Faszientraining: Turnvater Jahn lässt grüßen

Pamela Dutkiewicz (r.) schwört auf Faszientraining

Für mehr Geschmeidigkeit

Faszientraining: Turnvater Jahn lässt grüßen

Von Jürgen Bröker

Für Pamela Dutkiewicz gehört es einfach dazu. Wenn möglich, baut sie ein "Stretching-Protokoll" in jede Vorbereitung ein. Ganz gleich, ob vor dem Training oder einem Wettkampf. "Dabei geht es darum, das Fasziennetz auf Länge zu bringen", sagt die Hürdensprinterin.

Seit Herbst vergangenen Jahres setzt die Vize-Europameisterin von 2018 ganz gezielt auf das Faszienstretching. Wichtig sei es, alle Körperbereiche einzubeziehen, nichts auszulassen. Sie habe direkt gespürt, dass die Muskelarbeit nach einer solchen Vorbereitung besser funktioniere, erzählt sie. Auch auf der nervalen Ebene bereite das spezielle Stretching ihren Körper besser vor. "Es ist das Signal für meinen Körper: Gleich geht es los", so Dutkiewicz.

Faszientraining liegt im Trend. Im Leistungs- wie im Amateursport gibt es entsprechende Trainingsinhalte. Volkshochschulen und Fitnesscenter bieten entsprechende Kurse an. Um aber zu verstehen, worum es dabei geht, muss man zunächst wissen, was Faszien sind.

Was sind Faszien?

"Etwas vereinfacht gesagt, sind Faszien das, was der Laie früher Bindegewebe genannt hat. Also die Bänder, Sehnen und auch die weißliche Haut um die Muskulatur. Aber auch die festen Hüllen um die Organe bezeichnen wir heute als Faszien", sagt Dr. Robert Schleip. Er zählt zu den Pionieren der modernen Faszienforschung. 2007 war er einer der Initiatoren des ersten Weltkongresses zur Faszienforschung an der Harvard Medical School in Boston.

Von dort aus verbreitete sich der Faszienhype in der Sportwelt. "Man hat die Faszien von da an als zusammenhängendes Netzwerk wahrgenommen, das den Körper durchdringt", sagt Schleip. Das gelte zumindest für die Mainstream-Medizin. Denn in der Osteopathie zum Beispiel waren diese Erkenntnisse nicht ganz neu.

Faszientraining: Hype oder gut für den Körper? Morgenmagazin 22.12.2020 03:46 Min. Verfügbar bis 22.12.2021 Das Erste

Welche Funktion haben Faszien?

Nach dem Kongress in Boston wurden auch spezielle Trainingsformen entwickelt, die auf eine verbesserte Funktion der Faszien abzielten. Diese umhüllen andere Strukturen im Körper und geben ihnen Halt und Schutz. Sie übertragen und speichern außerdem Kräfte, sind daher wichtiger Teil der Bewegungsausführung. Sie versorgen Organe und Muskelgewebe mit Nährstoffen und übertragen Reize, indem sie Informationen empfangen und weiterleiten.

"Daher umfasst ein Faszientraining auch vier wesentliche Element", sagt Schleip. Das Training mit speziellen Rollen erlebt dabei aktuell die größte Aufmerksamkeit. Durch gezieltes Rollen über verklebte Stellen, sollen Verklebungen im Fasziennetzwerk gelöst werden.

Ein junger Mann übt mit einer Faszienrolle.

Ein junger Mann übt mit einer Faszienrolle.

Ein weiterer Bestandteil ist das Stretching über große Zugbahnen. Eine der größten, die große Rücken-Zugbahn, verläuft von der dicken Faszie an der Fußsohle, über das Fersenpolster und die Achillessehne, die Waden hinauf zum Rücken und Nacken bis zum Schädel. Wie man diese Zugbahnen richtig dehnt, kann man sich auch im Tierreich anschauen. Katzen zum Beispiel stretchen ihren Körper über lange Bahnen. Dabei bauen sie zudem eine aktive Muskelspannung auf.

Federnde Bewegung sind sinnvoll

"Ganz wesentlich sind für das Faszientraining aber auch federnde Bewegungen. Die dritte Säule des Trainings", sagt Schleip. Er spricht auch gerne von artgerechter Bewegung. "Faszien funktionieren nach einem einfachen biologischen Prinzip: Use it or lose it", so Schleip weiter. Wer sich nicht ausreichend bewegt, riskiert Verklebungen der Faszien. Die Beweglichkeit wird eingeschränkt und die Versorgung von Muskeln und Organen mit Nährstoffen erschwert.

Hilfreich sind alte Bewegungsformen, die schon zu Turnvater Jahns Zeiten bekannt waren. Damals haben sich die Menschen mit Reifen oder anderen Geräten schwingend und federnd bewegt. Heute weiß man, das ist genau der Reiz, den Faszien benötigen. Auch Springseil-Spiele oder das Hüpfspiel "Himmel und Hölle" sind sehr gute Trainingsformern für das Bindegewebsnetz. Die vierte Säule des Faszientrainings schließlich ist eine bewusste Körperwahrnehnung.

Und was bringt das Training?

In den vergangenen 13 Jahren sind viele Studien zum Thema Faszien veröffentlicht worden. "Die wesentliche Erkenntnis daraus: Mehrheitlich wurde nachgewiesen, dass Faszientraining einen positiven Effekt für die Gelenkbeweglichkeit hat. Aber, ob dieser Effekt besser ist, als bei herkömmlicher Dehnung, ist nicht gesagt", so Schleip.

Der richtige Einsatz der Faszienrolle trägt zu einer besseren Regeneration nach hochdosiertem Sport bei. "Der Muskelkater ist schneller wieder verschwunden", so Schleip. Zudem gebe es Indizien für einen neurologischen Effekt, die aber noch weiter verifiziert werden müssen. Positive Auswirkungen auf die athletische Performance konnten bisher in den Studien aber nicht nachgewiesen werden. "Studien zu Schnell- und Sprungkraft haben bisher keinen nennenswerten Effekt gezeigt", sagt Schleip.

Faszientraining als sinnvolle Ergänzung

Faszientraining ist also eine sinnvolle Ergänzung zum Muskel- und Herzkreislauftraining. So wird es auch in vielen Sportverbänden gesehen. Etwa beim Deutschen Turnerbund (DTB). Das Faszientraining wird dort nicht nur in der Wettkampfnach- oder -vorbereitung eingebaut, sondern es ist ein fester Trainingsbestandteil, teilt der DTB auf Anfrage mit. Auch der Deutsche Fußball setzt auf die positiven Effekte des speziellen Faszientrainings für das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit der DFB-Kicker.

Stand: 22.12.2020, 08:30

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