Boxen - die Rückkehr des Schwergewichts

Andy Ruiz kurz nach seinem Niederschlag gegen Anthony Joshua

Rückkampf im Schwergewicht: Andy Ruiz vs. Anthony Joshua

Boxen - die Rückkehr des Schwergewichts

Von Jens Walbrodt

Es war die größte Sensation im Profiboxen seit fast 20 Jahren: Der Mexikaner Andy Ruiz Jr. besiegte im Juni den ungeschlagenen Mehrfach-Weltmeister Anthony Joshua durch technischen K.o. in der siebten Runde und katapultierte sich über Nacht ins Rampenlicht. Dabei war er eigentlich nur als Ersatzgegner eingesprungen. Am Samstag (07.12.2019) kommt es zum Rückkampf.  

Auf einmal war das Schwergewicht zurück. Plötzlich und unerwartet. Sonntag, 2. Juni 2019. Boxen war schon lange nur noch ein Thema für echte Fans. Doch an diesem Tag war das anders. Zu unglaublich waren die Bilder, die einem auf Smartphones unter die Nase gehalten, über Chats zugeschickt und über Social Media geteilt wurden.

Der Weltmeister mit der unsportlichen Figur

Hatte dieser kleine, dicke Typ in der Nacht zuvor tatsächlich den riesigen, austrainierten Modellathleten besiegt? Ja, er hatte. Und für zwei Tage war Boxen wieder ein Thema für alle.

Eine Sensation war der Sieg vor allem deshalb, weil die Bilder so skurril sind. Andy Ruiz ist äußerlich nicht im Ansatz das, was die meisten Menschen unter einem Box-Weltmeister verstehen. Er wirkt eher wie ein gemütlicher Büroangestellter, für den sich Sport ausschließlich auf dem Bildschirm vor ihm abspielt. Sein Gegenüber, Anthony Joshua, ist das komplette Gegenteil: hünenhaft-groß, bis in die letzte Muskelfaser austrainiert, der Inbegriff eines Modellathleten. Wie konnte er nur verlieren?

Joshua vs. Ruiz - Rückkehr des Schwergewichts im Boxen

Sportschau 06.12.2019 02:38 Min. Verfügbar bis 06.12.2020 Das Erste

Anthony Joshua – Topstar mit Fragezeichen

Anthony Joshua sitzt auf der Ringkante

Der Posterboy des Schwergewichts: Anthony Joshua

Joshuas große Karriere begann mit dem Gewinn der Goldmedaille bei den olympischen Spielen 2012 in London. Kurz darauf gab Promoter Eddie Hearn dem Sohn nigerianischer Einwanderer einen Profivertrag und verpasste ihm ein massentaugliches Image: der Boxer, den jeder problemlos als Schwiegersohn akzeptieren würde. Keine negativen Schlagzeilen, keine Bad-Boy-Attitüde – ein echter Vorzeigesportler.

Als solcher schien Joshua unaufhaltsam, wurde Weltmeister und besiegte 2017 Wladimir Klitschko vor 90.000 Zuschauern im Wembleystadion. Viele waren sich sicher: Joshua würde das, was Wladimir Klitschko über viele Jahre gewesen war: das Maß aller Dinge im Schwergewicht. Doch, an die Leistung aus dem Kampf gegen Klitschko kam er bis heute nicht mehr heran.

Zwar siegte Joshua weiter, auch gegen namhafte Gegner. Er holte sich sogar den dritten von vier bedeutenden Weltmeister- Gürteln. Doch seine sportliche Entwicklung stagnierte. Immer wieder offenbarte er deutliche Schwächen in der Defensive und wirkte ideenlos, eindimensional, leicht auszurechnen. Doch keiner seiner Gegner schaffte es, diese Schwachstellen auszunutzen. Bis Andy Ruiz Jr. kam.

Die real gewordene Underdog-Story

Dabei sorgte vor allem eine Reihe von Zufällen dafür, dass Ruiz überhaupt an diesem Abend im Ring des Madison Square Gardens stand. Promoter Eddie Hearn wollte seine "Cash-Cow" aus der Heimat, den dreifachen Weltmeister Joshua, endlich auch zum Star in den USA machen. Doch der Gegner für Joshuas ersten US-Kampf wurde knapp fünf Wochen vor dem Fight plötzlich gesperrt: Doping. Der Kampf vor dem Aus. Ein Ersatzgegner musste her - und Ruiz stand plötzlich vor der Chance seines Lebens.

