Boxen: WM im Schatten des Skandals

Raman Sharafa

Weltmeisterschaft in Russland

Boxen: WM im Schatten des Skandals

Von Jens Walbrodt

Im russischen Jekaterinburg beginnt die WM im olympischen Boxen der Männer. Doch durch den Ausschluss des olympischen Boxverbands AIBA von den Olympischen Spielen 2020 verliert das Turnier an Bedeutung. Die Athleten können sich nicht für die Spiele in Tokio qualifizieren.

Es waren Sätze, die die Sportwelt bislang noch nicht gehört hatte. Sätze, die eine der traditionsreichsten Sportarten im olympischen Programm nachhaltig verändern werden. Doch Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, wirkte entschlossen, als er die Entscheidung der IOC-Vollversammlung Ende Juni in Lausanne verkündete: Der olympische Boxverband AIBA wird bis auf weiteres von den Olympischen Spielen in Tokio ausgeschlossen.

Die Organisation des olympischen Boxturniers übernimmt das IOC selbst. Zu groß waren die Ungereimtheiten im Boxverband aus Sicht des IOC. Die Vorwürfe reichten von Missmanagement über ein korruptes Punktrichterwesen bis hin zu Verstrickungen des Box-Präsidenten ins organisierte Verbrechen. Alle Bemühungen des Welt-Boxverbands, die Vorwürfe rechtzeitig aus der Welt zu schaffen und die Strukturen im Sinne des IOC zu verändern, halfen nicht. Die AIBA ist bei den Spielen in Tokio nur Zaungast.

Entscheidung mit weitreichenden Folgen

Die AIBA ist nicht nur von den Spielen selbst ausgeschlossen, sondern auch bei der Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 außen vor. Statt bei AIBA-Turnieren qualifizieren sich die Boxer jetzt bei insgesamt fünf Veranstaltungen, die das IOC selbst ausrichtet - für Europäer findet die Qualifikation vom 13. bis zum 23. März 2020 in London statt. Eine weitere Möglichkeit zur Qualifikation für Boxer aus Deutschland wird es bei einem zusätzlichen Turnier für Athleten aus aller Welt im Mai geben.

Was auf den ersten Blick wirkt, wie ein rein organisatorischer Sachverhalt, hat bei genauerem Hinsehen deutliche Auswirkungen für die Sportler. Denn bis zu diesem denkwürdigen Tag bei der IOC-Session in Lausanne war die AIBA-WM 2019 in Jekaterinburg eindeutiger Höhepunkt des Wettkampfjahres im olympischen Boxen. Ein Platz unter den ersten acht bei den Wettkämpfen in Russland - und das Ticket nach Tokio hätte gebucht werden können. Doch nach dem AIBA-Ausschluss durch das IOC drohte die Weltmeisterschaft zu einem ganz normalen, internationalen Turnier zu werden, wie es mehrfach in jedem Jahr an vielen Orten auf der Welt stattfindet. Die Befürchtung: Die Top-Nationen ignorieren die WM oder schicken nur B-Kader-Athleten, um sich auf die Qualifikation für die Spiele in Tokio zu fokussieren.

Olympia 2020 in Tokio - IOC schließt Boxweltverband aus Sportschau 30.06.2019 05:29 Min. Verfügbar bis 30.06.2020 Das Erste

Sportliche Qualität bei der WM ist gegeben

Dieses Szenario ist nicht eingetroffen. "Alle Topnationen haben Athleten für die AIBA-Weltmeisterschaft in Russland gemeldet", sagt Michael Müller, der Sportdirektor des Deutschen Boxsportverbands (DBV) zu sportschau.de. "Deshalb ist die WM für uns ein wichtiger Gradmesser und eine gute Gelegenheit für unsere Athleten, internationale Erfahrung zu sammeln". Die sportliche Qualität bei der WM in Jekaterinburg wird also hoch sein, genau wie bei den Weltmeisterschaften zuvor. Und dennoch ist die WM aus Sicht des DBV vor allem ein Vorbereitungsturnier für das kommende Jahr.

