Saul Alvarez - der Geldmeister des Profiboxens

Der Mexikaner und Boxer Saul 'Canelo' Alvarez.

Vor WM-Kampf im Halbschwergewicht

Saul Alvarez - der Geldmeister des Profiboxens

Von Jens Waldbrodt

Saul "Canelo" Alvarez ist der weltweit größte Star des Boxens, doch in Deutschland kennen ihn fast nur Insider. Am Samstag (02.11.2019) kämpft der Mexikaner um einen WM-Titel im Halbschwergewicht - der vierten Gewichtsklasse seiner Karriere.

Es sollte der Abend des Briten Rocky Fielding werden, dieser 15. Dezember 2018. Fielding hatte fünf Monate vorher den regulären Weltmeistertitel des Weltverbands WBA im Supermittelgewicht gewonnen, durch einen technischen K.o.-Sieg gegen Tyron Zeuge aus Berlin. Der "reguläre Gürtel“ ist der unbedeutendere von zwei existierenden Titeln des Weltverbands WBA - aber immerhin. Auf einmal war Fielding auf der Karte der Boxlandschaft fett markiert.

Doch schon nach wenigen Minuten ist von Optimismus nicht mehr viel übrig. Im Madison Square Garden in New York muss Fielding in der dritten Runde schon wieder zu Boden. Der Ringrichter zählt ihn an. Fielding blinzelt, sammelt die Kräfte. Keine zwanzig Sekunden später ist Fielding wieder unten. Dieses Mal zählt der Ringrichter gar nicht erst. Es ist der Blick von Rocky Fielding, der dem Ringrichter keine andere Wahl lässt. Der Blick eines Boxers nach einem Volltreffer auf die Leber. Fielding ist geschlagen, sein Gegenüber war an diesem Tag mindestens eine Nummer zu groß für ihn. Und das, obwohl er seinen Gegner um zwölf Zentimeter überragt, und dieser sonst eine Gewichtsklasse tiefer antritt.

Kampfname "Zimt" - und sehr wertvoll

Der Gegner ist Saul Alvarez, Kampfname "Canelo", das spanische Wort für Zimt. Den Namen hat Alvarez seinen roten Haaren zu verdanken. Gegen Fielding gewinnt er einen Weltmeistertitel in der dritten Gewichtsklasse seiner Karriere: nach dem Halbmittel- und dem Mittelgewicht auch im Supermittelgewicht. Es ist "nur" der reguläre Titel der WBA. Doch das wird er aus Marketinggründen unter den Tisch fallen lassen. Und in der Tat war der Auftritt "Canelos"zu beeindruckend, um ihn kleinzureden.

"Canelo" Alvarez ist Mexikaner. In den USA ist er derzeit der einzige Boxer, der als echter Pay-per-View-Fighter gilt - also als Kämpfer, für den eine breite Masse von Fans bereit ist, tief in die Tasche zu greifen, um seine Kämpfe im Fernsehen zu sehen. Der Sport-Streamingdienst "DAZN", der sich in den USA ganz auf Kampfsport fokussiert, hat "Canelo" im vergangenen Jahr mit einem exklusiven Vertrag ausgestattet. Der Boxer bekommt 365 Millionen Dollar für elf Kämpfe. Rekord.

Star gegen Star

Der 29-Jährige ist Boxprofi, seit er 15 ist. Jetzt bestreitet er seinen 56. Profikampf. Sein Gegner ist der Russe Sergey Kovalev, Titelträger des Weltverbands WBO, im US-Boxen ebenfalls ein Star.

Die Fans elektrisiert das Duell zweier echter Box-Größen. Doch für Alvarez ist der Kampf nicht ohne Risiko. Kovalev boxt im Halbschwergewicht bis 79,38 Kilogramm. Das sind satte sieben Kilo über dem Limit, in dem Alvarez zuletzt standardmäßig boxte. Ein enormer Sprung für einen einzigen Kampf, denn erst im Mai stand der Mexikaner noch im Mittelgewicht im Ring und besiegte den damaligen IBF-Champion Daniel Jacobs.

