Hörmann: "Der Sport befindet sich sozusagen in Sippenhaft"

Hörmann: "Der Sport befindet sich sozusagen in Sippenhaft" Sportschau 06.01.2021 00:23 Min. Verfügbar bis 06.01.2022 Das Erste

Interview mit DOSB-Präsident Alfons Hörmann

Hörmann: "Der Sport befindet sich sozusagen in Sippenhaft"

Kein Sport bis Anfang Februar: "Wir alle müssen diese bittere Pille schlucken", sagt Alfons Hörmann im Interview mit der Sportschau. Der DOSB-Präsident hofft auf baldige Lockerungen, erwartet für den Sport aber ein ganz schwieriges Jahr 2021.

Sportschau: Herr Hörmann, der Lockdown ist erneut verlängert. Das bedeutet auch, dass für Sportler, auch für Breitensportler und Amateursportler, bis Ende Januar, Anfang Februar kaum etwas geht. Was bedeutet das für die Menschen? Gerade jetzt, im Winter? In den dunklen Monaten?

Alfons Hörmann: Erst mal ganz nüchtern bedeutet es für den Sport in Deutschland, egal ob den Spitzensport oder den Breitensport, also über alle Ebenen, dass sich das schwierige Szenario der vergangenen Wochen, also dessen, was im alten Jahr passiert ist, nun auch im neuen Jahr weiter fortsetzt. Damit herrscht bildlich gesprochen an vielen Stellen Bewegungslosigkeit. Gerade in der dunklen Jahreszeit, in der winterlichen Jahreszeit, ist das besonders bedeutend, weil der Mensch sich natürlich nach Natur, nach Frischluft, nach Bewegung sehnt und es an vielen Stellen schlichtweg derzeit nicht möglich ist, diesem Drängen nachzugehen.

"Unterm Strich bleibt für viele im Sport eine unbefriedigende Situation"

Sportschau: Wir alle haben ja verstanden, dass der Umgang mit dem Coronavirus ein extrem komplizierter ist. Kann sich die Politik leisten, den Breitensport einfach so zu verbieten oder so stark einzuschränken, wie sie es im Moment macht?

Hörmann: Ich glaube, im Moment muss die Politik wohl den Weg gehen, so schmerzlich der ist. Das hat die Kanzlerin ja klar adressiert, und das haben auch die Ministerpräsidenten jetzt reihum von Nord bis Süd und Ost bis West klar dokumentiert, bis hin zu möglichen Abweichungen in einzelnen Bundesländern oder Regionen. Oberstes Gebot scheint eben weiterhin die Vermeidung von Kontakten zu sein. Oberstes Gebot ist es, die Krankenhäuser soweit am Laufen zu halten, dass die Pandemie einigermaßen beherrschbar ist. Und da ist der Sport ebenso sozusagen in einer gewissen Form von Sippenhaft wie auch die Kultur oder andere Bereiche.

DOSB-Präsident Hörmann zur Lage des Sports im Lockdown Sportschau 06.01.2021 06:00 Min. Verfügbar bis 06.01.2022 Das Erste

Sportschau: Keine Sonderrolle für den Sport?

Hörmann: Wir finden viele gute Argumente, warum man an manchen Stellen im Sport anders agieren könnte. Gleiches passiert aber natürlich durch alle Teile unserer Gesellschaft, und deshalb ist es für die Politik im Moment sehr, sehr schwer. Auf der einen Seite eine sehr professionelle Behandlung des gesamten Pandemie-Szenarios sicherzustellen. Auf der anderen Seite dann die berechtigten Wünsche oder Forderungen aus den verschiedenen Bereichen zu akzeptieren. Also ein schmaler Grat, auf dem auch die Politik unterwegs ist. Und man muss niemand beneiden, der in dieser Verantwortung ist. Aber unterm Strich bleibt damit eben für viele im Sport eine unbefriedigende Situation, weil wir fest davon überzeugt sind, dass der Sport gerade regelbasiert und mit klaren Hygienekonzepten Bestandteil der Lösung des Problems sein kann und sein wird.

"Allen ist bewusst, welche besondere Bedeutung der Sport hat"

Sportschau: Werden Sport-Fachleute im Vorfeld einer solchen politischen Entscheidung gehört? Ist der Sport eingebunden in die Diskussionen über einen Lockdown?

