Profiboxer Vincent Feigenbutz: die zweite Chance

Boxprofi Vincent Feigenbutz im Kampf

Kampf in den USA um den IBF-Titel

Profiboxer Vincent Feigenbutz: die zweite Chance

Von Jens Walbrodt

Der Karlsruher Vincent Feigenbutz wurde als Teenager zum Hoffnungsträger des nach Nachwuchs lechzenden deutschen Profiboxens erkoren. Ein umstrittenes Ring-Interview und eine Niederlage im wichtigsten Fight seiner Karriere warfen ihn im Ansehen bei vielen Fans zurück. Jetzt hat er die Chance auf die Rückkehr ins Rampenlicht. Er kämpft in den USA zum ersten Mal um einen der vier wichtigsten WM-Titel im Super-Mittelgewicht.

Es ist eine alte Diskussion unter Sportlern und Fans: Ist eine gute Amateurausbildung wichtig für eine erfolgreiche Karriere als Profiboxer? Wann sollte ein guter Amateur zu den Profis wechseln? Vincent Feigenbutz aus Karlsruhe hatte keine Amateurlaufbahn. Er stieg in den Ring und wurde Profi. Im Dezember 2011, mit 16. Feigenbutz hatte etwas, das im Profiboxen in Deutschland eine Ausnahme war: unbändige Schlagkraft. Reihenweise schlug der Teenager seine Gegner zu Boden. Ungestüm, nie wirklich lehrbuchkonform - doch kaum ein Gegner hatte eine Chance.

Feigenbutz wurde mit Mike Tyson verglichen

Im Laufe der Zeit wurde Feigenbutz der "K.o.-Prinz". Ein spektakuläres Versprechen an die Zukunft. Es war die bisher letzte Hochphase des Profiboxens in Deutschland. Doch die sportliche Qualität war dabei immer häufiger überschaubar geworden. Kämpfer wie Marco Huck oder Arthur Abraham brachten es durch starke Physis und großen Willen - aber auch durch geschickte Vermarktung und Gegnerauswahl zu Weltmeisterehren und waren große Stars.

Aus dem Amateurlager kamen schon länger keine neuen Henry Maskes, Sven Ottkes oder Felix Sturms mehr. Also erfolgreiche Athleten, die ihr Potential auch schnell bei den Profis unter Beweis stellten. Vincent Feigenbutz wurde dagegen wegen seines kompromisslosen Stils von manchem mit dem jungen Mike Tyson verglichen. Warum sollte er nicht auch ohne Amateurerfahrung zum nächsten Star des Boxens in Deutschland werden? Neue Idole wurden dringend gebraucht, und bei Marco Huck hatte das beispielsweise ja auch geklappt.

Feigenbutz glaubt an Sieg

Sportschau 14.02.2020 02:20 Min. Verfügbar bis 14.02.2021 ARD Von Jonas Keinert

Doch viele Fans hatten schon begonnen, sich vom Profiboxen abzuwenden. Zu oft wurden Kämpfe und Kämpfer größer gemacht als sie waren. Dazu kamen Dopingfälle und immer mehr Titel in einem immer unübersichtlicheren Geschäft. Als Feigenbutz zum ersten Mal um einen größeren Titel boxte, war das Boxen selbst in Deutschland schon auf dem Weg in Richtung Randsportart.

Niederlage und Titelverlust: die große Ernüchterung

Vincent Feigenbutz und Manager Gottwald stehen Arm in Arm am Boxring

Vincent Feigenbutz mit seinem Manager Rainer Gottwald

Feigenbutz gewann den Interims-Weltmeistertitel im Super-Mittelgewicht des wichtigen Verbands WBA - mit 19. Kein deutscher Profiboxer hatte so jung schon einen vergleichbaren Titel gewonnen. Doch die erste Titelverteidigung wurde zum vorläufigen Wendepunkt von Feigenbutz‘ Karriere. Er gewann gegen den Italiener Giovanni de Carolis in Karlsruhe nach Punkten. Aber nicht wenige hielten das Urteil für einen Skandal. Feigenbutz war schon in Runde eins am Boden, der Italiener bestimmte in den Augen der meisten Zuschauer den Kampf. Und trotzdem entschieden die Punktrichter knapp für Feigenbutz.

Zusätzlich Öl ins Feuer gegossen

Das Urteil allein lieferte Gesprächsstoff genug. Doch der Karlsruher goss mit einem Emotionsausbruch im Ring-Interview, bei dem er ausfallend wurde, zusätzlich Öl ins Feuer. "Wir haben den Kampf noch zwei Mal von internationalen Referee-Teams nachpunkten lassen, um weitere Meinungen dazu zu bekommen. Beide Male fiel das Urteil knapp für Vince aus", sagt Feigenbutz‘ Manager Rainer Gottwald heute: "Und nach dem Kampf wurden wir im Ring auch noch beleidigt. Dass ein so junger Kerl dann seine Emotionen nicht immer kontrollieren kann, ist doch verständlich."

Fans wenden sich ab

Viele Boxfans in Deutschland sahen das damals anders. An jenem Abend wendeten sich viele Fans von Feigenbutz und auch vom Profiboxen generell, ab. Eine klare K.o.-Niederlage im Rückkampf gegen den Italiener, dieses Mal ging es um den noch bedeutenderen "regulären" Titel der WBA, tat ihr Übriges dazu. Vincent Feigenbutz verschwand vorerst von der großen Bühne. Und das gesamte Profiboxen in Deutschland tat es ihm nach und nach gleich.

