Boxen mit Zuschauern: Wegweiser für den Sport?

Die Seebühne in Magdeburg im Dunkeln

Grünes Licht der Behörden

Boxen mit Zuschauern: Wegweiser für den Sport?

Von Jens Walbrodt

Während die meisten Sportveranstaltungen zuletzt ohne Zuschauer auskommen mussten, wagt das Profiboxen erste Veranstaltungen mit Besuchern. Der SES-Boxstall hat dank strengen Hygienekonzepten die Genehmigung für 1.000 Zuschauer bei einem Boxabend in Magdeburg bekommen - so viele gab es seit Beginn der Krise nie im Sport in Deutschland. Lichtblicke für eine von Corona stark gebeutelte Sportart.

Man kann nicht behaupten, dass die Corona-Zeit nicht die Kreativität gefördert hätte. Auch im Sport nicht. Bilder und Videos von Sportlern beim improvisierten Training füllten Social Media wochenlang. Auch die Boxer mussten sich etwas einfallen lassen. Garagen und Dachböden wurden zu erstaunlich vollständigen Trainingshallen, Innenhöfe wurden für Ausdauereinheiten genutzt... Irgendwie fit bleiben. Und wenn es gut läuft, ist der Zusatzlohn immerhin noch ein bisschen Aufmerksamkeit. "Gerade am Anfang war es hart. Aber man muss ja das Beste aus der Situation machen", sagt Agit Kabayel dazu. Der Bochumer ist Deutschlands aktuell erfolgreichster Schwergewichtler.

Finanzielle Sorgen und geschlossene Trainings-Gyms

Kampfsportarten wurden von Corona hart getroffen. Vollkontakttraining und Wettkämpfe waren bis vor kurzem utopisch. Training war plötzlich Selbstzweck - und ist es teilweise noch immer. "Ich bin schon in ein richtiges Motivationsloch gefallen", sagt Kabayel. "Aber dann habe ich es positiv gesehen, hatte viel Zeit mit meiner Familie. Das war am Ende auch was Schönes." Ein Optimismus, den nicht jeder Boxer teilen wird. Denn die Geldfrage kam bald zu den sportlichen Aspekten dazu. "Unsere Kämpfer sind im besten Sinne Solo-Selbstständige", sagt Christof Hawerkamp vom SES-Boxstall aus Magdeburg. "Und im Profiboxen gilt nach wie vor die Regel: 'No fight, no money‘. Da geht es dann nicht selten um die Existenz."

Boxen im Autokino – ein Schritt in Richtung Normalität?

"Die Situation für die Boxer ist katastrophal", sagt auch Karim Akkar, der eine Sportmanagement-Agentur in Düsseldorf führt. "Wir mussten dringend einen Weg finden, sie wieder in den Ring zu bekommen". Erste Boxveranstaltungen ohne Zuschauer gab es vor kurzem schon. Akkar verfolgte einen anderen Plan: "Ein Autokino ist die beste Gelegenheit, Zuschauer reinzulassen und die Abstandsregeln einzuhalten. Auch die Stadt Düsseldorf war begeistert."

Stabhochspringer auf der Leinwand des Autokinos in Großaufnahme

"Vorbild" für die Boxer: Stabhochsprung im Düsseldorfer Autokino

Im Düsseldorfer Autokino fanden auch schon Konzerte und ein Show-Event im Stabhochsprung statt. Boxen wird am Samstag (11.07.2020) folgen. "Wir haben Platz für 500 Autos mit jeweils bis zu fünf Insassen und eine ansprechende Fightcard", sagt der Veranstalter. Der in Deutschland bekannteste Boxer, der in Düsseldorf in den Ring steigen wird, ist James Kraft, der für den Universum Boxstall aus Hamburg kämpft.

Bis zu 1.000 Zuschauer am Ring in Magdeburg am 18. Juli

Agit Kabayel in Großaufnahme

Deutschlands aktuell erfolgreichstes Schwergewicht: Agit Kabayel

Für Schwergewichtler Agit Kabayel wird die Situation noch außergewöhnlicher sein. Er ist einer der ersten Sportler in Deutschland, die eine größere Zahl an Fans wieder in direkter Umgebung des Wettkampforts werden wahrnehmen können. 1.000 Besucher können am Samstag, den 18. Juli, am Ring in der Magdeburger Seebühne sitzen. Open Air. Kabayel ist Hauptkämpfer des Abends. "Ich freue mich riesig, dass Zuschauer dabei sein dürfen", sagt Kabayel. "Schon allein, dass meine Familie am Ring sitzt, ist immer eine extra Motivation."

Zuschauer in Zeiten von Corona – ein kniffliges Unterfangen

Bis zur Zusage der Behörden war es allerdings ein ziemlich langer Weg. "Wenn wir eines gelernt haben, dann ist es, dass ein Hygienekonzept von heute schon morgen komplett überholt sein kann", sagt Christof Hawerkamp vom SES-Boxstall, der den Kampfabend in Magdeburg veranstaltet. "Seit März haben wir mit unserer "Task Force" mindestens sieben verschiedene Gesundheits- bzw. Gefährdungskonzepte erarbeitet, die stetig an die neue Lage angepasst werden mussten. Das war ein ungeheurer Aufwand, aber es ist schön, dass wir jetzt das 'Go' von den verantwortlichen Behörden haben."

Der lange Weg aus der Krise

Der SES-Boxstall ist in ein besonders tiefes Corona-Loch gefallen. Mit Dominic Bösel kämpft der aktuell erfolgreichste deutsche Boxprofi für die Magdeburger. Er sollte seinen "Interims"-Weltmeistergürtel des großen Weltverbands WBA im März zum ersten Mal verteidigen – erstmals seit Langen wäre der Kampf im ARD-Fernsehen gezeigt worden. "Für Dominic war der Rückschlag besonders hart. Aber auch für uns insgesamt war es eine schwierige Zeit", sagt Christof Hawerkamp. "2019 war das erfolgreichste Jahr in der Geschichte unseres Boxstalls. In diesem Jahr wollten wir eigentlich groß unser 20-Jähriges Jubiläum feiern, aber man konnte zwischenzeitlich das Gefühl bekommen: Das war alles umsonst." Dass es jetzt wieder Veranstaltungen gibt, sorgt für Aufatmen: "Wir haben für unsere Boxer und unseren Sport gekämpft und hoffen jetzt, dass wir auch dieses Jahr einigermaßen gut bestehen."

Box-Promoter Ulf Steinforth: Bösel-Kampf vielleicht im September Sportschau 08.07.2020 00:48 Min. Verfügbar bis 08.07.2021 Das Erste

Boxen als Vorreiter im Sport in Deutschland?

Doch natürlich wird es auch im Boxen noch dauern, bis wirklich Normalität herrscht. Open-Air-Veranstaltungen, wie jetzt in Magdeburg, sind sonst eher selten. Und eine unverhoffte Änderung der Corona-Lage kann die Situation sofort wieder grundlegend ändern. Doch wenn alles klappt, bekommt Boxen vielleicht auch eine Vorreiterrolle, die der Sportart gut tun könnte. Die Boxer werden für die Aufmerksamkeit dann jedenfalls keine verrückten Trainingsvideos mehr drehen müssen.

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