Kampf gegen Doping im Boxen: Wirkungstreffer?

Felix Sturm

Der Prozess gegen Felix Sturm und die Folgen

Kampf gegen Doping im Boxen: Wirkungstreffer?

Von Jens Walbrodt

Der ehemalige Box-Weltmeister Felix Sturm soll in seinem letzten Kampf gedopt gewesen sein und wurde deshalb wegen Körperverletzung zu einer Haftstrafe verurteilt - als erster Sportler überhaupt. Sturm beteuert weiter seine Unschuld. Seine Anwälte haben Revision eingelegt. Für das Profiboxen selbst ist das Urteil Bedrohung und Chance zugleich.

Er war noch nicht am Ende. Felix Sturm. Der überragende Techniker. Der Ästhet. Der Erfolgreiche. Er wollte den WM-Titel zum fünften Mal in seiner Karriere. Er war immer zurückgekommen. Und das sollte auch dieses Mal so sein, im Rückkampf gegen den Russen Fedor Chudinov. Sturm gewann im Februar 2016 in Oberhausen. Er holte sich den Titel des Weltverbands WBA im Supermittelgewicht zurück...

Doch dieses Mal sollte er ihn nicht lange behalten. Felix Sturm legte den Gürtel überraschend nieder - wegen einer Verletzung, wie er sagte. Weil er den Gürtel der WBA deshalb nicht, wie vom Verband gefordert, hätte verteidigen können. Doch Sturm war nach dem Kampf gegen Chudinov auch positiv getestet worden. Stanozolol. Ein Steroid. Es wurde gemutmaßt, dass Titelniederlegung und Dopingprobe miteinander im Zusammenhang stehen könnten. Sturm streitet das ab.

Felix Sturm wurde wegen Körperverletzung verurteilt

Sportschau 08.05.2020 02:38 Min. Verfügbar bis 08.05.2021 ARD Von Jens Walbrodt

Er beteuert nach wie vor, nicht wissentlich gedopt zu haben, sagte das auch nochmal vor Gericht. Fest steht: Sturm trug keinen Titel mehr. Der Weltverband WBA eröffnete keine Doping-Untersuchung gegen Sturm. Und auch der deutsche Profiverband BDB (Bund Deutscher Berufsboxer) ließ die Sache auf sich beruhen. In den meisten anderen Sportarten wäre eine nähere Erörterung des Falls zwingend gewesen. Doch was Doping angeht, ist das Boxen nicht wie die meisten anderen Sportarten.

Dopingbekämpfung im Profiboxen ohne die "WADA"

Die Profiboxverbände richten sich nicht nach den Richtlinien der WADA (Welt-Anti-Doping-Agentur). Es wäre dennoch nicht korrekt, zu sagen, die Verbände würden nichts gegen Doping tun. Vor allem die großen Weltverbände haben in den vergangenen Jahren deutlich in Sachen Dopingbekämpfung zugelegt. Nicht nur rund um Titelkämpfe sind die Kontrollen intensiviert worden. Und die Kontrollen werden von seriösen, wenn auch oft privat organisierten, Instituten durchgeführt. Warum dann also nicht direkt in Zusammenarbeit mit der WADA?

 Saul 'Canelo' Alvarez.

Topstar in den USA: Der Mexikaner 'Canelo' Alvarez.

Ein Beispiel aus den USA und Mexiko: Saul "Canelo" Alvarez ist Mexikaner und in den USA aktuell der größte Star im Profiboxen. Anfang 2018 wurde er positiv getestet - auf das Dopingmittel Clenbuterol, das auch in der Kälbermast eingesetzt wird. Der mexikanische Topstar schob es auf verseuchtes Fleisch, das es in Mexiko immer wieder gibt. Doch gerade deshalb sagten seine Kritiker: Mexikaner müssten es besser wissen und in der Wettkampfvorbereitung auf mexikanisches Fleisch verzichten.

Am Ende sperrte der Verband WBC den Champion für ein halbes Jahr, die in den Verbandsrichtlinien eingetragene Mindestdauer für Dopingvergehen. Er durfte seinen Titel behalten, nur ein einziger Kampf fiel aus. Noch im selben Jahr stand Alvarez wieder im Ring, brachte sich, seinem Promoter - und nicht zuletzt auch dem Verband WBC, sehr viel Geld ein. Vom Doping redet mittlerweile niemand mehr. Und wenn doch, sind Verband und Sportler fein raus: Der WBC hat durch die Mindestsperre sein Gesicht gewahrt. Der Mexikaner schiebt es nach wie vor aufs Rindfleisch.

Eine Frage des Geldes

Ein solches Vorgehen wäre in Kooperation mit der WADA nur schwer möglich gewesen. Die WADA-Richtlinien sehen im Normalfall Sperren zwischen zwei und vier Jahren vor - auch für nicht bewusstes, fahrlässiges Doping. Dass ein überführter Sportler seinen Titel behält, ist kaum denkbar. Die Verbände haben keinen eigenen Spielraum. Dazu kommen eine festgelegte Zahl an Kontrollen, die von den Verbänden mitbezahlt werden müssen - und manchmal kostspielige, aufwändige Gerichtsverfahren. Am Ende geht es auch in der Dopingbekämpfung ums Geld. Zu viel Geld für kleine Verbände meint Thomas Pütz. Er ist Präsident des Bundes deutscher Berufsboxer. "Wir als BDB könnten das alles überhaupt nicht leisten", sagte Pütz im Sportschau-Interview.

