Was wird aus dem olympischen Boxturnier?

Kristina Tkacheva (r.), Sennur Demir

Entscheidung über Ausrichter

Was wird aus dem olympischen Boxturnier?

Es geht um Schurken, Schulden und Scheinvorwürfe. Vieles ist offen. Fest steht nur: Bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio wird geboxt werden.

Wer das Turnier aber ausrichtet, wer die weltweite Qualifikation in den Monaten zuvor organisiert - das steht in den Sternen. Bisher war das immer der Boxweltverband AIBA. Den hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) aber seit Monaten auf dem Kieker und droht, eine andere Einrichtung damit zu beauftragen. Schließlich sei es "keine Raketenwissenschaft", ein Olympia-Turnier zu organisieren, befand IOC-Präsident Thomas Bach.

Käme es tatsächlich so, wäre das wohl nicht nur eine vorübergehende Strafmaßnahme, sondern das Ende der AIBA. Am Mittwoch (22.05.2019) will eine IOC-Untersuchungskommission unter Führung des Ringerweltverbands-Präsidenten Nenad Lalovic aus Serbien die Ergebnisse in Lausanne vorstellen und den Daumen heben oder senken. Die AIBA ist bis zum Bersten gespannt und befürchtet nichts Gutes.

Bach fordert radikale Wende

Am Montag hatte sich die AIBA-Spitze mit der Kommission getroffen, um Streitpunkte zu diskutieren. "Wir haben alles in unserer Macht Stehende getan, um mit dem IOC und all unseren olympischen Partnern zusammenzuarbeiten. Wir bleiben optimistisch in Bezug auf die Zukunft des olympischen Boxens und die Fähigkeit der AIBA, diesen großartigen Sport zu sichern", sagte Interimspräsident Mohamed Moustahsane danach.

Bach fordert eine radikale Kehrtwende des Verbandes, der bei olympischen Turnieren regelmäßig mit Fehlurteilen für Aufruhr sorgte. Wenn ihr euch nicht ändert, seid ihr raus, lautet die Drohung. "Wir haben anderthalb Jahre lang reformiert, und ich denke, wir sind in der besten Position", entgegnete AIBA-Exekutivdirektor Tom Virgets.

Neuer Präsident

Der umstrittene Präsident Gafur Rachimow, der laut US-Finanzministerium in kriminelle Machenschaften verstrickt sein soll, - was der Usbeke bestreitet -, hat seinen Stuhl geräumt. Seither steht der marokkanische Arzt Moustahsane an der Spitze. Zudem wurden das Kampfrichtersystem reformiert, die Doping-Richtlinien umgesetzt, die Statuten verändert, die Geschäftsstelle verschlankt.

Vor eineinhalb Jahren stand die AIBA vor der Insolvenz. 40 Millionen Dollar Schulden lasteten auf dem Verband. Der schaffte es, die Forderungen von zwei Gläubigern in Sponsorverträge umzuwandeln. Seither schrumpfte der Schuldenberg auf 16 Millionen Dollar. "Der Verband hat seine Einnahmen verbessert, kann wieder ohne fremde Hilfe existieren", lobte Jürgen Kyas, Präsident des Deutschen Boxsport-Verbandes (DBV), die Gesundung der AIBA.

Russe Kremlew bietet Geldspritze an

Die restlichen Außenstände will Umar Kremlew vom russischen Boxverband übernehmen. Sein Kalkül ist es, später auf den Stuhl des Präsidenten zu rücken. Doch die AIBA kann sich für diese Variante nicht erwärmen. Als Geldgeber wird der russische Staat vermutet.

Wandel des Verbandes

Die AIBA hat sich gewandelt. Was verblüfft, sind weiterhin hartnäckige Drohungen des IOC. Geradezu merkwürdig: Was das IOC von anderen fordert, ist es nicht bereit, im eigenen Haus durchzusetzen. Der frühere AIBA-Präsident Wu Ching-Kuo, der den Verband mit größenwahnsinnigen Eskapaden ins finanzielle Desaster stürzte und daraufhin 2017 von der AIBA entmachtet und mit Schimpf und Schande davongejagt wurde, ist weiterhin IOC-Mitglied. Nicht nur der Boxverband fragt: Wie kann das sein?

Nicht wenige sehen den Taiwaner Wu als Einflüsterer Bachs. Ein nationaler Verband aus dem AIBA-Gefüge soll sich heimlich als Olympia-Ausrichter angeboten haben und im IOC auf Gegenliebe gestoßen sein. Vermutet wird Wu als Strippenzieher. In diesem Geflecht aus Wahrheiten und Gerüchten ist schwer zu identifizieren: Wer ist Schurke und wer Ehrenmann?

dpa | Stand: 22.05.2019, 07:00

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