sind auch die Kosten mal zu hoch", sagt er. 149 Euro kostet der normale Startplatz. Mit dem Antrag auf das Nachrückverfahren und die folgende Ummeldung kämen noch einmal über 120 Euro dazu. "Das will ich dann auch nicht mehr, aus Prinzip", sagt Stachulec. Für 2018 haben übrigens insgesamt 4.871 Starter eine Zusage erhalten, davon sind 298 Frauen. Der jüngste Starter wird 16 Jahre alt sein, der älteste 72.

Jan Ullrich - 84. seiner Altersklasse

Seit der ersten Auflage 1982 hat sich der "Ötzi" von einer Mutprobe ein paar Radsport-Verrückter zu einem medialen Großereignis entwickelt. Es sind nunmehr Sportler aus über 30 Nationen am Start, der Etat der Veranstaltung beträgt 800.000 Euro, rund 1.000 Helfer sorgen für das Gelingen. Weltweit wird es 2018 etwa 500 Stunden TV-Übertragung geben, Zeitungs- und Magazin-Berichte erreichen nach Schätzung der Veranstalter etwa 51 Millionen Menschen. Immer wieder sind auch Prominente am Start, vor allem natürlich Ex-Profis. Jan Ullrich beispielsweise war 2011 dabei und belegte mit einer Fahrzeit von 8:12,29 Stunden Rang 84 in seiner Altersklasse.

Der bisherige Streckenrekord des Ötztal-Radmarathons - aufgestellt vom Schweizer Hugo Jenni (6:50:31 Stunden) - besteht übrigens bereits seit 2001. Den 2017er "Ötztaler" gewann Stefano Cecchini aus Italien vor Landsmann Enrico Zen und dem Deutschen Robert Petzold. Nachdem die Schweizerin Orenos Laila 2016 mit persönlicher Bestzeit (7:42 Std.) einen Streckenrekord aufgestellt hatte, siegte sie 2017 in 7:50:44 Stunden zum vierten Mal in Folge.

Stand: 31.08.2018, 08:30

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