Hörmann: Es sind ja verschiedene Ebenen. Zum einen haben ja auch Spitzenpolitiker nach wie vor vielschichtige Kontakte in alle Lebensbereiche. Und da gehe ich davon aus, dass ein jeder auch im privaten Umfeld das eine oder andere Gespräch an der Basis führt im jeweiligen Wahlkreis, in der Heimat oder wo man sich eben gerade bewegt. Auf der anderen Seite sind wir natürlich auch mit den Chefs der Staatskanzleien, mit der Sportminister-Konferenz, zum Teil mit Abgeordneten oder Ministern immer mal wieder im direkten Austausch. Eine unmittelbare Konsultation vor der jüngsten Lockdown-Entscheidung hat es jetzt nicht mehr gegeben.

Sportschau: Wenn man eine solche politische Entscheidung trifft, muss man Prioritäten setzen. Übersetzt heißt das ja eigentlich: Sport zu treiben hat nur einen begrenzten Wert. Kann man sagen, wie viel Wert Sport hat?

Hörmann: Also aus all den Gesprächen, die ich persönlich geführt habe, die wir alle gemeinsam im DOSB und in Verbindung auch in Zusammenarbeit mit unseren Mitgliedsorganisationen mit der Politik über alle Ebenen führen, entnehme ich deutlich und klar, dass sehr wohl allen bewusst ist, welch hohe, welch besondere Bedeutung der Sport hat. Bewegung, Gesundheit, Fitness und geistige Regeneration halten Körper, Seele und Geist in der Balance. Das sind Elemente, die dem Sport in unzähligen Studien - auch außerhalb der Pandemie - klar zugesprochen werden. Dessen sind sich alle bewusst.

"Für die Priorisierung bringe ich ein gewisses Verständnis auf"

Sportschau: Könnte Sport in einer Corona-Pandemie nicht sogar gewinnbringend eingesetzt werden?

Hörmann: Ich denke, in der Politik ist man derzeit um einen ganzheitlichen Ansatz bemüht: Alle sollen gleich behandelt werden. Weil ein Effekt auch klar ist: In dem Moment, wo es im Sport die ersten wesentlichen Ausnahmen gibt, folgt die Kultur oder umgekehrt. Und wenn die beiden Bereiche Ausnahmen erhalten, dann muss man kein Prophet sein, um antizipieren zu können, dass aus zig anderen Bereichen ebenfalls klare Forderungen laut werden. Im Moment steht, so mein Fazit, das Wirtschaftsleben in unserem Land und das Thema Kindergarten und Schule in der Priorität eindeutig an erster Stelle. Für diese Reihenfolge und für diese Priorisierung bringe ich als Bundesbürger sogar ein gewisses Verständnis auf.

Sportschau: Was erwarten Sie von der Politik? Wie kann sie die Menschen wieder in Bewegung bringen?

Hörmann: Wir erwarten drei Szenarien:
Erstens: Wenn wir schon nicht Sport treiben dürfen, dann hoffen wir sehr auf schnelle, praxisorientierte Hilfe, auch im monetären Sinne. Weil wir andernfalls Sport-Deutschland in wenigen Monaten nicht mehr wiedererkennen werden. Denn die strukturellen Einschläge, die Entwicklungen im Bereich der rückläufigen Mitgliederzahlen, im Bereich des nachlassenden Ehrenamtes und in der knallharten wirtschaftlichen Existenz-Problematik für viele Vereine oder Verbände werden von Woche zu Woche größer. Und da geht es jetzt schlichtweg an vielen Stellen um das nackte Überleben.


Zweitens: Spätestens mit dem aufgehenden Frühjahr - und ich glaube, da geht unser aller Blick jetzt schon auf das Osterfest - müssen wir Schritt für Schritt auf der Basis unserer bestehenden Leitplanken und erarbeiteten Hygienekonzepte in das aktive Sporttreiben einsteigen können.


Drittens: Dann folgt die hoffentlich baldige Rückkehr von Zuschauern in die Hallen oder in die Stadien. Das wird sicher dann nochmal eine Stufe später der Fall sein, wenn das gesamte Thema der Impfaktion mehr und mehr greift. Wenn sich die Rahmenbedingungen hoffentlich in den Sommer hinein dann langsam aber sicher wieder so entwickeln, dass man guten Gewissens zumindest bestimmte prozentuale Grade in den jeweiligen Stadien oder Hallen wieder zulassen kann. Wenn es bis Jahresende 2021 wieder gelingt, in den Zustand vor der Pandemie zurückzukehren, wäre aus unserer Sicht das Jahr 2021 ein gutes Jahr.

Das Gespräch führte Olaf Jansen

Stand: 06.01.2021, 16:25

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