"Mit den Europameisterschaften in Minsk, den Weltmeisterschaften in Jekaterinburg und den Military World Games in Wuhan (China) im Oktober gibt es 2019 drei hochklassige internationale Veranstaltungen. So konnten und können wir jedem unserer Spitzenathleten ermöglichen, sich international zu präsentieren. Diese Erkenntnisse lassen wir dann in das endgültige nationale Auswahlverfahren im Dezember einfließen", sagt Sportdirektor Müller. Dann soll mit Hilfe eines verbandsinternen Turniers entschieden werden, wer für Deutschland an der Olympia-Qualifikation der Boxer im kommenden Jahr teilnehmen darf.

"Pro Gewichtsklasse sollen zwei Athleten für die Qualifikationsturniere nominiert werden", so Müller. Der DBV versucht die ungewohnte Situation mit dem neuen Qualifikationsmodus positiv zu sehen: "Bei den IOC-Turnieren im kommenden Jahr können sich sowohl Männer als auch Frauen beim gleichen Event qualifizieren. Das erleichtert uns die Organisation immens", sagt der Sportdirektor. Bei der AIBA werden die Weltmeisterschaften für Frauen und Männer getrennt, an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeitpunkten durchgeführt. Die AIBA-WM der Damen beginnt in gut einem Monat - ebenfalls in Russland, allerdings nicht in Jekaterinburg, sondern in Ulan Ude.

Neuer Modus bringt organisatorische Vorteile

Da die Bundestrainer an den Olympia-Stützpunkten in Deutschland in der Regel sowohl die Frauen als auch die Männer trainieren, führen diese unterschiedlichen WM-Termine regelmäßig zu Problemen beim Boxsportverband. Und Müller sieht einen weiteren Vorteil des neuen Qualifikationsmodus für die Spiele in Tokio: "Es ist immer ein Risiko, wenn ein Athlet schon ein gutes Jahr im Voraus für die Spiele qualifiziert ist. Verletzt sich der Boxer dann vor den Olympischen Spielen, verfällt das Startrecht beim olympischen Boxturnier ersatzlos. Der Verband darf dann keinen anderen Athleten schicken." Die Termine im Frühjahr seien deshalb eher ein Vorteil für den Verband, so Müller. Es sei genug Zeit für ein faires Auswahlverfahren der Athleten. Und nach der Qualifikation bliebe auch genügend Raum für eine vernünftige Vorbereitung auf die Spiele.

All das klingt aus Sicht des Deutschen Boxsportverbands schlüssig. Doch rational betrachtet ist der Weg für die Athleten zu den Olympischen Spielen länger geworden. Eine erfolgreiche WM verbessert zweifellos die Chancen der Boxer, für Deutschland zu den Olympischen Spielen zu fahren. Doch ist sie, anders als bislang, keine Garantie für die Teilnahme in Tokio. Denn zusätzlich zum veränderten Qualifikationsmodus ist auch die Zahl der Gewichtsklassen der Männer im Vergleich zu den vergangenen olympischen Turnieren reduziert worden - eine Maßnahme, um mehr Frauen als bislang eine Startmöglichkeit beim Turnier in Tokio geben zu können. Diese Annäherung der Teilnehmerzahl bei Männern und Frauen war mehr als überfällig. Bei den vergangenen beiden Olympischen Spielen konnten die Frauen nur in drei Gewichtsklassen antreten, in Tokio werden es immerhin fünf sein. Doch natürlich führt diese Maßnahme auch dazu, dass die Konkurrenz um die Startplätze bei den Männern größer wird. "Es ist ja im Boxen eine alte Regel, dass ein Boxer, der aus einer höheren in eine niedrigere Gewichtsklasse wechselt, dort noch stärker ist. Das müssen wir als Verband beim Auswahlprozess natürlich berücksichtigen", sagt der DBV Sportdirektor.