Dieses Leben ist geprägt von der Rolle als Underdog. Aufgewachsen ist Andy Ruiz Jr. in einfachen Verhältnissen in Kalifornien, direkt an der Grenze zu Mexiko. Immer schon hatte er die Veranlagung, fülliger zu sein, als die meisten anderen Menschen. Doch er war auch schon immer ein talentierter Boxer. Als Jugendlicher schaffte er es zum mexikanischen Jugendmeister und in den Nationalkader.

Als Profi bestritt er schon vor seinem Durchbruch im Juni 2019 einen WM-Kampf. Er verlor ihn knapp und umstritten nach Punkten. Trotzdem wurde er als Boxer nie richtig ernst genommen. "Ich bin mein Leben lang unterschätzt worden", sagte er vor dem ersten Kampf gegen Joshua. "Ich weiß, dass ich ihn schlagen kann, auch wenn mir keiner glaubt!" Seit Juni unterschätzt ihn keiner mehr.

Box-WM - Ruiz und Joshua im Vergleich Sportschau 04.12.2019 01:07 Min. Verfügbar bis 04.12.2020 Das Erste

Direkter Rückkampf oder nicht?

Promoter Eddie Hearn in Großaufnahme

Promoter Eddie Hearn

Das Team von Joshua brauchte nach dem verlorenen Kampf ein paar Tage, um sich zu sammeln. Der Ex-Champ wirkte schwer angeschlagen. Nicht wenige Experten rieten von einem direkten Rückkampf ab. Doch am Ende setzte sich der Geschäftssinn des britischen Promoters durch. Eddie Hearn hatte natürlich mitbekommen, welche Wellen der Kampf seines Schützlings schlug. Andere Wellen, als von ihm geplant - doch Hearn entschied sich, die Aufmerksamkeit zu Geld zu machen.

Spektakel mit fragwürdigem Rahmen

Der Rückkampf wurde vereinbart. Die Wahl fiel auf Saudi Arabien als Austragungsort - damit kein Kämpfer einen Heimvorteil hat, sagt Hearn. Kritik wegen fragwürdiger Menschenrechte oder Umweltbelastung durch eine nur für diesen einen Kampf errichtete Arena ließ der Promoter an sich abperlen. Die Parallelen zu den großen Kämpfen der Siebziger Jahre sind dabei kein Zufall. "Rumble in the Jungle" in Zaire (heute DR Kongo), "Thrilla in Manila" auf den Philippinen: Ali gegen Foreman, Ali gegen Frazier.

Dass die Fights aus finanziellen Gründen in Staaten mit sehr fragwürdigen Regimen stattfanden, ist heute vergessen. Die Kämpfe dagegen sind Mythos. Auch der Kampf in Saudi Arabien bekommt einen Namen: "Clash On The Dunes". Schlacht in den Dünen. Die Botschaft ist klar: Dieser Kampf ist so bedeutend wie die Fights, von denen Eure Eltern Euch erzählt haben. Diese Marketingstrategie geht auf. Lange war die Aufmerksamkeit für einen Boxkampf weltweit nicht mehr so groß.

Kann das Schwergewicht insgesamt profitieren?

Andy Ruiz mit seinen Weltmeistergürteln vor dem zweiten Kampf mit Anthony Joshua

Andy Ruiz mit seinen Weltmeistergürteln

Diese Aufmerksamkeit könnte der gesamten Gewichtsklasse helfen. Das Schwergewicht ist momentan so stark besetzt, wie lange nicht. Die Zeit der phasenweise fast quälenden Dominanz von Wladimir Klitschko ohne wirklich ernst zu nehmenden Herausforderer ist vorbei. Es gibt in der Weltspitze mehrere spannende Charaktere mit ganz unterschiedlichen sportlichen Qualitäten: Der "Bad Boy" Deontay Wilder, WBC-Weltmeister und vielleicht härtester Puncher in der Geschichte des Boxens; der ziemlich verrückte, unorthodox und unvorhersehbar kämpfende Brite Tyson Fury. Der technisch unglaublich saubere und boxerisch nahezu komplette Doppel-Olympiasieger aus der Ukraine, Oleksandr Usyk. Dazu Joshua und Ruiz und einige aussichtsreiche Talente in der zweiten Reihe.

Vielleicht wird man irgendwann sagen: Der "Clash On The Dunes" war Teil einer der besten Phasen in der Geschichte des Schwergewichts. Die Voraussetzungen dafür, dass die Gewichtsklasse für längere Zeit im Glanz vergangener Tage erstrahlt, sind gut. Doch um sie überhaupt zurück ins weltweite Rampenlicht zu holen, musste erst ein kleiner, untersetzter Mexikaner kommen.

Stand: 06.12.2019, 09:00

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