Thomas Pütz

Thomas Pütz, Präsident des Bundes deutscher Berufsboxer.

Die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) kritisierte das Profiboxen deshalb seit langem. Dass Felix Sturm der erste war, der das auch vor Gericht zu spüren bekam, war wahrscheinlich Zufall. Er war der erste positiv getestete Boxer, nach Inkrafttreten des Anti-Doping-Gesetzes in Deutschland. Die NADA hatte plötzlich etwas gegen das Boxen in der Hand. Kaum jemand rechnete mit einer Verurteilung, ursprünglich war die Anklage wegen Dopings gar nicht erst zugelassen worden. Doch die Richter am Kölner Landgericht sprachen Sturm in erster Instanz der Körperverletzung schuldig. Streng genommen hatte er nichts anderes gemacht, als seinen Sport ausgeübt. Einen Sport, der Teil des olympischen Programms ist.

Durch Sport zum Straftäter? Ein Novum mit offenen Fragen

Wo juristisch gesehen Körperverletzung anfängt, ist dabei möglichweise gar nicht entscheidend. Entscheidend ist die Frage, ob Doping in einer gefährlichen Sportart wie Boxen als Kavaliersdelikt behandelt werden sollte, bei dem man gerne mal ein Auge zudrückt. Diese Entscheidung hat in Deutschland erstmals der Staat den Box-Verbänden abgenommen. Eine neue Dimension. Ob es mit Felix Sturm wirklich den richtigen getroffen hat, ist nicht abschließend geklärt. "Das Urteil ist aus unserer Sicht fehlerhaft. Es gab keine eindeutige Beweislage", sagte Sturms Anwalt Andreas von Dahlen im Sportschau-Interview. Jetzt wird sich vorerst der Bundesgerichtshof damit auseinandersetzen müssen.

Felix Sturm (M.) mit seinen Anwälten

Felix Sturm (M.) mit seinen Anwälten

Dennoch ist der Richterspruch ein Einschnitt, der das Problembewusstsein bei den Profiboxern im besten Falle schärft. Aber er ist auch ein Einschnitt, der neue Fragen aufwirft. Die Dopingprobe, die Sturm zum Verhängnis wurde, wurde von einem privaten Institut in den USA in Auftrag gegeben. Das US-Institut ist fachlich anerkannt. Doch reicht die Analyse im Auftrag eines privaten US-Unternehmens, um einem Strafverfahren samt Urteilsspruch in Deutschland standzuhalten? BDB-Präsident Pütz hält das für fragwürdig. "Wegen eines Tests im Auftrag eines auf Profit ausgerichteten Unternehmen aus den USA wird ein deutscher Sportler ins Gefängnis geschickt - das halte ich für schwierig", so Pütz.

Dazu bleibt die offene Frage der Kontrollen. Müsste nicht flächendeckend und regelmäßig kontrolliert werden, damit auch vor dem Strafgesetz Chancengleichheit besteht? Sturm wurde getestet, weil er einen WM-Kampf bestritt. Was ist mit den vielen anderen Profi-Kämpfen, die vor der Corona-Krise jedes Wochenende stattgefunden haben? Thomas Pütz sieht auch dort jetzt den Staat am Zug: "Wenn Doping zu einem Strafverfahren führt, wenn Sportler eine Haftstrafe fürchten müssen, dann muss es der Staat auch kontrollieren. Das gilt jetzt im Übrigen für jede Sportart."

In welche Richtung steuert das Boxen?

Für die Nationale Anti Doping Agentur wird das erstinstanzliche Urteil gegen Felix Sturm Ansporn sein, weitere Dopingfälle im Boxen zur Anzeige zu bringen. Die NADA bezeichnete es als "wichtigen Meilenstein für das Anti-Doping-Gesetz und richtungweisend auch für zukünftige Strafverfahren". Doch das Boxen selbst hat durch die prekäre Situation auch eine Chance. Wie kaum eine populäre Sportart ringt es um Image, Glaubwürdigkeit und Öffentlichkeitspräsenz, nicht nur wegen der zweifelhaften Dopingbekämpfung. In der jetzigen Situation ein schlüssiges Anti-Doping-Konzept vorzulegen, könnte der Branche verspielten Kredit zurückbringen. Verurteilte Straftäter würden den Sport dagegen weiter in die Ecke drängen. Je nach Betrachtungsweise würde wohl auch das viel Geld kosten.

Mehr zum Prozess gegen Felix Sturm und den Folgen sehen Sie am Sonntag (10.05.2020) ab 18.30 Uhr in der ARD Sportschau.

Stand: 08.05.2020, 17:36

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