Sharafa und Co.: Hoffnungsträger des olympischen Boxens

Ein Athlet, der in seiner Gewichtsklasse mit neuer Konkurrenz klar kommen muss, ist Raman Sharafa, einer der konstantesten DBV-Boxer in diesem Jahr. Sharafa boxt im Federgewicht bis 57 kg. Er hat beim deutschen Prestigeturnier, dem "Cologne Boxing World-Cup" Silber und bei den Europameisterschaften in Minsk Bronze geholt. Er ist deshalb auch eine der Medaillenhoffnungen des DBV bei der WM in Jekaterinburg - auch wenn die Auslosung am Sonntag einen schweren Turnierweg für Sharafa ergeben hat. Schon in der zweiten Runde wartet der aktuelle Weltmeister aus Kasachstan auf den Boxer vom Olympiastützpunkt in Heidelberg.

"Raman ist bei den Europameisterschaften in Minsk nur durch Pech im Halbfinale ausgeschieden", sagt DBV-Sportdirektor Müller. "Er musste seinen Halbfinalkampf in Minsk wegen einer Verletzung aufgeben, obwohl er die erste Runde bereits gewonnen hatte". Der Finaleinzug blieb Sharafa verwehrt und er musste sich mit einer Bronzemedaille zufriedengeben. Sharafa hat gute Chancen auf die Teilnahme an der Olympiaqualifikation im kommenden Jahr. Doch auch ein gutes Ergebnis bei der WM in Jekaterinburg wird ihm keine Sicherheit in dieser Frage geben.

"Eine Vorentscheidung, wer in die Olympiaqualifikation gehen darf, ist noch in keiner Gewichtsklasse gefallen", sagt Michael Müller. Sharafa wird sich beim endgültigen Entscheidungsturnier des DBV Ende des Jahres zum Beispiel auch gegen Hamsat Shadalov aus Berlin durchsetzen müssen. Shadalov ist bei den Europameisterschaften in Minsk noch in der Klasse bis 60 kg angetreten, aber für die Chance auf Olympia wird er in die niedrigere Gewichtsklasse wechseln. Und auch er gilt als einer der Hoffnungsträger des Deutschen Boxsportverbands.

Erfolge bei der WM als "Bewerbungsschreiben"

Beim Verband steht also kurz vor der WM alles im Zeichen der Spiele in Tokio - und der Qualifikationsturniere des IOC im kommenden Jahr. Und dennoch gibt es auch für die anstehenden Weltmeisterschaften Zielvorgaben - wenn auch zurückhaltende. "Zwei Medaillen wären schon schön", sagt Müller dazu. Damit würde das unterm Strich enttäuschende Ergebnis der vergangenen AIBA-Weltmeisterschaften 2017 in Hamburg etwas verbessert. Damals gewann Abass Baraou, der mittlerweile zu den Profis gewechselt ist, als einziger deutscher Boxer eine Medaille. Im Weltergewicht bis 69 kg holte er Bronze.

Dass es bei dieser Weltmeisterschaft mehr Medaillen werden, dafür könnten auch Nelvie Tiafack und Ibrahim Bazuev vom Kölner Olympiastützpunkt des Deutschen Boxsport-Verbands sorgen. Tiafack hat wie Raman Sharafa eine Bronzemedaille bei den Europameisterschaften gewonnen und dabei sehr starke Gegner aus Europas Spitze im Superschwergewicht besiegt. Halbschwergewichtler Ibrahim Bazuev ist bei der WM in Hamburg 2017 überraschend Fünfter geworden. Und die Auslosung in Jekaterinburg gestern hat ihm einen durchaus verheißungsvollen Turnierweg beschert. Erst im Viertelfinale käme es zum Duell mit einem Athleten aus der Weltspitze. Auf den Turnierfavoriten aus Kuba träfe Bazuev im Halbfinale.

Sharafa, Bazuev, Tiafack - sie alle sind Hoffnungsträger, des olympischen Boxens in Deutschland. Doch egal wie gut ihre Ergebnisse bei den Weltmeisterschaften in Jekaterinburg auch sein werden - sie sind erstmal nur ein Bewerbungsschreiben, ein Baustein auf dem Weg nach Tokio. Das sind die Folgen des Skandals um den olympischen Boxverband, an dessen Ende der Olympiaauschluss der AIBA stand. Ein Skandal, dessen Schatten deutlich auf den Weltmeisterschaften in Jekaterinburg liegen wird.

Stand: 09.09.2019, 12:19

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