Basketball - Die Euroleague braucht den FC Bayern

Bayerns Derrick Williams im Spiel gegen Kaunas

Interview mit Euroleague-Chef Bertomeu

Basketball - Die Euroleague braucht den FC Bayern

Euroleague-Boss Jordi Bertomeu stellt den Basketballern des FC Bayern einen dauerhaften Startplatz in der europäischen Königsklasse in Aussicht. Im Interview mit sportschau.de spricht er über die Expansionspläne der Euroleague, den Streit mit dem Weltverband FIBA und die Vision einer europäischen NBA.

sportschau.de: Senor Bertomeu, die Euroleague hat vor zwei Jahren auf ein Liga-Format umgestellt, mit Hin- und Rückrunde und 30 Spielen in der regulären Saison. Wie fällt ihr Zwischenfazit aus?

Bertomeu: Wir können jetzt schon sagen, dass es eine richtige Entscheidung war. Der Trend und die Zahlen sind positiv, ebenso die Resonanz von den Klubs und unseren Partnern. Alle sind sehr glücklich mit dem neuen Format. Ein fester Terminplan bis in den April, ohne Pausen und Gruppenphasen, gibt allen Klubs Planungssicherheit und mehr Möglichkeiten, Ticketverkäufe, Reisen und PR-Termine zu organisieren. Das ist extrem wertvoll.

sportschau.de: Werden Sie am Format festhalten?

Bertomeu: Klare Antwort: Ja, wir werden nicht wieder den Schritt zurück machen. Wir werden auch nicht soweit expandieren und so viele Klubs aufnehmen, dass wir wieder eine Gruppenphase einführen müssten. Dieses System, eine Liga, bei der Jeder gegen Jeden spielt, ist unserer Überzeugung nach der Schlüssel zum Erfolg. Wir werden in der kommenden Saison, 2019/20, zwei weitere Mannschaften aufnehmen, weil wir dann das neue Format als vollständig konsolidiert betrachten. Dann wird es ein Spiel mehr geben pro Spieltag.

sportschau.de: Genau dies ist aber eine Sorge, die man auch aus der Basketball-Bundesliga hört: Je weiter die Euroleague expandiert, je mehr Spiele es gibt, desto größer wird die Bedrohung für die nationalen Ligen.

Bertomeu: Eine Erweiterung auf mehr als 18 Teams ist schwierig durchzusetzen, schon allein weil wir die Qualität der Liga im Auge behalten müssen. Wir sind uns nicht sicher, ob bei 20 Mannschaften nicht doch die Spielstärke leiden wird. Noch wichtiger ist aber in der Tat der Aspekt, dass wir bei einer 20er-Liga und 38 Spieltagen während der regulären Saison einen Konflikt mit dem Spielplan der nationalen Ligen bekommen würden. Wir wollen ihnen aber nicht schaden, deshalb haben wir uns selbst diese Beschränkung gegeben, nicht weiter zu wachsen.

sportschau.de: Die Aufstockung der Euroleague ab der kommenden Saison sieht so aus, dass Bayern München und der französische Klub Asvel Villeurbanne jeweils eine Wildcard für zwei Jahre erhalten. Warum expandiert die Euroleague nach Deutschland und Frankreich?

Euroleague-Chef Jordi Bertomeu

Euroleague-Chef Bertomeu: "Deutschland ist Schlüsselmarkt"

Bertomeu: Die Euroleague ist seit ihren Anfängen vor allem stark in Südeuropa, im Mittelmeerraum vertreten. Wenn es darum geht, weiter zu wachsen, die Qualität der Liga zu erhöhen, müssen wir auch die Märkte im Norden erobern, mit Millionen von Basketball-Fans. Deutschland und Frankreich sind ganz einfach Schlüsselmärkte, wobei Deutschland mit der BBL derzeit wirtschaftlich noch etwas stärker aufgestellt ist. Die BBL hat eine fantastische Entwicklung genommen. Für die Euroleague ist es deshalb wesentlich, unsere Präsenz auf dem deutschem Markt zu erhöhen. Das geht am besten mit zwei deutschen Teams in der Euroleague.

sportschau.de: Das heißt, dass künftig neben dem FC Bayern mit der Wildcard ein zweites Team aus der BBL ein Startrecht für die Euroleague bekommt?

Bertomeu: Ja, für den nächsten Zyklus, der ab der Saison 2019/20 beginnt, werden wir zwei Plätze für deutsche Klubs haben: Einen Platz für die Mannschaft, die sich über das Abschneiden in der BBL qualifiziert. Und eine Wildcard für den FC Bayern als "Expansion Team". Die Euroleague hat schon immer Wert auf eine gewisse Stabilität und Kontinuität gelegt. Wenn Klubs ständig kommen und gehen, hilft das keinem. Wir wollten einem deutschen Klub die längerfristige Chance geben, sich in der Euroleague zu etablieren. Gleichzeitig aber wollten wir der BBL nicht ihren festen Startplatz wegnehmen für das Team, das sich über die Liga qualifiziert.

sportschau.de: Warum fiel die Entscheidung mit der Wildcard auf den FC Bayern München? Und nicht auf Bamberg, die in den vergangenen Jahren in der Euroleague vertreten waren, oder auf Alba Berlin?

Bertomeu: Bamberg und Berlin sind traditionelle Märkte. Aber München und Bayern betrachten wir als den größten Wachstumsmarkt. Es gibt womöglich keine größere Sportmarke in Deutschland als den FC Bayern. Und sie haben auch Basketball-Tradition. Sie sind als Klub großartig aufgestellt, vor allem wie sie als großer Fußballklub auch den Basketball wirtschaftlich nach vorne bringen. Damit sind sie ein Vorbild für Klubs wie Real Madrid oder ZSKA Moskau. Und das Wichtigste, sie haben einen Plan für die Zukunft. Es war eine schwierige Entscheidung, aber all das hat am Ende den Ausschlag gegeben, dass Bayern die beste Option ist.