Eine Frage des Gewichts

"Die meisten Boxer wiegen in der wettkampffreien Zeit ja deutlich mehr, als kurz vor dem Kampf", sagt der Aachener Athletik-Coach Christian Mohr. "Das Gewicht wird dann extra für den Kampf reduziert und vor allem in der letzten Woche vor dem Kampf ‚gemacht‘ – dann in erster Linie durch Entwässerung des Körpers". Christian Mohr ist einer der Top-Trainer in der deutschen Kampfsportszene und Fitnesscoach vieler deutsche Top- Boxer.

Tatsächlich soll Alvarez in der Zeit, in der er nicht auf einen Kampf hinarbeitet, etwa 80 Kilo wiegen - und wäre damit schon sehr nah am für Ihn neuen Wettkampf-Limit. "Vielleicht ist es sogar ganz gut für "Canelo", in diese Gewichtsklasse zu wechseln", sagt Fitness-Coach Mohr. "Denn der ‚Weight Cut‘, also das Hinarbeiten auf die Gewichtsklasse, ist kräftezehrend und belastend für die Boxer - und obendrein richtig ungesund. Wenn Alvarez sich das sparen kann, kann das sogar ein Vorteil sein".

Und trotzdem bleiben Zweifel - auch wegen seiner Körpergröße. "Ein Gewicht von etwa 80 Kilo bei einer Körpergröße von 1,73 Metern zu erreichen, und trotzdem athletisch zu sein, ist mit natürlichen Mitteln möglich", sagt Mohr. "Aber der Muskulatur-Aufbau dauert normalerweise deutlich länger als fünf oder sechs Monate".

"Facettenreicher Sport"

Allerdings habe Alvarez ja auch schon Erfahrungen oberhalb seiner aktuellen Standardklasse gesammelt, sagt der Coach. "Er hat ja vor nicht allzu langer Zeit schon im Supermittelgewicht geboxt. Und dann ist der Sprung zu den Halbschweren gar nicht mehr so groß".

Saul 'Canelo' Alvarez (r.) im Boxkampf gegen Amir Khan (l.)

Allerdings: "Boxen ist ein unglaublich facettenreicher Sport in der Beanspruchung des Körpers", sagt der Athletiktrainer. "Der Mix aus Ausdauer, Beweglichkeit, Explosivität und Kraft ist sehr komplex. Da muss man in der Weltspitze schon sehr, sehr gut austrainiert sein, vor allem wenn man sein Gewicht steigert".

Nach Dopingverdacht boxen Zweifel mit

Alvarez' Geschichte wirft an dieser Stelle durchaus Fragen auf. Denn vor knapp zwei Jahren hat die Bilderbuch-Karriere einen Dämpfer bekommen: Dopingverdacht. Alvarez für 6 Monate gesperrt. Der damalige Befund: positiver Test auf Clenbuterol. Ein Stoff, der häufig in der Kälbermast verwendet wird, der aber auch als Dopingmittel dienen kann. Er sorgt dafür, dass der Körper schnell fettfreie Muskelmasse aufbaut. Alvarez und sein Team schoben den positiven Test damals auf kontaminiertes Rindfleisch – das es in Mexiko und Südamerika durchaus häufig gibt. Und trotzdem: Seit diesem Vorfall boxt auch beim mexikanischen Superstar der Zweifel mit.

Seiner Popularität hat all das keinen Abbruch getan. Nur einige Monate nach seiner Sperre unterschrieb "Canelo" seinen Mega-Vertrag. Im Ring stellt er immer wieder unter Beweis, dass er diesen Status durchaus verdient hat.

Starke Konter

In der Halb- und Nahdistanz ist der Mexikaner herausragend. Seine Beweglichkeit im Oberkörper, sein gutes Auge und seine Explosivität machen ihn zu einem der stärksten Konterboxer der Welt. Und vor allem seine Punches zum Körper sind gefürchtet. In diesem Punkt ist aktuell wohl kein anderer Kämpfer besser.

Dazu kommen seine Vita und sein Kampfrekord. Kein Boxer in der Weltspitze hat so viele Kämpfe bestritten und gegen so viele Top-Gegner geboxt. Verloren hat er dabei nur ein Mal, gegen den sich im Ruhestand befindlichen Weltstar Floyd Mayweather jr.

Und dennoch: Der Wechsel ins Halbschwergewicht könnte Alvarez an seine Grenzen führen. Sergey Kovalev kann mit seiner Schlaghärte noch immer jeden Kampf für sich entscheiden. Für alle Boxfans ist der Kampf in jedem Fall reizvoll.

Stand: 01.11.2019, 11:24

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