Karriereende nach Verletzungen - Der Kampf mit dem eigenen Körper

Beachvolleyballerin Kira Walkenhorst neben Partnerin Laura Ludwig im Sand

Verletzungsbedingtes Karriereende

Karriereende nach Verletzungen - Der Kampf mit dem eigenen Körper

Von Franziska Wülle

Wenn Verletzungen den sportlichen Traum zerstören: Für Kira Walkenhorst war es "die mit Abstand härteste" Entscheidung ihrer Karriere. Auch Andy Murray verkündete sein Karriereende hochemotional.

Andy Murray versteckt sein Gesicht unter dem Schirm seiner Basecap, immer wieder bricht der Schotte seine Sätze ab. Unter Tränen verkündet die einstige Nummer eins der Tenniswelt ihr Karriereende. Lange hat sich Murray gequält im eng getakteten ATP-Wettkampfkalender. Nach 20 Monaten Training unter Schmerzen ist spätestens in Wimbledon Schluss mit dem Profi-Sport.

Wenige Wochen später gibt es einen ähnlich emotionalen Auftritt im alpinen Skisport: Lindsey Vonn zeigt sich bei ihrem Weltcup-Comeback in Cortina d’Ampezzo verzweifelt - und denkt laut über das Karriereende nach. Zu groß sind die Schmerzen im Knie für das große Ziel, den Rekord der 86 Weltcupsiege von Ski-Alpin-Legende Ingemar Stenmark noch zu knacken.

Murrays tränenerstickte Rücktrittsankündigung Sportschau 11.01.2019 00:55 Min. Verfügbar bis 11.01.2020 Das Erste

Walkenhorst: Härteste Entscheidung

Mit weniger öffentlichen Tränen verkündete Kira Walkenhorst Anfang Januar in einer Mitteilung des Deutschen Volleyball-Verbandes "die mit Abstand härteste" Entscheidung ihrer Karrierere. Nach einer langen Verletzungsgeschichte mit zehn Operationen und vielen Comebacks sind die mit Partnerin Laura Ludwig gesteckten Ziele nicht mehr zu erreichen.

"Ich bin am Ende nur noch mit Angst ins Training gegangen und habe nur gehofft, dass ich die Einheit irgendwie überstehe. Immer wieder musste ich das Training heulend beenden, weil der Körper gestreikt hat und immer irgendwas wehtat", erzählt Walkenhorst. Zu groß sind die Schmerzen.

Psychologin: "Die Sportler müssen bei Null anfangen"

Murray, Vonn und Walkenhorst – drei Beispiele, die zeigen, wie schwierig das verletzungsbedingte Karriereende für Spitzensportler ist. Für Diplom-Psychologin Marion Sulprizio von der Deutschen Sporthochschule Köln spielen dabei zwei Faktoren eine wichtige Rolle: "Zum einen werden die Sportler durch Verletzungen ungewollt aus dem System Leistungssport herausgerissen, für das sie bisher alles gegeben haben. Dann müssen sie wieder bei Null anfangen, weil die meisten Athleten keinen Plan B haben." Das Karriereende sei umso dramatischer, wenn man alles auf den Leistungssport gesetzt habe.

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Leistungssportler sind extrem willensstark

Walkenhorst fiel es schwer, sich nach den vielen erfolgreichen Verletzungs-Comebacks einzugestehen, dass der Körper die eigenen Ziele nicht mehr zulässt. Für Sulprizio eine logische Konsequenz aus dem Leben als Topathlet. "Die meisten Leistungssportler sind hart im Nehmen und kennen das Leben mit Schmerzen. Sie sind nicht darauf gepolt, bei der kleinsten Schwierigkeit aufzuhören", erklärt Sulprizio.

Als Leistungssportler lerne man, mit Druck umzugehen, und setze sich auch über die schmerzhaften Auswirkungen der Anstrengung hinweg. Die Top-Athleten zeichneten sich durch eine enorme Willensstärke aus.

"Gesunder" Leistungssport?

Ist unter diesen Umständen gesunder Leistungssport überhaupt möglich? Aus sportmedizinischer Sicht sprechen vor allem volle Wettkampfkalender, die nur wenige Regenerationsphasen ermöglichen, dagegen. "Leistungssport ist im besten Fall gesundheitsneutral", sagt Trainingswissenschaftler Dr. Patrick Wahl von der Kölner Sporthochschule. Dafür müssten aber die individuellen genetischen Voraussetzungen des Sportlers stimmen.

Sportpsychologin Sulprizio sieht in der Leistungsentwicklung gekoppelt mit Persönlichkeitsentwicklung und psychischer Gesundheit drei wichtige Säulen für gesunden Leistungssport. Nach dem Karriereende bleiben laut Sulprizio die letzten beiden elementar. Dafür müssen sich Sportler, insbesondere nach einem von außen erzwungenen Ende, neue Reize setzen. Denn Ziele sind der Initiator für Anstrengung.

Walkenhorst im Interview: "Ich will mein letztes Match noch nicht gespielt haben"

Sportschau 18.01.2019 09:08 Min. Verfügbar bis 18.01.2020 ARD

Walkenhorsts "neues Ziel" ist die Familie. Ihre Frau hat im Oktober Drillinge zur Welt gebracht. Und auch ein Comeback auf dem Beachvolleyballplatz schließt die 28-Jährige nicht aus: "Ich will mein letztes Match noch nicht gespielt haben. Die Sehnsucht, irgendwann wieder Sand zwischen den Zehen zu spüren, ist immer noch da!"

Stand: 29.01.2019, 08:14

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