Wie die Schwemme an WM-Gürteln das Profiboxen entwertet

WBA-Champion Dominic Bösel

Viele Verbände, noch mehr Titel

Wie die Schwemme an WM-Gürteln das Profiboxen entwertet

Von Jens Walbrodt

Dominic Bösel ist der erste deutsche Weltmeister bei einem der großen vier Weltverbände im Profiboxen seit anderthalb Jahren. Doch der Verband WBA führt in Bösels Gewichtsklasse noch zwei weitere WM-Titelträger - und ist damit nicht alleine.

Es sind Momente, für die Boxer leben. Bilder, die auch nach dem Karriereende in Erinnerung bleiben. Boxer, die nach der Urteilsverkündung im Ring stehen. Abgekämpft, aber glücklich, mit einem Champion-Gürtel über der Schulter.

WBA - führend im Erfinden neuer WM-Titel

Dominic Bösel aus Sachsen-Anhalt hat von diesen Bildern schon ein paar gesammelt. Er war Träger von "Intercontinental“-Gürteln bei mehreren großen Verbänden, Europameister beim einzigen bedeutenden europäischen Verband EBU. Jetzt ist er Weltmeister.

Das Foto nach seinem K.o.-Sieg gegen den Schweden Sven Fornling am Samstag (16.11.2019) in Halle zeigt ihn mit gleich zwei Gürteln. Der eine ist die Weltmeistertrophäe des kleinen Verbands IBO. Der andere Gürtel ist ein WM-Titel des bedeutenden Verbands WBA. Ein Gürtel, der im Boxen Gewicht hat. Die WBA ist der älteste der vier bedeutenden Verbände. Doch die WBA ist auch führend bei der Erfindung neuer Weltmeistertitel.  

Boxen: Dominic Bösel nun Weltmeister

Sportschau 19.11.2019 01:58 Min. Verfügbar bis 19.11.2020 Das Erste Von ARD-Reporter Jan Günther

Mehrere Weltmeister bei nur einem Verband

Neben Dominic Bösel gibt es aktuell zwei weitere Weltmeister bei der WBA im Halbschwergewicht. Der eine ist der Russe Dmitry Bivol, der sich "WBA Super Champion“ nennen darf. Der andere heißt Jean Pascal, ist Kanadier und trägt den "regulären" WM-Titel des Verbands. Dazu kommt jetzt Bösel. Er ist der neue "Interims"-Weltmeister. Erst bei der alljährlichen Generalversammlung der WBA Anfang November wurde bekannt, dass der "Interims“-Titel im Halbschwergewicht neu vergeben wird. Bis zum Kampf von Bösel gegen Fornling gab es keinen - zumindest keinen aktuellen.

Der Titel an sich ist keine neue Idee. "Interims“-Titel gibt es in vielen Kampfsportarten. Sie wurden ursprünglich für Zeiträume erdacht, in denen ein Weltmeister seinen Titel unverschuldet nicht verteidigen kann, beispielsweise wegen einer Verletzung.

In dieser Phase tritt der Interimstitelträger an die Stelle des bisherigen Weltmeisters, damit der Verband seinen Verpflichtungen gegenüber Kämpfern in den Ranglisten nachkommen und Titelkämpfe ermöglichen kann. Nach Rückkehr des eigentlichen Titelträgers in den Ring gibt es einen Kampf zwischen beiden Titelträgern. Und schon ist die Weltmeisterfrage wieder geklärt.

WM-Kämpfe: Verbände profitieren von Gebühren

Die Realität im Profiboxen ist seit vielen Jahren eine andere. Die Verbände kassieren beträchtliche Gebühren für Titelkämpfe, für WM-Kämpfe naturgemäß mehr als für kleinere Titel. "Pro WM-Kampf geht es für den Verband im Schnitt um fünfstellige Summen, im Schwergewicht kann es sechsstellig werden. Und je mehr Titelkämpfe angesetzt werden, desto höher sind natürlich die Einnahmen der Verbände", sagt Jean Marcel Nartz, jahrelang der einflussreichste "Matchmaker“ im deutschen Profiboxen.

Box-Insider Jean-Marcel Nartz

Box-Insider Jean-Marcel Nartz

"Matchmaker" suchen Kämpfer aus, stielen die Duelle ein. Nartz hat keine besonders hohe Meinung von den Profi-Boxverbänden. "Die WBA war immer besonders flexibel, was die Titelbestimmungen und die Auslegung der eigenen Richtlinien angeht", sagt Nartz. "Und das ist noch human ausgedrückt."

Charr - Weltmeister, aber auch ein richtiger?

Die Kontroversen darum, wie bedeutend welcher Titel des Boxverbands WBA ist, bekam ein anderer Boxer, der in Deutschland lebt, am eigenen Leib zu spüren. Mahmoud Charr aus Köln (im Ring stand er zum letzten Mal unter dem Namen Manuel Charr), einst Klitschko-Gegner und häufig wegen Vorfällen außerhalb des Boxrings in den Schlagzeilen, wurde 2017 "regulärer" Weltmeister im Schwergewicht bei der WBA. Doch auch Charr war nicht der einzige Titelträger des Verbands. Es gibt auch noch einen "Super Champion". Und immer wieder musste der Kölner mit libanesischen Wurzeln sich verteidigen, ein "echter“ Weltmeister zu sein.

"Franchise"- und "Gold"-Champion - Neue Titel, neue Namen

Doch der Verband setzte im Schwergewicht noch einen drauf. Mittlerweile gibt es zusätzlich wieder einen "Interims“-Weltmeister und einen "Gold"-Champion. Bei der WBA dürfen sich im Schwergewicht vier Boxer Weltmeister nennen.

Auch die anderen großen Weltverbände sind bei der Titelvergabe kreativ. Der Weltverband WBC setzte der Absurdität vor kurzem die Krone auf. Das "World Boxing Council" erdachte den "Franchise"-Weltmeistertitel und verlieh ihn an den Mittelgewichtler Saul "Canelo“ Alvarez - er ist im Moment der bestverdienende Boxer weltweit und auf dem amerikanischen Kontinent ein Megastar.

Boxer Saul 'Canelo' Alvarez trifft den Russen Sergej Kowalew (r.)

Der "Franchise-Titel“ des WBC macht ihn zum Weltmeister, der seinen Titel nicht verteidigen muss, wenn er es nicht will. Dafür ist jetzt jeder Kampf von Alvarez, egal in welcher Gewichtsklasse und um welchen Titel es sonst geht, automatisch ein WM-Kampf. Der größte Star des Boxens trägt also immer automatisch einen WBC-Gürtel in den Ring.

96 Weltmeistertitel in 17 Gewichtsklassen - wer ist jeweils der beste?

Rechnet man alle WM-Titel zusammen, kommt man auf 96 in den 17 Gewichtsklassen des Profiboxens - und zwar nur bei den vier bedeutenden Verbänden. Wer davon wirklich der Beste seiner Gewichtsklasse ist, lässt sich kaum beantworten.

Boxern wie Dominic Bösel oder Mahmoud Charr kann man deswegen keinen Vorwurf machen. Jeder Sportler träumt von einem Titel. Keiner käme auf die Idee, einen Weltmeistertitel, für den viel Zeit und Arbeit investiert wurde, kleinzureden. Und unter Marketinggesichtspunkten sind diese Titel vor allem für die Veranstalter der Kämpfe hilfreich.

Schön für die Boxer, schlecht für Glaubwürdigkeit

Der Kampf zwischen Bösel und Fornling spielte auch international eine Rolle. Er wurde zum Beispiel live vom größten US-Sportsender ESPN übertragen. Und als klar war, dass es in Halle an der Saale auch um den "WBA- Interims-Titel" gehen wird, stiegen andere Medien aus den USA und Lateinamerika in die Berichterstattung ein.  

Dominic Bösel ist aktuell der erfolgreichste deutsche Boxer, auf den Weltmeistertitel hat er lange hingearbeitet. Er hat ihn sich verdient, er ist ein guter Boxer. Doch so schön es für die Sportler ist, einen Gürtel umschnallen zu können - für die Glaubwürdigkeit der Sportart Profiboxen ist die Titelflut nach wie vor eines der größten Probleme.  

Stand: 20.11.2019, 09:55

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