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sportschau.de: Was passiert nach den zwei Jahren - wird der FC Bayern dann ein sogenanntes A-Lizenz-Team mit einem dauerhaften, garantierten Startplatz?

Bertomeu: Das ist der Plan, so haben wir es auch schon in der Vergangenheit gemacht, zuletzt bei Olimpia Mailand. Sie sollen uns und sich beweisen, dass sie auf diesem Niveau wettbewerbsfähig sind. Bei den Bayern haben wir aber keinerlei Bedenken, dass dies nicht der Fall sein wird. Wenn die nächsten zwei Jahre nach Plan verlaufen, bin ich mir sicher, dass aus der Wildcard ein dauerhafter Startplatz wird, so wie ihn Real Madrid, Maccabi oder Olympiakos haben.

sportschau.de: Sie haben das Problem finanzieller Stabilität angesprochen. Es gibt große Unterschiede bei den Budgets der Vereine. Wie wollen Sie Stabilität und Wettbewerbsgleichheit sicherstellen?

Bertomeu: Wir sind keine geschlossene Liga, die auf einem abgeschlossenen Markt operiert, mit einheitlichem Regelwerk. Dann wäre es uns möglich, Mechanismen zu installieren, wie wir etwa Einkommensunterschiede zwischen Klubs ausgleichen können. Real Madrid etwa erwirtschafet 700 Millionen Euro, ein Klub wie Malaga schafft das nicht. Aber wir sind ein kontinentaler Wettbewerb mit mehreren Nationen und Verbänden. Es ist sehr schwierig, grundlegende, übergreifende Regeln zu entwickeln, wegen der unterschiedlichen Steuersysteme, Vorschriften im Rechnungswesen. Vor allem in den Nicht-EU-Staaten gibt es noch große Unterschiede hinsichtlich der Transparenz.

Euroleague-Sieger Real Madrid

Euroleague-Sieger Real Madrid: 700 Millionen Umsatz

Was wir aber steuern können, ist das nachhaltige Wirtschaften. Wir gucken sehr genau hin, wenn Klubs verschuldet sind und haben in der Vergangenheit auch schon Strafen verhängt, etwa ein Verbot, neue Spieler zu verpflichten. Ein anderes großes Problem, das wir haben, sind die Klubs, bei denen ein beträchtlicher Teil des Budgets nicht durch den Basketball erwirtschaftet wird, sondern von Multi-Millionären, Klub-Eignern oder Firmensponsoren übernommen wird. Wir denken aktuell über eine Art Luxussteuer nach, um mehr Chancengleichheit herzustellen. Die Gespräche darüber haben begonnen, wir arbeiten daran - aber insgesamt haben wir nicht viele Werkzeuge.

sportschau.de: Ist eine geschlossene Liga das Ziel für die zukünftige Entwicklung? Geht die Euroleague in die Richtung einer europäischen NBA?

Bertomeu: Die Klubs sprechen immer wieder davon, seit 30 Jahren. Was sie aber verstehen müssen: in einer geschlossenen Liga gehört nichts mehr den Vereinen. Ein Franchise-System bedeutet, dass die Liga fast alle Entscheidungen trifft, die Klubs müssen Macht, Rechte und Entscheidungshoheit abgeben. Wenn sie dazu bereit sind, wäre es eine gute Lösung. Aber das ist meine persönliche Meinung.

Es ist bereits ein Entwicklungsprozess im Gang. Als wir angefangen haben, war in der Euroleague noch fast alles individuell geregelt. Iinzwischen haben wir gemeinsame Medienrechte, Lizenzrechte. Der Wert des Gemeinschaftseigentums wird immer größer, damit wächst auch die Bereitschaft der Klubs, Verantwortung zu teilen. Ab einem bestimmten Punkt ist es dann nur noch ein kleiner Schritt hin zu einer geschlossenen Liga. Aber es ist ein Prozess.

sportschau.de: Der europäische Basketball wird überschattet vom Streit zwischen der Euroleague-Organisation und dem Weltverband FIBA, unter anderem um die neu eingeführten Länderspielfenster. Als Ergebnis dieses Streits haben wir momentan vier europäische Wettbewerbe. Wie groß ist der Schaden für den europäischen Basketball?

Bertomeu: Wir hatten drei Wettbewerbe in Europa - bis die FIBA entschieden hat, einen vierten ins Leben zu rufen. Aus unserer Sicht ergab dies keinen Sinn. Die FIBA wollte, dies ist offensichtlich, ein Konkurrenzprodukt zur Euroleague schaffen, als Konsequenz aus dem politischen Streit. Aber es ist ein Fake-Produkt, was schon beim Namen anfängt: Es ist eine Champions League ohne Champions. Für uns als Organisation hat es keinen negativen Effekt. Aber als Folge davon haben wir jetzt blödsinnige Mechanismen bei den Klubs: Ulm steht am Ende der Saison vor der Frage: In welcher europäischen Liga sollen wir spielen? Es ist nicht transparent. Und das ist meine große Sorge: Es ist die falsche Art, den Fans Basketball zu präsentieren. Und die Fans sind nicht dumm.

Das Interview führte Christian Mixa.

Thema in: Sport aktuell, Deutschlandfunk, 23.12.18, 22.50 Uhr

Stand: 21.12.2018, 06:00

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