Neue Trainer, neuer Anfang

Feigenbutz war damals gerade 20 Jahre alt. Doch es fühlte sich von außen betrachtet an, als sei seine Zeit bereits wieder vorbei. Die beiden Kämpfe gegen De Carolis hatten klar gezeigt: Die boxerischen Defizite waren zu groß, ein Platz in der Weltspitze schien utopisch. "Das habe ich damals auch selbst gefühlt", sagt Feigenbutz: "Ich war immer fit und ich bin ein Kämpfer. Aber die Boxschule hat mir im Rückblick natürlich gefehlt."

Das Feigenbutz-Lager ging einen ungewöhnlichen Weg: Ein gutes Jahr nach der Niederlage gegen De Carolis begann eine Zusammenarbeit mit dem Deutschen Boxsport-Verband, also mit den Amateuren. Erst Valentin Silaghi und dann Zsoltan Lunka arbeiteten als Feigenbutz‘ Trainer. Beide waren zeitgleich auch Trainer am Olympiastützpunkt Heidelberg. Eine solche Kooperation zwischen Profis und Amateuren gab es in Deutschland noch nie.

Profis und Amateure gemeinsam - ein echtes Novum

Vincent Feigenbutz umarmt seinen Trainer im Ring

Erfolgreiche Kooperation: Vincent Feigenbutz mit DBV-Trainer Zsolt Lunka

Eingestielt hatte die Zusammenarbeit Feigenbutz‘ Manager, Rainer Gottwald. "Amateure und Profis arbeiten in Deutschland immer noch zu oft gegeneinander", sagt er: "England ist beispielsweise deshalb eine der erfolgreichsten Boxnationen der Welt, weil Profis und Olympiakader eng verzahnt sind. Das war der Hauptgrund für unsere Kooperation mit dem DBV. Aber natürlich hat auch Vincent sehr davon profitiert."

Feigenbutz verbesserte seine boxerischen Grundfertigkeiten deutlich. Seine Deckung, seine Beinarbeit, seine Führhand - der Feigenbutz von 2020 ist ein anderer als der, der sich 2016 von der großen Bühne verabschiedet hat. Wurde er damals zu schnell zu groß gemacht? Hätte er mehr Zeit gebraucht, um die Erwartungen erfüllen zu können? "Wenn du die Chance bekommst, um einen großen Titel zu boxen, dann musst du sie wahrnehmen", sagt Feigenbutz heute: "Und ich denke, es gehört zum Sport dazu, mal einen Kampf zu verlieren. Im Fußball oder Handball verliert immer ein Team und danach geht’s trotzdem weiter. Nur im Boxen reden bei einer Niederlage gleich alle vom Karriere-Ende. Aber, na klar, ein paar Jahre Amateurerfahrung hätten die Sache damals sicher erleichtert."

Außenseiter gegen Plant

Vincent Feigenbutz neben dem Kampf-Plakat vor dem WM-Fight gegen Caleb Plant

WM-Chance in den USA: Vincent Feigenbutz neben dem Kampfplakat

Aus heutiger Sicht ist Vincent Feigenbutz‘ Geschichte auch eine Mahnung an die Branche. Amateurausbildung und Erfahrung haben bei der Entwicklung neuer Kämpfer zuletzt wieder einen höheren Stellenwert bekommen. Die aktuell aussichtsreichsten Nachwuchsboxer in der deutschen Profilandschaft waren bis auf wenige Ausnahmen auch als Amateure international erfolgreich - oder zumindest in der Spitze Deutschlands. Und die, die es ohne eine solche Laufbahn versuchen oder schon sehr jung ins Profilager wechseln, werden meist zurückhaltend an größere Aufgaben herangeführt - allerdings auch in einer Sportart, die aktuell eher wenig Aufmerksamkeit bekommt.  

Vielleicht kann ausgerechnet Vincent Feigenbutz das ändern. Nahezu unbemerkt von der breiten Masse hat er sich die Chance auf einen WM-Kampf beim großen Weltverband IBF erarbeitet. Einen vergleichbar wichtigen Titel trug in Deutschland seit Felix Sturm 2016 niemand mehr. Feigenbutz‘ Gegner ist am Samstagabend (Ortszeit, 15.02.2020) Caleb Plant aus Nashville, USA. Plant ist aktueller IBF-Champ im Super-Mittelgewicht und haushoher Favorit. Der Kampf steigt dazu in Plants Heimatstadt. Und wenn Kämpfer aus dem Ausland gegen Lokalmatadore in den USA antreten, bleibt ihnen meistens nur eine einzige Siegchance: ein Knockout.

Die zweite Chance: Feigenbutz als neues Zugpferd?

Axel Schulz und Felix Sturm können ein Lied davon singen. Beide verloren klar dominierte WM-Kämpfe gegen große US-Stars umstritten nach Punkten. Daraus ergibt sich jedoch die Minichance für Vincent Feigenbutz: K.o.-Siege kann er. Das hat er oft genug bewiesen. Doch es wird auch auf die Fähigkeiten ankommen, die er sich in den vergangenen Jahren mit den Trainern des Amateurboxverbands angeeignet hat. Die Beinarbeit, die Deckung, die Führhand - die Basics, auf die Feigenbutz jetzt zurückgreifen kann.

Ob es damit wirklich für die Weltspitze reicht, muss der Karlsruher erst zeigen. Doch vielleicht bekommt er auch die zweite Chance bei den Boxfans in Deutschland. Vincent Feigenbutz wirkt so, als wäre er bereit fürs Rampenlicht. Jetzt. Mit 24.

Stand: 14.02.2020, 08:00

Darstellung: