Dritter Todesfall in einem Jahr: Bund deutscher Berufsboxer fordert Konsequenzen

Patrick Day gegen Charles Conwell

Boxer Patrick Day stirbt nach Kampf

Dritter Todesfall in einem Jahr: Bund deutscher Berufsboxer fordert Konsequenzen

Von Niklas Schenk

Der US-Boxer Patrick Day ist vier Tage nach seiner schweren K.o.-Niederlage gegen Landsmann Charles Conwell an seinen Verletzungen gestorben. Es ist bereits der dritte Todesfall eines prominenten Boxers in diesem Jahr. Der Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) fordert Konsequenzen.

Es läuft die 10. Runde: Patrick Day war im Kampf am Samstag (12.10.2019) in der vierten und achten Runde schon einmal zu Boden gegangen, aber nach wenigen Sekunden wieder aufgestanden. Nun erwischt ihn Charles Conwell erneut mit einem rechten Schwinger am Oberkopf. Day wankt durch den Ring, hält sich nur schwer auf den Beinen, Conwell setzt nach und landet einen linken Haken. Day bleibt am Boden liegen, atmet schwer, die Pupillen geweitet. Der Ringrichter bricht den Kampf sofort ab.

Die Szenen sind schwer zu ertragen - erst recht, da der 27-jährige Day vier Tage nach dem Kampf an seinen Kopfverletzungen sterben wird. Es ist bereits der dritte Todesfall im Boxen in diesem Jahr. Im Sommer waren der Russe Maxim Dadaschew und der Argentinier Hugo Alfredo Santillán nach ihren Kämpfen verstorben. Hätten die Todesfälle verhindert werden können - und welche Konsequenzen zieht der Boxsport?

Hätte der Tod von Boxer Day verhindert werden können?

"Das ist eine absolute Horrorshow", sagt Thomas Pütz, seit 2009 Präsident des BDB. Er habe Day persönlich gekannt, der Amerikaner habe den Boxsport geliebt, sei kein Boxer gewesen, den skrupellose Manager dazu drängen mussten, immer wieder zu kämpfen. "Es ist aber schwer zu sagen, ob der Ringrichter oder jemand anderes hier etwas falsch gemacht hat", sagt Pütz. Diese Einschätzung scheint nach Ansicht der Bilder des Kampfes von May nachvollziehbar. Hätte der Ringrichter etwa schon nach dem Niederschlag in Runde 8 abbrechen müssen? Möglicherweise - andererseits steht Day nach wenigen Sekunden wieder auf, lächelt den Ringrichter an, bringt die Deckung problemlos hoch.

Und beim K.o. in Runde 10? Da wird Day schon direkt vor dem finalen Niederschlag getroffen - hier hätte der Ringrichter innerhalb von Sekunden eingreifen können, die Szene ist aber in der hohen Geschwindigkeit schwer einzuschätzen.

Schutzsperren werden nicht eingehalten

"Ein Restrisiko bleibt beim Boxen immer", sagt Pütz. Trotzdem wollen er und seine Kollegen es dabei nicht belassen und fordern Konsequenzen. "Wir müssen die Boxer mehr vor sich selbst schützen", meint Pütz. So fordert der Verband, dass "Brain Scans", also MRT-Untersuchungen des Gehirns nach einem K.o. verpflichtend werden. Das ist in Deutschland, aber nicht in allen Verbänden weltweit so. Außerdem müssten nach schweren Niederschlägen Schutzsperren ausgesprochen und dann auch eingehalten werden.

Hugo Santillán, einer der in diesem Jahr ebenfalls verstorbenen Boxer, hatte Mitte Juni in Hamburg geboxt und im Kampf schwere Treffer kassiert. Der BDB, als Dachverband Veranstalter in Hamburg, verhängte eine Schutzsperre bis zum 30. Juli, also sechs Wochen lang. Santillán kämpfte aber bereits zwei Wochen später in Buenos Aires schon wieder. Bei der Urteilsverkündung verlor er immer wieder das Bewusstsein, brach in der Ecke zusammen und verstarb am nächsten Tag im Krankenhaus.

"Die Ringrichter lassen oft viel zu lange laufen"

Ringarzt Stephan Bock

Ringarzt Stephan Bock

"Nach solchen Sperren kommt oft das Management auf uns als Verband oder als Ärzte zu und sagt, das war doch nicht so schlimm", sagt Stephan Bock, Allgemeinmediziner aus Duisburg und seit mehr als 20 Jahren einer der Verbandsärzte des BDB. Auf die Boxer würde vor allem von Managern immer wieder Druck ausgeübt, trotz Sperren oder gesundheitlicher Bedenken doch anzutreten. "Außerdem müssten wir Ringärzte mehr Einfluss haben, wann ein Kampf abgebrochen wird", findet Bock.

Der Arzt könnte oft nur Druck auf die Ringecke ausüben, das Handtuch zu werfen. Die oberste Instanz sei der Ringrichter, nur dieser könne in den Weltverbänden einen Kampf abbrechen. "Die Ringrichter lassen oft viel zu lange laufen", meint Bock. Er hat früher die Klitschko-Brüder betreut, erinnert sich noch gut an den Kampf von Vitali Klitschko gegen Shannon Briggs. Damals ließ der Ringrichter den Kampf trotz vieler harter Schläge bis zum Ende laufen. Nach dem Kampf musste Briggs ins Krankenhaus. Bock war außer sich, ließ seiner Wut auf der Pressekonferenz nach dem Kampf freien Lauf.

Todesfälle in der Regel erst Tage danach

In der nächsten Woche trifft sich das World Boxing Council (WBC), einer der vier großen Boxverbände, in Mexiko City. Bock und Pütz werden dabei sein. Dann wird wohl auch über die Folgen der Todesserie gesprochen werden. Laut Arzt Bock erleidet nur ein Viertel aller Boxer, die später an ihren Verletzungen sterben, schon im Ring so schwere Gehirnverletzungen, dass sie noch dort kollabieren.

Der Großteil der Todesfälle ereigne sich aber erst Tage nach den Kämpfen, wenn Blutungen in den Hirnhäuten aufträten. "Da kommt es dann etwa zu Komplikationen, wenn der Boxer Tage danach im Flugzeug sitzt und der Hirndruck zunimmt", sagt Bock. "Da muss man nach den Kämpfen schon mehr kontrollieren. Wenn es zu Symptomen wie Übelkeit kommt, müssen die Boxer direkt ins Krankenhaus. Wenn aber ein deutscher Boxer in Amerika boxt und ins Krankenhaus soll, wird das schnell teuer. Dann scheitert die Untersuchung schon am Geld", sagt Bock.

"Drei Todesfälle in einem Jahr sind echt der Horror", sagt Bock. "Wir werden sowieso schon so kritisch gesehen." Bei aller Kritik fordert Präsident Pütz aber: "Wir sollten das Boxen jetzt nicht grundsätzlich in Frage stellen." Für ein paar sehr grundsätzliche Änderungen im Boxen will er trotzdem kämpfen.

Stand: 17.10.2019, 11:40

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